Eine der siebzehn Geschichten in diesem Buch ist bekannt unter dem Titel
'Das Sanatorium zur Todesanzeige', polnisch 'klepsydra' und man müsste stehenden
Fußes Polnisch lernen, eine Sprache die diese poetische Doppelbedeutung eines Wortes
zulässt..
Franz Kafka hat einmal gesagt, er habe ganze Orchester von Assoziationen und das gilt
genauso für Bruno Schulz. In besagtem Sanatorium sind die 'elektrischen Leitungen der
Klingeln gleich über der Tür abgerissen und führen nirgendwohin. Kein Dienstpersonal
lässt sich blicken. Die Korridore sind Tag und Nacht in Dunkel und Stille getaucht'.
Im Anhang steht dieses schöne Zitat von Bruno Schulz:
'Mein nächstes Buch wird aus vier Erzählungen bestehen.
Das Thema ist -wie immer- unwichtig und schwierig zu vermitteln'.
Es ist ein Buch, das wegen der Dichte seiner Einfälle und des Ausnahmecharakters seiner
Ideen, die man erst einmal fassen muss, sich gar nicht eignet, nun Silbe für Silbe von Seite
eins bis Seite dreihundert brav lesend verfolgt zu werden. Man kann es ruhig mit Thomas
Bernhard halten, der sagte er sei mehr ein Umblätterer als ein Leser und dass der gewöhnliche
Leser ein Buch sowenig kennt wie ein Flugreisender die Landschaft, die er überfliegt, aber da
wo er lesend haltmacht 'tausendmal' gründlicher liest als sonstwer. Und man wird bei jedem Um-
blätter-Tag andere Stellen finden, die zum Halt einladen.
In einer Geschichte über die Zeit schreibt Bruno Schulz, eine Art Tadeusz Kantor der Literatur:
'Gewöhnliche Fakten sind in der Zeit aneinandergereiht, sind auf deren Verlauf gefädelt wie
auf eine Schnur. Dort haben sie ihre Antezedenzien und ihre Konsequenzen, die dicht aufeinander
folgen und einander ohne Pausen und Lücken auf den Fersen sind. Das gilt auch für eine Narration,
deren Seele aus Kontinuität und Sukzession besteht. Doch was soll man mit den Ereignissen tun,
die keinen eigenen Platz in der Zeit haben, mit Ereignissen, die zu spät gekommen waren, als
die Zeit schon zur Gänze vergeben, verteilt und vergriffen war, was tun mit den Ereignissen,
die nun gleichsam im Stich gelassen, nicht eingeordnet sind, die in der Luft hängen, heimatlos
und verloren?'
In einer anderen Geschichte findet man diesen Satz:
'Dann leert sich die Allee und unter dem Promenadengewölbe fieldelt ein schlecht gefederter
Kinderwagen leise auf seinen Drahtspeichen'.
Bei wem sonst kann man sowas Schönes entdecken ?
Vor vielen Jahren bin ich einmal mit einem Zettel voller Namen in die Berliner Autorenbuchhandlung
gegangen. Helma von Kieseritzky, eine der Gründerinnen war da und ich fragte sie, fast belustigt
von seinem Namen: 'Wer ist'n Bruno Schulz?'
Ich weiß nicht mehr was sie sagte, aber ich werde nie vergessen, wie ihr Gesicht plötzlich ganz ernst
wurde als ob sie über etwas ganz Besonderes, Erhabenes spricht.
Und sie kannte sicher alle Autoren die zu der Zeit mit Lesungen aktiv waren und war sicher mit der Hälfte
per Du. Wer das Buch gelesen hat, wird diese kleine Szene unmittelbar verstehen.