Ich bin durch Zufall auf dieses Buch gestoßen und war ehrlich gesagt angesichts des Titels zunächst etwas verärgert. Moment mal, das Recht der Alten auf Eigensinn?! Der Autor kennt meine Oma nicht, die bei uns im Haus wohnt... Nachdem ich Erich Schützendorfs "notwendiges Lesebuch für Angehörige und Pflegende" ein bisschen durchgeblättert hatte, konnte ich plötzlich nicht mehr aufhören. Letztendlich hab ich es an einem Tag komplett durchgelesen und musste feststellen, dass es in der Tat ein notwendiges Buch ist.
Es sei wirklich allen in der Pflege Arbeitenden und überhaupt all jenen, die mit alten Menschen umgehen (also so ziemlich allen Menschen) empfohlen. Schützendorf vermag es, einem die Augen zu öffnen. Viele werden angesichts der beschriebenen Situationen verärgert reagieren, weil sie sich selbst wiedererkennen. Manchmal bin ich auch richtig erschrocken, weil für uns selbstverständliche Umgangsweisen mit alten Menschen analysiert werden und man plötzlich mit der Tatsache konfrontiert wird, wie vermessen und menschenunwürdig landläufig verbreitete Umgangsweisen mit alten Menschen eigentlich sind. Ich arbeite nicht in der Pflege, kenne aber aus meinem Bekanntenkreis Menschen, die dies tun bzw. getan haben. Außerdem ertappe ich mich ja bisweilen selbst dabei, wie ich auf alte Menschen reagiere.
Das Buch schafft es nun, den Leser zum Nachdenken anzuregen. Was steckt wirklich dahinter? Wieso verhalten sich alte Menschen so, wie sie es nun eben tun? Wollen sie uns damit wirklich ärgern?! Schützendorf erklärt, was dahintersteckt und wie man dem entwürdigenden Fehlverhalten entgegenwirken kann.
Zunächst stellt er fest, dass in der (häuslichen) Pflege allzu oft die schwarze Pädagogik zum Einsatz kommt. Man muss sich selbst und seine Mitmenschen nur ein bisschen beobachten, um festzustellen, dass Sprüche aus der Welt der Schwarzen Pädagogik an der Tagesordung stehen. Ich zitiere hier mal einige von Seite 67:
"Man kann sich nicht alles bieten lassen." "Ich kann auch nicht machen, was ich will." "Wenn man xy den kleinen Finger gibt, will die/der den ganzen Arm.""Den/ Die ändern Sie nicht mehr." Usw. Na, kommt Ihnen da etwas bekannt vor?
Schön und gut, aber wie soll man sich denn sonst verhalten? Auch dazu gibt Herr Schützendorf viele hilfreiche Ratschläge. Diese sind zwar überwiegend an Menschen, die in der Pflege arbeiten adressiert, für Angehörige aber mindestens genau so interessant.
Zur groben Orientierung nun der Inhalt:
1. Die alltägliche Erziehung, die niemand will
Der Beginn der Erziehung. Frau Schmitz ist nicht mehr die Alte
Anlässe zur Erziehung. Um alte Menschen muss man sich kümmern
Die Legitimation der Erziehung. Wenn Alter zum abweichenden Verhalten wird
Eine alltägliche Erziehungssituation. Herr Müller soll in der Gemeinschaft frühstücken
Die heimliche und verheimlichte Erziehung. Ein dunkles Kapitel
Entlastung durch Erziehung? Die unerträglichen Alten und das doppelte Leiden der Pflegenden
Macht und Ohnmacht der Erzieher. Frau Müller macht es einem nicht leicht
Zielkonflikte. Schrumpfung oder Förderung
2. Die Verhinderung von Erziehung, an der alle leiden
Widersprüchlichkeiten ertragen lernen. Wenn die Alten wie die Kinder werden
Es gibt viele Normalitäten. Schleusen aus und in andere Welten
Ein anderer Umgang mit der Zeit. Frau Küster "tickt" nicht richtig
Die Schätze der Kindheit heben. Eine Reise in die Kindheit
Die behutsame und langwierige Annäherung. Der Pflegende als "Afrikaforscher"
Das Aushandeln von Kompromissen. In der Beziehungsarbeit gibt es keine Lösungen
Probieren geht über Studieren. Übungen und Reflexionen
Wer pflegt, braucht Pflege
Das Buch ist in einer sehr gut verständlichen Sprache geschrieben, was neben den vielen Beispielen aus der Praxis auch eine wichtige Rolle spielt. Besonders sympathisch fand ich übrigens, dass der Autor selbst bekennt, dass er sich auch nicht immer ganz "perfekt" verhält und oft genug ebenfalls seine Probleme im Umgang mit alten Menschen hat. Dies muss man sich auch unbedingt vor Augen halten, sonst setzt man sich einem ungeheuren Druck aus.
Man kann das Buch also wirklich mit Gewinn lesen, wenn man sich darauf einlässt. Bald wird man dann auch feststellen, dass nicht nur den "eigensinnigen Alten", sondern auch einem selbst damit geholfen ist. Ich hab's ausprobiert - der Umgang mit dem alten Menschen wird um einiges leichter - und menschlicher.