Liebe und Enttäuschung, Leben und Tod, Vergangenheit und Erinnerung, Zufriedenheit und Trauer sowie Alter und Heimat sind die zentralen Themen in Hansjörg Schertenleibs neuem Roman, der mit einem wunderbar zartbesaiteten und feingeistigen Duktus aufwartet.
"Glücklich sein heißt, ohne Schrecken seiner selbst innewerden können." Dieser Satz des Philosophen Walter Benjamin könnte als Leitmotiv über dem neuen Roman Hansjörg Schertenleibs stehen. Seine zwei Protagonisten können dies auf unterschiedliche Art und Weise. Niamh McGinty, die 64-jährige schwer kranke Irin, hat ihn sich auf wundervolle Weise verinnerlicht und Sean, der Schriftsteller aus der Schweiz, der jetzt in Irland lebt - Schertenleibs alter ego? -, kämpft noch darum.
Zwei Wochen und vier Tage, nachdem ihn seine Frau verlassen hat, begegnen sich die beiden auf der Straße. Seans seelische Wunde schwärt noch, er wird von Selbstzweifeln geplagt und fürchtet sich vor dem Alleinsein, als die älter wirkende Frau mit den grauen Splittern in den blauen Augen, dem zerzausten Haarflaum auf dem Kopf und beinahe akzentfreiem Deutsch ihn spontan anspricht. Eine lange Geschichte will sie ihm erzählen, eine Liebesgeschichte.
In den folgenden Wochen werden sich die zwei fremden Menschen näher kommen, sehr nahe. Niamh wird Sean von ihrer Kindheit in den 40er, 50er Jahren, von ihrer vielköpfigen irischen Familie, ihrer Zeit in Oxford und London, wo sie sich bei einer gutbürgerlichen Familie als Hausmädchen verdingt, sich in dessen Sohn verliebt, ihn aber wieder verliert und von ihrer deutschen Freundin Nella erzählen.
Viele freudige, aber auch traurige, vor allem jedoch prägende Erlebnisse setzt der Schweizer Hansjörg Schertenleib peu à peu in seinen Roman, der durchaus als Novelle gelesen werden kann. Wie kleine Mosaiksteinchen fügt sich Niamhs Leben langsam zu einem Ganzen - eine Lebensbeichte. Tod und Neubeginn liegen immer eng beieinander.
Und typisch für eine Novelle spitzt der Autor seine Handlung zu. Erst am Ende erfährt der Leser den Hintergrund des gewählten Titels. Regen "begegnet" ihm zwar oft, aber warum gleich ein ganzes Orchester?
Dem 1957 in Zürich geborenen Autor, der seit einigen Jahren in Irland lebt, gelingt dabei eine immense sprachliche Nähe zu seinen Protagonisten. Auf der einen Seite durch die Erinnerungen der Irin, auf der anderen durch die Gedanken des gehörnten Schriftstellers, die Schertenleib wechselseitig in sein Romankonstrukt einbringt. Dabei versteht er auf wunderbar feinfühlige Art und Weise, ohne weinseliges Pathos und jenseits von Kitsch und allzu viel Empathie, dass der Leser mitfühlt. Nur wenige Autoren erreichen dies.
Die Lektüre dieser sommerleichten Novelle, die trotz alledem eine enorme literarische Tiefe aufweist und auf stilistisch hohem Niveau agiert, berührt alle Sinne. Das leise, unaufdringliche und unspektakuläre Buch übt vor allem durch die Aktivierung aller fünf Sinne einen magischen Sog aus. Gefühlte, gehörte, gustatorische, olfaktorische und vor allem visuelle Eindrücke und Erinnerungen durchziehen meisterhaft den ganzen Roman. "Das Regenorchester" verrückt Distanzen: Fernes wird nah und Nahes fern. Es ist ein nachdenkliches, aber nicht grüblerisches, ein zuweilen melancholisches, aber nicht trauriges Buch, eine Lektüre mit Couleur und Odeur.
Schertenleib erzählt in einem unaufgeregten Tonfall, beinahe bedächtig und doch mit viel Gespür für atmosphärische Details. Mit leichter Hand, fast spielerisch, zuweilen mit zarter Ironie, zeichnet er das Porträt zweier liebenswürdiger Menschen und lässt ungetrübte Momente des Einverständnisses zwischen Jung und Alt in der Rückbesinnung entstehen. Fragen wie: "Was ist wichtig, was unwichtig?" oder "Zählen nur die großen Dinge? Oder sind es die kleinen?" werden aufgeworfen. Verschiedenste Tiere (Bienen, ein Wal, ein Papagei) versieht er mit reichlich Symbolkraft.
"Wer sich an nichts erinnert, hat nichts zu verzeihen. Ich will mein Leben kennen, nicht neu erfinden. Darum habe ich es dir erzählt, Sean.", erklärt sich Niamh am Ende ihrer Geschichte.
Aber auch Sean ist an dieser "Lebensbeichte" gewachsen und hat mit Hilfe der Irin die Trennung überwunden und sich einer neuen Zukunft geöffnet. Wenn er jetzt jemanden sagen hört, man könne nicht neu anfangen, setzt er entgegen: "Doch, das kann man. Man kann neu anfangen. Ich habe neu angefangen. Ich musste. Zum Glück."
Fazit:
"Das Regenorchester" ist ein leises, aber ungemein leidenschaftliches Buch - ein symphonisches Zusammenspiel von Licht, Schatten, Geruch und Klang, so zart tönend, ausgewogen komponiert und doch bewegend wie Mozarts Klarinettenkonzert.
Jon McGregors "So oder so" war für die Rezensentin das schönste, stille Sommerbuch des Jahres 2007, Hansjörg Schertenleibs Novelle ist es ganz klar im Jahr 2008: eine Hervorhebung der Schönheit des Einfachen und Unspektakulären und eine Ode an den Augenblick.
"I will forgive and forget,
but I will remember."
(Hansjörg Schertenleib, "Das Regenorchester")