Mit Superlativen sollte man vorsichtig sein, dennoch scheue ich mich nicht zu sagen, dass Tarraschs "Das Schachspiel" wenn nicht das beste, so doch zumindest eines des besten Schachbücher ist. Die Methode, die er anwendet, um einen Neuling an das Spiel heranzuführen, ist selbst heute noch gültig:
"Ich wende in diesem Buch für die Anfangsgründe eine völlig neue Methode an, nämlich dieselbe, mit der die Mutter dem Kinde das Sprechen beibringt. Ich fange mit dem Anfänger gleich zu spielen an, indem ich ihm einfache Stellungen vorführe und an ihnen die Grundregeln erläutere. Also Anschauungsunterricht."
So baut Tarrasch am Anfang des Buches eine Stellung mit zwei Königen und einem Turm auf. Er erläutert zunächst die Zugweisen von König und Turm und erklärt, was ein Matt ist. Ganz nebenbei erlernt dabei der Schüler, wie man in einem solchen Endspiel mattsetzt - nämlich, indem man die Opposition der Könige am Brettrand erzwingt. So schlägt man zwei Fliegen mit einer Klappe und das Lernen und Erfassen geht spielerisch leicht.
Diese Methodik bestimmt das ganze Buch. Nach den "Anfangsgründen" folgt das Kapitel über das Endspiel, weil es wegen der wenigen Figuren am einfachsten zu überschauen ist. Die Anforderungen werden in diesem Kapitel deutlich erhöht. Wie jeder erfahrene Spieler weiß, ist z.B. das Mattsetzen mit Turm und Läufer gegen Turm ziemlich schwierig, dennoch wird es im Buch behandelt.
Nach dem Endspiel kommt das Mittelspiel - der umfangreichste Teil des Buches. Hier geht es um Fesselungen, Doppelangriffe, erstickte Matts, Randmatts, Rochadeeinschläge auf f7, g7, h7 usw. Dieser Teil kommt mir persönlich etwas unstrukturiert vor, selbst wenn man natürlich eine Menge lernt. Der Sprung vom Endspiel scheint mir hier zu groß. Es wäre vielleicht sinnvoller, zunächst die Eröffnungen zu behandeln und dann das Mittelspiel.
Die Eröffnungen bilden den letzten Teil des Kurses. Im allgemeinen Teil schildert Tarrasch die Bedeutung von Kraft (Anzahl der Figuren), Zeit und Raum. So meint er, dass ein Gambit dann korrekt sein müsste, wenn man drei Tempi für den Bauern hätte. Das ist ganz interessant, jedenfalls hatte ich es noch nie unter diesem Gesichtspunkt betrachtet.
Der spezielle Teil gibt einen Überblick über die damals gängigen Eröffnungen. Das ist historisch interessant, aber heute veraltet. Tarrasch hält nichts von indischen Eröffnungen, bei denen zunächst darauf verzichtet wird, das Zentrum zu besetzen. Diesbezüglich hat Nimzowitsch den Theoriestreit gewonnen, denn indische Eröffnungen gehören heute zu den meistgespielten, da ihre Korrektheit nachgewiesen ist.
Das einmalige an diesem Buch ist, dass es bei null anfängt und sich immer weiterentwickelt. Einen solch ganzheitlichen Ansatz findet man sonst kaum - schon gar nicht in der Leichtigkeit, mit der Tarrasch ihn präsentiert. Nach der Lektüre fühlt man sich als schachlicher Muttersprachler und nicht als jemand, der sich mühsam etwas angelernt hat, was ihm aber immer irgendwie fremd geblieben ist. Meines Erachtens reicht das intensive Studium dieses Buches unter Zuhilfenahme neuer Eröffnungstheorie aus, um eine DWZ von 2000 zu erreichen.