Wer Walter-Jörg Langbeins Buch liest, wird erstmals nach jahrzehntelangem Schweigen wieder mit der historischen Tatsache des weit vorchristlichen Matriarchats konfrontiert. In seiner analytischen Kritik zu Dan Brown's Buch: "Das Sakrileg" deckt er nicht nur oberflächliche und teils fehlerhafte Recherchen des Bestseller-Autors auf, sondern weist auch bewusst eingefügte Falschdarstellungen nach. Da ein solches Vorgehen zur "schriftstellerischen Freiheit" gehört, nur so können oft überhaupt Bestseller entstehen, ist ein Vorwurf an Dan Brown unangebracht. Viel interessanter und vor allem wichtiger an dem Buch Langbeins sind seine Richtigstellungen der missweisenden Ableitungen Browns historischer Ereignisse, sowohl aus der alt- und neutestamentarischen Darstellung als auch aus dem Wirken und Schaffen mittelalterlicher Gottesdiener und Künstlern der Renaissance.
Für Langbein spielt hier die Bedeutung des Matriarchats des vorpharaonischen Ägyptens, dessen religiöse Ausläufer sich in das alttestamentarische Israel verfolgen lassen, eine besondere Rolle. Was in Luthers Bibelübersetzung von 1545 verschwiegen, später (1912) aber wieder in den Übersetzungstext aufgenommen wurde, wirft für die christliche Kirche, auch ohne Bezug zu Browns "Sakrileg", ein schwerwiegendes Dilemma auf: ist die patriarchalisch monotheistische Richtung christlicher Glaubenslehre aufrecht zu erhalten, oder ist der -ebenfalls monotheistischen- Überlegung eines weiblichen Gottes Raum zu geben? Hieran schliesst sich die Frage: welchen Stellenwert nehmen Maria, als Mutter Jesu bzw. Maria Magdalena als Eheweib Jesu in der Hierarchie des Weltjenseitigen ein? Vor diesem Hintergrund scheint die Frage: gibt es den ominösen "da Vinci-Code", ja oder nein, bedeutungslos! Aus kunsthistorischer Sicht, und das belegt Langbein, gibt es ihn ebensowenig, wie das Lächeln der Mona Lisa Ausdruck höherer Verzückung ist. Jeder Spross alter florentinischer Familien weiss um das "Geheimnis dieses Lächelns": Mona Lisa kneift die Lippen zusammen, weil sie aufgrund einer damals weit verbreiteten Zahn- und Mundfäule aus dem Munde roch - gelinde ausgedrückt.
Doch zurück zum Matriarchat, den Heiligen Frauen und der Behandlung der Frage nach der "Menschlichkeit" Jesu auf der Grundlage der vier Basisevangelien des Neuen Testaments. Langbein weist Brown diesbezüglich absichtlich grobe Falschdarstellungen historisch belegter Ereignisse, so des Konzils von Nizäa unter Kaiser Konstantin nach, anlässlich dessen, so Brown, durch Konstantin festgelegt worden sein soll, was in den Kanon des Neuen Testaments an Belegen der absoluten Göttlichkeit Jesu aufgenommen werden musste und was strikt zu unterschlagen war. Hier sind es nicht nur die Richtigstellungen Langbeins, die das Buch so lesenswert machen, sondern auch die tatsächlichen historischen Abläufe, die er spannend darzustellen weiss. Gerade die vier Evangelien des NT belegen die Sichtweise ihrer Verfasser im Hinblick auf die göttlichen, aber auch sehr menschlichen Wesenszüge Jesu. Es würde an dieser Stelle zu weit führen, auf alle im Buch erwähnten Einzelheiten der Entwicklung des NT einzugehen. Wichtig ist nur, dass es für jeden interessierten Leser ein Leitfaden für eigene Quellenforschungen sein kann, die auch die Überlegungen zu Jesu als Kopie des sumerischen Göttinnensohnes Tammuz einschliessen.
Langbein führt den Leser über etliche Repäsentantinnen göttlicher und irdischer Matriarchate, angefangen mit der Heiligen Maria von Guadalupe und den Heiligen Frauen der historischen Weltkulturen bis hin zu Maria Magdalena, Vertreterin eines nicht zur Existenzreife gelangten neuen Matriarchats. Hier allerdings begibt sich Langbein, sonst so argumentationssicher, in den Bereich der Spekulation. War Maria Magdalena eine Hure oder war sie es nicht? Wurden Jesus die Füsse von ein und derselben Maria Magdalena gesalbt, oder gab es etwa derer zwei? Auch wenn Lukas und Johannes ihr jeweils "eigenes" Evangelium protokollierten, so sprechen Deckungsgleichheiten, wie z.B. die der Fußsalbung, zugunsten übereinstimmender Beobachtungen an ein und demselben Subjekt. Hierüber kann auch nicht hinwegtäuschen, dass es zu Maria Magdalena und Maria von Bethanien, der Schwester des Lazarus noch eine dritte Maria gegeben haben könnte, die als die -eigentliche- Sünderin zu identifizieren wäre.
Hure hin, Hure her, ein wesentliche Stärke Langbeins liegt in seiner Vergleichsanalyse sowohl der Evangelien, als auch anderer neutestamentarischer Passagen, deren genaueren Untersuchung Dan Brown sich nicht schuldig gemacht hat. Dies passt auch nicht zu einem Bestseller, wohl aber zu Langbeins Sachkenntnis. Mit dieser belegt er nicht nur den Sendungsauftrag Maria Magdalenens nach dem Kreuztod Jesu, der -streng genommen- ein neuzeitliches Matriarchat hätte einleiten können, sondern auch die Vermählung des Erlösers in der Hochzeit von Kanaa, von der im neuzeitlichen Bibeltext lediglich das sogenannte "Weinwunder" übrig geblieben ist. Langbein liefert sehr stichhaltige Argumente: Maria Magdalene scheint von Jesu als seine Nachfolgerin ausersehen, was -quasi zwischen den Zeilen- in den Evangelien des Johannes, Markus und Matthäus zum Ausdruck kommt, von Lukas allerdings bewusst totgeschwiegen wird. Gerade diese Nachfolge, die direkt zum Stuhl des ersten Papstes geführt hätte und die Maria Magdalena, sehr wahrscheinlich keine Jüdin, sondern aus Ägypten stammend, daher ihre dunkle Hautfarbe und somit erst recht in den Augen der Apostel eine "persona non grata" und die ihr v.a. durch Petrus streitig gemacht wurde, wirft in den Exegesen des neuen Testaments, auch gestützt auf die apokryphen Evangelien (u.a. Evangelien des Philippus und des Thomas) vornehmlich die katholische Kirche in einen schweren Glaubenskonflikt, der von Langbein unemotional und sachlich analysiert wird. Hätte es nicht den im Buch ausführlich geschilderten Widerstand der Apostel gegen Maria Magdalena und ihren von Jesu aufgegebenen Sendungsauftrag gegeben, hätten wir heute sehr wahrscheinlich eine weiblich dominierte christliche Kirche mit matriarchaischem Charakter.
Alles in allem ein äusserst lesenswerter Beitrag zur Erhellung der Geschichte der christlichen Kirche, den sich kein interessierter Christ als auch kein Glaubenskritiker entgehen lassen sollte.