Nun können ja einige fortgeschrittene LeserInnen des Buches erhaben sein über derartige Aufklärung, ich jedenfalls war es keineswegs. Meine "Vorrednerin" möge es mir verzeihen, wenn ich ihre Rezension zum Anlass nehme, um ein deutliches Plädoyer für dieses Buch zu halten.
Das Schwarzmondtabu von Jutta Voss gehört zum Beklemmendsten, Ergreifendsten, Aufrüttelndsten, Mutigsten und bei allem Liebevollsten was ich je gelesen habe.
Ausgerechnet einer solchen Autorin, die ja gerade das gängige männlich-rational geprägte Wissenschaftsdiktat und unsere Vorstellung von objektiver Wissenschaftlichkeit ganz bewusst in Frage stellt, Unwissenschaftlichkeit vorzuwerfen, wäre für mich schon nach dem Lesen der Einführung unmöglich gewesen. Gerade in dem der Text nicht rein "objektivierend" bleibt, sondern im Sinne eines ganzheitlichen, von Weisheit getragenen Denkansatzes auch die emotionalen Erfahrungen mit einschließt, vermag er mitzureißen, aufzuwecken ja beinahe zu elektrisieren.
In einer Fülle kulturhistorischer Zusammenhänge und aus einem allumfassenden Wissensschatz erfährt die Leserin weibliche Geschichte - ja ich wage sogar zu behaupten - sie erfährt sich selbst. Sie bekommt eine Ahnung von der Jahrtausende währenden systematischen Abwertung des Weiblichen und von den Folgen, an denen wir auch heute als Frauen an Leib und Seele zu tragen haben und an denen letztlich nicht nur unser menschliches Miteinander, sondern auch die Natur als Ganzes zu leiden hat.(Im übrigen habe auch ich das Buch mit meinem Mann gemeinsam gelesen und es hat uns Beide gleichermaßen erfasst, im besten aller Sinne.)
Als Skeptikerin eines jeglichen "...ismus" kann ich hier eine solche ideologische Vereinnahmung meiner eigenen Denkfähigkeit nirgends entdecken. Und dass in einem Buch, welches bereits 1988 erschienen ist, die gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahre noch keine Berücksichtigung finden, scheint mir nur allzu natürlich.
Aus meiner Sicht hat das Buch bis heute nichts an Brisanz und Aktualität eingebüßt. Für mich gehört der Text zu den initialen, matriarchal geprägten Denkansätzen.
Unter der Vorgabe patriarchaler Gesellschaftsstrukturen leben wir auch in diesen vermeintlich so freiheitlichen, hochentwickelten und gleichberechtigten Zeiten, gleichgültig ob wir uns nun in Brasilien, Turkmenistan oder eben in Deutschland zu Hause fühlen. Noch immer bestimmt das Streben nach Macht und Besitz und damit die Konkurrenz und nicht das menschliche Miteinander das Leben - und sei es auch "nur" indirekt indem wir diesen Strukturen und damit auch der alltäglichen Gewalt ausgeliefert sind, von der Gewalt im Kriege einmal ganz abgesehen, die weltweit unzählige Opfer kostet. Wir haben diese Strukturen nur derart verinnerlicht, dass wir den Ewigkeitsanspruch glauben, ohne ihn kritisch zu hinterfragen.Oder wir halten uns gar für unabhängig oder diese Thesen für veraltet.
Dass menschliches Zusammenleben nicht immer vom Recht des Stärkeren bestimmt war und dies deswegen auch nicht immer so sein muss, ist eine der wichtigsten Erkenntnisse, die aus diesem Buch zu ziehen sind. Dass die Autorin sich aufgemacht hat, den Wert und die Bedeutung des Weiblichen für den Fortbestand unserer Art aus den verdrängten Tiefen unserer Geschichte, aber auch in uns selbst, ans Licht zu holen ist ein Verdienst, den wir vielleicht als menschliche Gemeinschaft erst allmählich erfassen können.
Es ist ein Buch, das uns befähigt Fragen zu stellen, für die es zuvor gar keine Worte gab. Wenn wir auf diese Fragen nun beginnen Antworten zu suchen, so werden wir wunderbare Literatur finden, die uns auf diesem Weg begleiten kann. Für Ideen und tragbare Zukunftsmodelle zu einer wahrhaft demokratischen friedlichen Gesellschaft wird unser aller Kreativität nötig sein.
Wie kontaminiert von patriarchalen Denkmustern auch heute noch unsere gesamten gesellschaftlichen Strukturen sind und wie
bis heute selbst wissenschaftliche Texte höchster Provenienz durch bewußte Verdunklung oder unkritische Bearbeitung von Fakten und Literatur zum Erhalt dieses Systems beitragen, läßt sich auf beeindruckende Weise im Buch von Gerhard Bott: "Die Erfindung der Götter" nachvollziehen. Dieser schildert mit messerscharfer Begrifflichkeit und Brillanz wie sich aus den egalitären Lebensgemeinschaften unserer frühen Kulturen und dem Kult der "Großen Göttin" patriarchale Strukturen entwickeln. Er belegt wissenschaftlich hochaktuell, bestechend und schlüssig wie eine aus dem natürlichen Lebenszusammenhang entstandene Religion durch eine politische Theologie, deren Interesse die Legitimation männlicher Herrschaftsansprüche ist, immer weiter zurückgedrängt wird. In dieser Verdrängung und Erniedrigung des Weiblichen, der Entstehung von Hierarchien und der damit einhergehenden ungeheuren Gewaltanwendung haben alle unsere heutigen Gesellschaften mit ihren politischen, wirtschaftlichen und religiösen Legitimationsbemühungen ihre kulturellen Wurzeln.
zusätzlich möchte ich noch andere weiterführende Literatur empfehlen:
"Gesellschaft in Ballance" /H.Göttner-Abendroth Hrsg.- Dokumentation des ersten
Weltkongresses der Matriarchatsforschung 2003
"Menstruation-von der Ohnmacht zur Macht" /Dagmar Margotsdotter-Fricke
"Und wieder fühle ich mich schuldig" / Christa Mulack
"Starke Mütter verändern die Welt" /Kirsten Armbruster
"Das geheime Wissen der Frauen. Ein Lexikon." / Barbara G. Walker