INHALT: Volkmar Weiss hat eine alternative deutsche Geschichte geschrieben, die eine brisante Ausgangslage hat und bis ins Jahr 2100 durchgezogen wird. Nachdem Hitler 1941 bei einem Flugzeugabsturz stirbt, verlaufen einige Entscheidungen anders. Mit England und den USA wird Frieden geschlossen, der Bolschewismus im Osten mit vereinigten europäischen Truppen besiegt, und das erfolgreiche Großdeutschland teilt sich in die Reiche Deutschland und Artam auf. Das Deutschland entspricht mehr oder weniger der BRD und entwickelt sich ähnlich, das Reich Artam dagegen liegt im heutigen Weißrussland und behält Elemente des Dritten Reichs bei, insbesondere das Führerprinzip und die Rasseideologie. Das Staatssystem ist allerdings nicht der Nationalsozialismus, sondern die "Hierarchische Demokratie".
Die Geschichte spielt ab 2084 und erzählt von Obersturmbannführer Adrian Schwarz, ein Deutscher mit hervorragenden "Zuchtwerten" und seinen zwei blonden (und etwas kühlen) Ehefrauen. Da viele Männer im Krieg gegen den Terror und das "Ostasiatische Reich" fallen, kann mehrfach geheiratet werden. Adrian arbeitet im "Reichssippenhauptamt" und verwaltet dort die Erbanlagen der Nation. Ausgerechnet er beginnt nun ein Verhältnis mit einer heißblütigen Muslimin - und spätestens als Ludmila schwanger wird, ist es für beide nur noch eine Frage der Zeit, bis die "Rassenschande" vom Zentralen Gewissen - dem artamischen Big Brother - entdeckt werden wird.
KRITIK: Es ist zunächst einmal faszinierend, mit welcher Phantasie und auch Natürlichkeit Weiss das Leben im Reich Artam beschreibt. Es ist ein durchgehend ausgearbeitetes, in sich stimmiges Gesellschafts- und Geschichtsmodell. Das Erschreckende ist vielleicht, dass die Menschen sich in Artam über die Jahre auch an das Leben innerhalb dieses Systems angepasst haben und das Staatsmodell auch noch stabil und wirtschaftlich und militärisch erfolgreich ist. Und für eine Reihe von Ländern wie Indien und in Nahost kam die Befreiung vom Britischen Weltreich früher als in der Realität.
Weiss beschreibt ganz trocken die Einteilung per DNA, Intelligenz und Leistung, die jedem Bürger seinen Status in der Gesellschaft zuteilt. Während die BRD auf Gleichheit und Globalisierung abzielt, bekennt sich Artam zur Ungleichheit und Autarkie - mit vielen Nachteilen, denn das Leben im Reich Artam ist in vielerlei Hinsicht schlechter. So gibt es weniger Multikulti-Vielfalt, "germanische" Kulturideale statt Hollywood, die Bevölkerung wird komplett überwacht. Deutsche werden natürlich bevorzugt behandelt, und auch der Krieg gegen den Terror ist ein ständiges Thema. Artam setzt sich durch die breite Förderung von Müttern und Hochbegabten "völkisch" ab, wohingegen die Zukunft 2100 des "Altreichs" Westdeutschland in diesem Roman düster aussieht: durch Kinderlosigkeit, Bildungsverfall und Überfremdung schrumpft die deutsche Bevölkerung, verdummt und wird schließlich zum Teil islamisiert.
Der Schreibstil ist wie das ganze Reich Artam betont deutsch, soll heißen, die Rechtschreibung ist noch die alte und die Sprache so gut wie frei von Anglizismen, was angesichts der untergeordneten Bedeutung der USA für Artam wohl konsequent ist. So heißt das Internet etwa Weltnetz. Nur beim "Innenkantenskaten" hätten sich die artamischen Werbestrategen sicher was Besseres einfallen lassen. Etwas penetrant sind die vielen Sex-Szenen, die die gesellschaftstheoretischen Überlegungen zum Teil recht deftig unterbrechen, aber das gehört bei hohen Erbwerten wohl dazu :-)
Das große Manko des Buches ist meiner Meinung nach das Ende. In seiner ganzen Aufmachung kann das Werk durchaus mit einem Orwellschen "
1984" und oder Harris "
Vaterland" mithalten, doch dann wird es auf den letzten 30 Seiten leider sehr hektisch, sowohl in Adrians Privatleben wie auch im ganzen Reich Artam. Adrians Leben nimmt plötzlich eine traurige Wende, die aber nichts mit dem System zu tun hat, und parallel erfolgt ein Staatsstreich. Dadurch tritt die konsequente Reaktion des Systems zum Vorwurf der "Rassenschande" bei Adrians Affaire in den Hintergrund, dabei wäre das ähnlich wie bei der Smiths Vaporisierung in "1984" ein gelungener und nachdenklicher Abschluss gewesen.
FAZIT: Ein interessantes, durchdachtes, anspruchsvolles und sicher auch umstrittenes Werk mit einem etwas konfusen Ende.
NACHTRAG: Interessierten empfiehlt sich die Lektüre von Adolf Hitler, "
Monologe im Führerhauptquartier 1941-1944". Hitler entwickelt dort erstaunlich detailliert die Zukunft, die er für Deutschland sah. Hitler hat den Weltkrieg nicht um seiner selbst willen geführt, sondern um den Nationalsozialismus als Alternative zu Kapitalismus und Bolschewismus aufzubauen. Viele Ideen aus diesen Gesprächen sind in "Das Reich Artam" eingeflossen.