Schnell ist der Einstieg in das unscheinbar daherkommende Büchlein geschafft. Der Autor nimmt einen ohne Umschweife in seinem autobiographischen Roman mit zur Radrennstrecke. Es ist, als gehöre man zum Team oder sei zumindest der Motivationstrainer oder besser noch der psychologische Beichtvater. Ab der ersten Seite schon gehört man schon zum Team.
Akribisch beschreibt der Autor und spät berufene Rennradler Krabbé ziemlich schnell über nein aus dem Rennverlauf des Amateur-Rennens in den Cevennen, die Mt. Aigoual-Rundfahrt über 137 km und vier Pässe, allerdings zu einer Zeit, als es noch keine Dopingprobleme außer der Einnahme einiger Feigen, Bananen, Orangen oder Butterbrote gab, beziehungsweise man zumindest nicht darüber erfuhr.
Der unabwendbare innere Drang zu gewinnen ist handlungsleitend und für einen Rennfahrer absolut erforderlich und nachvollziehbar. Trotzdem gelingt es dem rasenden Krabbé gut, Verständnis hinter die oftmals wenig nachvollziehbare Taktik der Teams oder einzelner Fahrer zu erzeugen. Es ist eine Beschreibung von Innen heraus und fast in Echtzeit verfolgt man die einzelnen Kilometer, deren Überwindung oft genug eine blanke Qual für die Rennfahrer darstellen. Man schwitzt und friert mit, lechzt nach der wohltuenden Flüssigkeit aus der Trinkflasche oder den zermatschten Orangenschnitzen aus der Trikottasche.
Durchwoben ist das Rennen mit den Erinnerungen und Gedanken des authentischen Radfahrers an seine eigene Entwicklung vom Journalist zum Rennradler und vielen kleinen Anekdoten mehr oder auch weniger berühmter Radrennprofis längst vergangener Tage, die jedoch auch heutzutage mit etwas fachlichem Engagement als bedeutend zu identifizieren sind.
Insider werden sich vermutlich noch mehr in den vielen Detail- und Gefühlsbeschreibungen wieder finden, die internen witzigen oder sarkastischen Bezeichnungen der Sportler untereinander kennen und einordnen können. Aber auch Laien kommen schnell hinter die Bedeutung eines Hinterradlutschers oder Schweißdieb.
Alle Phasen und Möglichkeiten, ein Rennen zu durchfahren, zu durchleben, zu beenden, kennt der Autor aus eigener Erfahrung von der Aufgabe bis zum Sieg. Das spürt man den Zeilen ab und so steigert sich nicht nur die Anspannung für den Fahrer sondern auch für die Leserschaft bis in den Roten Bereich, als er bei diesem, dem Rennen die letzten Meter dahin rast.
Das Rennen erzählt tatsächlich und eindringlich vom Sport und vom Sportler (Sportlerinnen kommen nicht vor, obwohl es keineswegs ein Männerbuch ist) und nie von Sponsoren, üblen Machenschaften oder wie schon erwähnt vom Doping. Es ist eine wahrhaftige, eine reine Geschichte, die ergreift, mitfühlen lässt und begeistert. Das sollte der Sport auch und so ist Tim Krabbés Roman auch so etwas wie ein eindringlicher Appell, das zu sehen, was Sport sein soll: ein steter Kampf um die eigene Befreiung durch größtmögliche Eigenleistung, die nicht immer im Sieg liegen muss! © 8/2006, Uli Geißler, Freier Journalist, Fürth/Bay.