Als Bram (Abraham) Mannheim, Jude und Hochschullehrer 2012 von Amerika nach Tel Aviv zurückkehrt, hat sich vieles verändert. Vor wenigen Jahren noch hat er hier glücklich gelebt, in einem Traumapartment gemeinsam mit seiner atemberaubend schönen und klugen, indischen Frau Rachel und seinem wenige Monate alten Sohn Bennie - in einer glamourösen und sehr mondänen Stadt. Die Jungfamilie entscheidet sich aus beruflichen Gründen, nach Amerika auszuwandern, wo sie ihr größter Albtraum heimsuchen wird.
2008 verschwindet Bennie in Brams Obhut spurlos. Alles wird zerbrechen!
Brams Vater Professor Hartog Mannheim, seines Zeichen Biochemiker, Nobelpreisträger, Zionist und trotz liebevollen Bemühungen ein unnahbarer Charakter, wird ihn zurück nach Tel Aviv holen. Schließlich gelangen wir im Jahr 2024 an, in welchem Israel zum "Tel Aviv mit Sandkasten" geschrumpft war, den Juden wurde der Zutritt zu Jerusalem verwehrt, der Weg nach Haifa war durch einen Kontrollposten gesichert - Durchgang lediglich mit vorherigem DNA Abgleich, um terroristischen Anschlägen zuvorzukommen. Die Jugend hat Israel verlassen, um in einer friedlicheren Welt "im Windschatten eines westlichen Landes" (S 51) zu leben, es mangelt an Ärzten, die Alten werden medizinisch ewig ans Leben geheftet, um das jüdische Volk aufrecht zu erhalten, Kinder sind so selten, dass Schulklassen nicht mehr gefüllt werden können - und von diesen wenigen verschwinden manche spurlos. Bram macht es sich zur Aufgabe, verschollene Kinder aufzuspüren. Das Selbstmordattentat am Kontrollposten zu Haifa wirft allerdings rätselhafte Fragen auf und bringt unmögliche, politische Tatsachen ans Licht - Tatsachen, die Bram nach 12 Jahre erneut nach seinem verschwundenen Sohn suchen lassen.
Der Roman befasst sich mit Utopien, die zum einen die Weltwirtschaft umkrempeln (Polen ist der wohlhabendste Staat der EU mit den besten Fußballklubs, in Thailand lässt es sich für Altenpfleger besser leben als in Tel Aviv, Putin kommt immer und immer wieder an die Macht und festig mit dieser eine riesige Russischen Föderation ...) und zum anderen weltpolitische- und Glaubendfragen aufwerfen, eine Vorstellung zu Papier bringen, die (von mir unkommentiert) für brisante Diskussionen sorgen werden.
De Winter schafft es, die Spannung in seinem Roman bis zum Ende derartig aufzubauen, dass er mit seinem Ende, das sehr wohl Hoffnung schenkt, aber dennoch ein trauriges ist, die riesengroße Lücke eines zu früh zu Ende gegangenen Romans zurück lässt. Sehr oft wirft er unfassbare Wendungen vor des Lesers Füße, ohne diese in den kommenden Seiten großartig zu kommentieren - nach und nach streut er jedoch wie zufällig die eine oder andere Erklärung zwischen die Zeilen - von Anfang bis Ende ein perfektes Konzept!
Ein trostloser, trauriger, vielleicht beängstigender und dennoch wunderbarer, äußerst kritischer und überaus mutiger Roman über eine globalisierte Welt, die ihren Menschen den Raum zum Leben und Glauben nimmt.
Für mich der bislang beste Roman des Autors - das lange Warten hat sich vielmals gelohnt!