Aus der Amazon.de-Redaktion
Es sind in der Tat weniger die Fakten, die provozieren, vielmehr sind es die alten Fragen in neuem Gewande, die Courtois im Vorwort stellt: Wieso war es so lange nicht möglich, ein derartiges Buch zu schreiben? Und was spricht dagegen, die Mechanismen der Machtausübung zweier totalitärer Systeme, namentlich des Nationalsozialismus ("Rassen-Totalitarismus") und des Kommunismus ("Klassen-Totalitarismus") als zumindest 'ähnlich' zu klassifizieren?
Völlig nachvollziehbar steht die 250 Seiten starke Analyse der leninistischen und stalinistischen Verbrechen ("Ein Staat gegen sein Volk") von Nicolas Werth im Zentrum der Betrachtungen, handelte es sich dabei doch um das Gravitations- und Expansionszentrum kommunistischer Herrschaftstechnik schlechthin. Eine Technik, die darin bestand, die "Feinde der Arbeiterklasse" wahlweise 'umzuerziehen' oder gleich zu eliminieren. Hier führte die teilweise Öffnung der Archive zu neuen Erkenntnissen. Die übrigen Beiträge, die neben den osteuropäischen, sozialistischen Systemen auch die asiatischen, lateinamerikanischen und afrikanischen Metastasen des Kommunismus ins Blickfeld rücken, mußten mit einer sehr viel schmaleren Datenbasis auskommen.
Der Sprengstoff dieses Buches liegt in der Enttabuisierung: Massenmord wird hier als das bezeichnet, was er war: als Herrschaftstechnik. Damit ist der erste Schritt getan, um eine große Forschungslücke zu schließen. Auf jeden Fall entlarvt diese Topographie des Verbrechens Eines: 80 - 100 Millionen Tote sind nicht das Resultat einer Entartung der kommunistischen Idee, alle Menschen wären gleich, sondern die Idee selbst ist entartet. --Manfred Schwarzmeier -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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Kurzbeschreibung
Autorenportrait
Auszug aus Das Schwarzbuch des Kommunismus, Sonderausgabe von Stephane Courtois, Nicolas Werth, Jean-Louis Panne. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Ende 1920 schien das bolschewistische Regime zu triumphieren. Die letzten weißen Truppen waren besiegt, die Kosaken geschlagen und Machnos Einheiten aufgerieben. Trotzdem: Auch wenn der Krieg zwischen den Roten und Weißen, der als solcher nie bestritten wurde, beendet war, gingen die Auseinandersetzungen zwischen dem Regime und weiten Teilen der Bevölkerung unvermindert weiter. Die Bauernkriege erreichten ihren Höhepunkt 1921, als ganze Provinzen sich der Kontrolle der bolschewistischen Macht entzogen. In der Provinz Tambow, einem Teil der Wolgaprovinzen (Samara, Saratov, Zarizyn, Symbirsk) und in Westsibirien konnten sich die Bolschewiki nur in den Städten halten. Auf dem Land lag die Kontrolle in den Händen der Grünen, die Hunderte von Banden, ja sogar regelrechte Bauernheere bildeten. Jeden Tag meuterten Einheiten der Roten Armee. In den letzten noch produzierenden Industriezentren des Landes - in Moskau, Petrograd, Iwanowo-Wosnessensk und Tula - nahmen die Streiks, Aufstände und Arbeiterproteste deutlich zu. Ende Februar 1921 kam es auch in der vor Petrograd liegenden Flottenbasis von Kronstadt zur Meuterei. Die Spannungen nahmen bedrohlich zu, und das Land wurde unregierbar. In Anbetracht eines sozialen Erdbebens, welches das Regime zu stürzen drohte, sahen sich die bolschewistischen Parteiführer zum Rückzug gezwungen und griffen zu der einzigen Maßnahme, die für den Augenblick die Gemüter beruhigen konnte. Am gefährlichsten und unmittelbarsten war die Unzufriedenheit der Bauern. Die Bolschewiki versprachen, die Beschlagnahmungen zu beenden und dafür die Naturalsteuer einzuführen. Im Zusammenhang mit diesen Auseinandersetzungen zwischen dem Regime und der Gesellschaft zeichnete sich ab März 1921 die Neue Ökonomische Politik (NEP) ab.
