Umgekehrte Welt
Julia Donaldson - Das Riesenmädchen und die Minipopps
Julia Donaldsons Buch basiert sehr frei auf der Geschichte 'Jack und die Bohnenranke'. Im Originaltext klettert ein armer Bauernsohn drei Mal an einer riesigen Bohnenranke in das Reich der Riesen, um diese zu bestehlen. Letztendlich verschuldet er sogar den Tod eines Riesen, kann aber ungestraft entkommen.
'Das Riesenmädchen und die Minipopps' handelt von dem neunjährigen Riesenmädchen Megalilli. Dieses ist ganz verrückt ist nach der Geschichte von Jack. Allerdings wird sie dafür von ihrer Mutter belächelt, denn in Magrolonien ist die Geschichte von Jack nur eine Sage. Und Minipopps existieren gar nicht. Nur Megalilli und der alte Possitsch glauben an ihre Existenz. Eines Tages hat Megalilli eine glänzende Idee: sie wird vom Randland aus an einer Bohnenranke hinabsteigen und sich ihre eigenen Minipopps fangen. Am nächsten Morgen setzt sie ihren Plan um.
An diesem Morgen streiten sich wie gewöhnlich die drei Jones-Geschwister. Stephen ist gerade auf der Murmelsammlung von Colette ausgerutscht und beschimpft sie als 'dummes, ekliges Insekt'. Colette ist dies gewöhnt, achtet nicht weiter darauf denn gerade hat sie ihre 19. Schnecke gefangen. Stolz trägt sie den Karton mit ihrer Schneckensammlung ins Haus und stellt sie in der Küche ab. Da bemerkt sie, dass die Luft voller Federn ist. 'Du bist die Pest, Polly' brüllt sie ihre kleine Schwester an, die gerade Colettes Federsammlung die Treppe runter wirft. Bevor Colette diese einsammeln kann, bekommt ihre Mutter einen Tobsuchtsanfall: Colettes Schnecken klettern gerade in den Honigtopf und die Kaffeekanne. Colette soll die Schnecke wieder in den Garten bringen; Polly folgt ihr. Und sie treffen gerade rechtzeitig im Garten ein, um alle drei von Megalilli eingefangen und nach Magrolonien verschleppt zu werden.
Zwei Blickwinkel
Dem Leser wird die nun folgende Geschichte, die ausschließlich in der Welt der Riesen spielt, aus zwei unterschiedlichen Blickwinkeln erzählt: zum einen dem der Menschen, zum anderem dem der Magrolonier. Viele Abenteuer müssen die Geschwister überstehen, um letztendlich nach Hause zurück kehren zu können. Dabei finden sie schnell heraus, dass sie sich viel mehr lieben, als es dort den Anschein hatte. Sie lernen sich selber besser kennen, vertrauen mehr ihren eigenen Fähigkeiten, helfen sich gegenseitig bei der Überwindung von Schwächen und lassen keine Sekunde ihr Ziel aus den Augen: die Rückkehr zu ihrer Familie. Dabei löst die Autorin ein mögliches Problem mit Bravour: zu keiner Zeit erfolgt eine Überblendung zu den Eltern und deren Sorgen um die verschwundenen Kinder. Damit keimen bei den kindlichen Lesern erst gar keine Verlassensängste auf. Damit den Kindern erst gar keine Zeit bleibt, nach den Eltern zu fragen, punktet die Geschichte mit einem rasanten Tempo; dramatische Momente, kuriose Erlebnisse und witzige Einfälle geben sich die Seiten in die Hand wie Staffelläufer den Stab. Und wenn dann doch mal ein paar Minuten lang Ruhe zum Atemholen eintritt, vertreibt uns die Autorin mit lustigen Wortschöpfungen, genannt 'Die Sprache der Magrolonier', die Zeit. Beispielsweise gibt es da Wiggeldepim, Pimpelronka, wuffeln oder Schuschimamu. Wie? Sie verstehen nur Bahnhof? Kein Problem! Im Anhang findet sich ein ausführliches Magrolonisch-Deutsches Wörterbuch, in dem sich jedes in der Geschichte vorkommende 'Fremdwort' wiederfindet.
Das Buch ist mit vielen Schwarzweiß-Illustrationen von Axel Scheffler versehen. Besonders auffällig bei seinen Bildern sind die überdimensional großen Augen bei allen Figuren ' ein hübsches und gelungenes Synonym dafür, dass man sich in einer Riesenwelt befindet. Gleichzeitig gibt die Augenstellung, verbunden mit der Mimik, deutlich Auskunft darüber, in welchem Gemütszustand sich diejenige Person gerade befindet. Dies macht kleineren Kindern plastisch deutlich, wer gerade Angst hat, sich ärgert, lacht oder traurig ist. Auch die unterschiedlichen Größenverhältnisse zwischen Magroloniern, Menschen, Objekten, Tieren etc. werden so bildlich dargestellt und helfen mit, sich einfacher in die Welt von Megalilli hineinversetzen zu können.
'Das Riesenmädchen und die Minipopps' ist ein Märchen ohne moralischen oder erzieherischen Anspruch, dafür jedoch mit rasantem Tempo, Witz und originellen Ideen. Die Kapitel sind in der Regel so kurz, dass man problemlos pro Abend eines vorlesen kann. Dadurch eignet sich dieses Buch auch schon für Kinder, die gerade erst Lesen lernen und einen gewissen Sinn für Humor haben. Leserattigen Drittklässlern oder buchfressenden Viertklässlern dürfte diese Lektüre besser schmecken als jeder Schokoladennikolaus.