Ich habe ein Problem. Entweder liegt es an dem Buch (das möglicherweise eine zu einseitig-doktrinäre Sichtweise von Reiki liefert), oder es liegt an meinem Verständnis von Reiki.
In dem ganzen Buch habe ich nur einen einzigen Beitrag gelesen, den ich wirklich gut, aufklärend und hilfreich fand, und das war jener von Harald Wörl. Von ihm würde ich gerne mehr lesen, jedoch scheint er sich nicht als Buchautor zu betätigen (für gegenteilige Information wäre ich dankbar).
Er hat mir ganz sicher einige falsche Vorstellungen des Meistergrades genommen, in dem Sinne, wie es vermutlich von diesem Buchprojekt konzipiert war, und dadurch bin ich zu dem sich überaus richtig anfühlenden Schluss gekommen, bis auf weiteres bei meinem 2. Grad zu bleiben. Denn die Meisterschaft sollte ich erst dann anstreben, wenn ich wirklich zu lehren gedenke, nicht aus falsch verstandenem "Weiterentwicklungsehrgeiz".
Alle übrigen Beiträge hatten wohl ebenfalls genau dieses Ziel - falsche Vorstellungen zu relativieren bzw. aufzulösen - allerdings bin ich durch diese Wortmeldungen fast schon geneigt, Reiki den Rücken zu kehren.
In meiner Ausbildung habe ich erfahren, dass Reiki nichts mit Religion zu tun habe, und das ist für mich auch die Voraussetzung, Reiki aktiv zu betreiben. Was hier aber von den meisten Autoren vermittelt wird, ist genau das Gegenteil. Wenn man ihnen zuhört und es nicht besser weiß, muss man unweigerlich zu dem Schluss kommen, Reiki SEI eine Religion. Es fängt ja schon mit diesem "Meister"-Angehimmele an. Tut mir leid, aber auch ein erfahrener und sogar ein in seiner spirituellen Entwicklung weit entwickelter Reiki-Lehrer ist nur ein Mensch, und ich bete keinen Menschen an, noch nenne ich ihn (sklavisch) "Meister". Das sage ich bestenfalls zu Guildo Horn, und dann nicht im festen Ernst (wie auch dieser Satz ironisch gemeint war).
Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, warum dieser Personenkult um den Lehrer betrieben wird. Ich habe sehr genaue Vorstellungen davon, wie ich als Lehrer mit Schülern umgehen würde, und Respekt zu erhalten ist ein Ziel, das ich mir selbst erarbeiten muss, nicht etwas, das mir automatisch mit dem 3. Grad zusteht. Schüler, die mich fast schon hündisch anbeteten, würden zunächst mal eine Basisausbildung in Selbstbewusstsein, einhergehend mit der gründlichen Analyse ihres Minderwertigkeitskomplexes erhalten. Umgekehrt würde ich jeden Lehrer meiden, der von mir verlangt, dass ich jedes seiner Worte für bare Münze nehme, weil er ja der Meister ist und ich nur der Schüler bin. Nein, tut mir leid, wir sind allesamt Menschen, und wenn ich einen Lehrer suche, dann jemanden, mit dem ich mich auf Augenhöhe unterhalten kann.
Der nächste Punkt, den ich nicht nachvollziehen kann, ist das beständige Drängen, "hart zu arbeiten", bezogen auf die spirituelle Weiterentwicklung. Das lese ich hier nicht zum ersten Mal, aber es wird dadurch nicht richtiger, denn es ist ungefähr so logisch wie die Aussage "Ich habe hart daran gearbeitet, 30 Jahre alt zu werden". Daran kann man nicht arbeiten, das passiert im Laufe der Entwicklung ganz von selbst, ebenso, wie die spirituelle Weiterentwicklung. Wer "hart" daran arbeitet, seine Persönlichkeit zu entwickeln, der tritt auf der Stelle, weil er sich verkrampft. Die größten Quantensprünge der Persönlichkeitsentwicklung legt man meist völlig unerwartet zurück, indem man in unerwartete Situationen geworfen wird und aus seinen Reaktionen lernt. Somit bedarf es eigentlich nur eines wachen Geistes, absoluter Ehrlichkeit sich selbst gegenüber, und der Bereitschaft, aus allen Lebenslagen Erkenntnisse zu ziehen.
Kurzum: Ich bin mir nicht ganz sicher, ob das Buch erreicht hat, was es erreichen wollte. Falls Reiki wirklich ausnahmslos Götzen/Gurudienst mit einschließt, dann war es wohl ein gutes Buch, das mir gezeigt hat, dass ich bislang etwas Falsches darunter verstand. Allerdings bin ich noch nicht bereit, das zu glauben.