Eine lange Zeit vorherrschende Politikgeschichte hat die "Zäsur" vom März 1921 deutlich überbetont. Die als Ersatz für die Beschlagnahmungen am letzten Tag des X. bolschewistischen Parteikongresses unter dem Druck der sozialen Spannung in aller Eile angenommene Naturalsteuer hat weder das Ende der Bauernrevolten und Arbeiterstreiks noch ein Nachlassen der Repressionen bewirkt. Die heute zugänglichen Archive zeigen deutlich, daß sich der zivile Frieden im Frühjahr 1921 nicht von einem Tag auf den anderen eingestellt hat. Mindestens bis zum Sommer 1922 herrschen immer noch starke Spannungen, in manchen Regionen sogar weit länger. Auf dein Lande wüteten weiterhin die Requirierungskommandos, die Arbeiterstreiks wurden mit brutaler Gewalt gebrochen, die letzten sozialistischen Kämpfer verhaftet, Geiseln in Scharen erschossen, Dörfer mit Giftgas bombardiert, und auch "die Ausrottung der Waldbanden" wurde mit allen Mitteln fortgesetzt. Letzten Endes war es die große Hungersnot von 1921/22, welche die aufsässigsten Landstriche zur Ruhe brachte, jene Landstriche, die von den Requirierungskommandos am meisten heimgesucht worden waren und die sich erhoben hatten, um zu überleben. Die Landstriche der Hungersnot decken sich exakt mit den Gebieten, in denen die Beschlagnahmungen in den vorangegangenen Jahren am rücksichtslosesten durchgeführt worden waren und in denen die Bauernrevolten am heftigsten waren. Als "objektive" Verbündete des Regimes und absolute Befriedungswaffe diente die Hungersnot den Bolschewiki im übrigen als Vorwand für ihren entscheidenden Schlag gegen die orthodoxe Kirche und die Intelligenzija, die sich zum Kampf gegen die Katastrophe stark gemacht hatten.
Von allen Bauernrevolten, die seit der Einführung der Beschlagnahmungen im Sommer 1918 zum Ausbruch kamen, war die von Tambow die längste, die wichtigste und die am besten organisierte. Die Provinz Tambow - über 500 Kilometer südöstlich von Moskau - war seit Beginn des Jahrhunderts eine der Hochburgen der sozialrevolutionären Partei, der Erbin des russischen Populismus. Trotz der Repressalien, die diese Partei zu erdulden hatte, besaß sie in den Jahren 1918/20 immer noch eine große und aktive Anhängerschaft. Außerdem war die Provinz Tambow für Moskau die nächstgelegene Kornkammer und so wüteten bereits im Herbst 1918 über 100 Requirierungskommandos in dieser dichtbevölkerten Agrarprovinz. 1919 kam es zu Dutzenden von buntys, von Aufständen ohne große Folgen, die alle erbarmungslos niedergeschlagen wurden. 1920 wurden die Quoten für die Beschlagnahmungen merklich erhöht: von 18 auf 27 Millionen Pud. Die Bauern hatten jedoch bewußt weniger Felder eingesät, wohlwissend, daß alles, was sie nicht innerhalb kürzester Zeit verbrauchen konnten, beschlagnahmt werden würde.128 Die Erfüllung der Quoten bedeutete also den Hungertod der Bauernschaft. Am 19. August 1920 kam es in der Ortschaft Chitrowo zu den altbekannten Ausfällen der Versorgungskommandos. "Die Kommandos ließen sich einige Übergriffe zuschulden kommen", wie selbst die örtlichen Behörden zugaben. "Auf ihrem Durchzug plünderten sie alles, selbst Kissen und Küchengeräte. Sie teilten sich die Beute und verprügelten vor aller Augen alte Männer von 70 Jahren. Die Alten wurden bestraft, weil man ihrer fahnenflüchtigen, sich in den Wäldern versteckenden Söhne nicht habhaft werden konnte. [...] Was die Bauern auch in Aufruhr versetzte, war die Tatsache, daß das beschlagnahmte Korn bis zum nächsten Bahnhof gekarrt wurde und dort unter freiem Himmel verdarb." 129