Achtung: Die Ereignisse in 'Das Auge der Welt' sind die unmittelbare Fortsetzung der Handlung, die in 'Drohende Schatten' seinen Anfang nahm. Wer den Auftaktband des Fantasy-Zyklus von Robert Jordan noch nicht gelesen hat oder die Hörbuchfassung noch nicht kennt, sollte die folgende Inhaltsangebe nicht lesen.
Die Freunde werden in Shadar Logoth voneinander getrennt und fliehen vor den Trollocs und Blassen. Während Perrin beschließt mit Egwene, die wie er den Arielle überquert hat, nach Caemlyn zu reiten, können Thom, Rand und Mat in letzter Sekunde an Bord eines Schiffes gelangen. Sie reisen mit Kapitän Bayle Domon nach Weißbrücke und hoffen dort die anderen wieder zu finden. Beide Gruppen wissen nicht, ob die Aes Sedai Moraine, Behüter Lan und Heilerin Nynaeve den Kampf überlebt haben und nach ihnen suchen.
Perrin und Egwene verzweifeln fast in der Einöde, die sie zu durchqueren versuchen und sind nahe am Verhungern als sie von einem Wolfsmenschen gerettet werden. Elyas behauptet, dass auch Perrin die Gabe hat, die Wölfe zu spüren und mit ihnen im Geist zu kommunizieren. Der gelbäugige Fremde und sein Wolfsrudel beschließen den beiden Menschen zu helfen, doch sie können wenig später nicht verhindern, dass Perrin und Egwene von den Weißmänteln gefangen genommen und verschleppt werden.
Mat und Rand wiederum treffen in Weißbrücke auf einen sie jagenden Blassen. Während Thom sich auf den übermächtigen Gegner stürzt, fliehen sie entsetzt Richtung Caemlyn. Dort wollen sie versuchen, die Gefährten wieder zu finden.
Über allem aber lauert die Gefahr, dass der Dunkle König sein seit Jahrtausenden von den Aes Sedai versiegeltes Gefängnis verlassen könnte, um die Welt erneut ins Verderben zu stürzen. Dass ausgerechnet Rand, Mat oder Perrin, wie Moraine glaubt, auserwählt sein sollen, dies zu verhindern, können die Bauernjungen nicht glauben.
Die spannende Geschichte rund um Rand al'Thor und seine Gefährten wird in 'Das Auge der Welt' dramatisch. Die verschiedenen Erzählstränge, die sich immer wieder an den packendsten Stellen gegenseitig unterbrechen, sorgen für feuchte Hände und stoßweisen Atem beim Zuhörer. Nicht nur die Geschichte, auch der furiose Vortragsstil von Helmut Krauss machen aus dem zweiten Teil dieser mehr als dreißigbändigen Fantasy-Story ein Juwel. Zahllose kleine Cliffhänger, viele ausweglose Situationen und eine gehörige Portion Magie lassen kaum Zeit zum Nachdenken.
Leider gibt es im Hörbuch immer wieder Stellen, die seltsam abrupt neue Personen erscheinen lassen, Ereignisse schildern, die wie aus dem Nebel auftauchend, kaum erklärlich sind und Vorgänge wegzulassen scheinen, die wichtig zu sein scheinen.
Kenner des Buches reiben sich zunächst erstaunt die Augen, fühlen sie sich doch in eine gänzlich andere Geschichte versetzt. Fast scheint es so, als hätte man jede zweite Seite einfach herausgerissen. Im weiteren Verlauf wird aus dem Erstaunen Entsetzen. Ganze Kapitel fehlen, komplette Erzählstränge werden ausgeblendet, die epische Tiefe scheint einem flachen See zu weichen, die komplexe Historie, in die Robert Jordan die Ereignisse einbettet, wird zu einem reinen Rahmen, der in wenigen Sätzen angefügt, fast wie eine peinliche Fußnote wirkt.
Nein, als Leser der Bücher ist dieser zweite Teil ist so entsetzlich verstümmelt, dass man ihn kaum noch genießen kann. Zwar funktioniert die Geschichte immer noch, die Spannung ist erheblich, der Hörer wird bestens unterhalten ' aber nur, wenn man anstatt einem Epos eine Kurzgeschichte hören möchte. Quasi ein Destillat, das nur noch erahnen lässt, welche hunderten Früchte und Aromen einst als Zutaten gesammelt und zubereitet wurden. Wer ein Knäckebrot essen will - allerdings ein leckeres, schön krosses-, kann zufrieden mit diesem Hörbuch sein. Wer aber das Sieben-Gänge-Menu goutieren möchte, sollte vielleicht doch zum Buch greifen.
'Das Auge der Welt' ist ein gutes, sieben Stunden langes Hörbuch. Doch mit dem Roman von Robert Jordan hat es nicht mehr viel gemein.
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Stefan Erlemann