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Diese wesentliche Erkenntnis zum Verhalten bei bestimmten Systemarten bildet die Grundlage für den weiteren Verlauf des Buchs. Was wäre beispielsweise, wenn sich die Erdkruste in so etwas wie einem kritischen Zustand befindet und Erdbeben in Bezug auf Zeitpunkt und Ausmaß ähnlich verteilt sind wie die Lawinen auf einem Sandhaufen? Dann könnte man davon ausgehen, dass die Vorhersage von Erdbeben praktisch unmöglich wäre -- eine wichtige Schlussfolgerung, angesichts der Tatsache, dass in zahlreichen Ländern auf der ganzen Welt nach wie vor Unmengen von Geld just für diesen Zweck ausgegeben werden.
Und was wäre, wenn sich das Massensterben in der erdgeschichtlichen Vergangenheit, die Schwankungen an den Börsen oder die stürmischen Ereignisse in der Menschheitsgeschichte ebenfalls mit Hilfe der Theorie des kritischen Zustands erklären ließen? Wäre das der Fall, dann befänden wir uns möglicherweise kurz vor einer "neuen Wissenschaft der Geschichte". Sind die Theoretiker des "kritischen Zustands" nun einen Schritt näher an einer Vereinheitlichung des Wissens? Die Jury berät noch, aber warten Sie nicht auf ihr Urteil -- das kann noch eine Weile dauern. Lesen Sie das provokative Sandkorn, das die Erde zum Beben bringt, und bilden Sie sich Ihre eigene Meinung. --Chris Lavers
Leitmotiv der ganzen Geschichte ist der Sandhaufen, auf den Körnchen für Körnchen neuer Sand fällt ? computersimulierter Sand übrigens, denn der rieselt weitaus effektvoller als der echte. Mit der Zeit werden die Abhänge des Häufchens so steil, dass jeden Moment ein Erdrutsch droht ? und in der Tat löst ab und zu ein einzelnes Sandkorn eine kleine oder große Lawine aus. Deren Zeitpunkt und Ausmaß sind nicht vorhersagbar; es gibt noch nicht einmal eine typische Größe. Lawinen sind einfach umso häufiger, je kleiner sie sind; diese Abhängigkeit wird durch ein Potenzgesetz beschrieben. Was Per Bak und Kan Chen in dieser Zeitschrift (März 1991, S. 62) als "selbstorganisierte Kritizität" beschrieben haben, findet sich in vielen anderen Systemen. Das Paradebeispiel für Ereignisse, die jedes für sich überraschend und in ihrer Häufigkeit nach einem Potenzgesetz verteilt auftreten, sind Erdbeben; aber das Erklärungsmuster passt auf viele andere Phänomene: das Umklappen der Elementarmagnete in einem Eisenkristall nahe der kritischen (Curie-)Temperatur, Börsenkräche, Kriege und wissenschaftliche Umwälzungen. Wie kann es sein, dass so verschiedenartige Phänomene auf so einheitliche Weise korrekt beschrieben werden können, und das, ohne dass der Beschreiber sich überhaupt eingehend mit der Physik des einzelnen Phänomens beschäftigt? Wie ist es mit dem freien Willen des Einzelnen vereinbar, dass das kollektive Verhalten vieler Aktienhändler von einem Potenzgesetz beherrscht wird? Die Antworten auf solche Fragen sind, wie die Fragen selbst, erst wenige Jahre alt und teilweise noch ziemlich spekulativ. Umso mehr Respekt gebührt dem britischen Wissenschaftsjournalisten Mark Buchanan dafür, dass er dieses noch sehr unruhige und dementsprechend spannende Wissenschaftsgebiet so geordnet und in klarer, natürlicher Sprache dargestellt hat. Rezensent: Dr. Christoph Pöppe
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