Das RAF-Phantom ist ohne Zweifel ein sehr kontrovers diskutiertes Buch, dessen Inhalt immer wieder als reine Verschwörungstheorie oder Spekulation kritisiert wurde. Es wird stets angeführt, das Buch sei einseitig und meinungslastig geschrieben und überhaupt schon vielfach widerlegt worden. Diese Behauptungen werden jedoch auch durch ständiges Wiederholen nicht richtiger. Ich persönlich habe mir die Mühe gemacht, zahlreiche kritische Rezensionen, die man aber in vielen Fällen nur als polemische Verrisse bezeichnen kann, zu lesen. Tatsächlich wurde über dieses Buch nur in den wenigsten Fällen sachlich und inhaltlich fundiert diskutiert. Für die Linke ist dieses Buch unbequem, da es kurz nach der Wiedervereinigung, die für linke Kreise einen massiven ideologischen Bruch bedeutete, auch noch den Mythos RAF dekonstruierte. Der politische Bankrott sollte nicht noch mit der bitteren Erkenntnis gekrönt werden, dass die für ihren Kampf gegen den angeblich postfaschistischen Staat BRD einsitzenden Terroristen letztlich Handlanger eben jenes Staates waren. Für die Rechte hingegen sind die Verbrechen der RAF willkommene Totschlagargumente gegen die Linke im politischen Diskurs. Die RAF war eben schon damals absurder Weise ein nicht mehr wegzudenkender Teil der bundesdeutschen Geschichte. Für Historiker, Schriftsteller, Regisseure und die linke Kulturszene ist die RAF eine derartig ergiebige Quelle für immer neue Geistesblitze, dass dieses Buch einfach schon deshalb haltlos sein muss, weil nicht wahr sein kann, was nicht wahr sein darf. Hier ist es dann auch viel leichter, mit dem Totschlagargument der Verschwörungstheorie daherzukommen, anstatt eine ernsthafte Diskussion zu führen. Insofern wurden nur einige im Buch aufgeworfene Detailfragen in gewisser Weise relativiert, auch zum Mord an Detlev Karsten Rohwedder gibt es mittlerweile eine schlüssige Alternativtheorie. Festzuhalten bleibt jedoch, dass die wenigsten kritischen Fragen zu den Taten der sog. 3.Generation der RAF wirklich beantwortet sind. Dabei wäre es durchaus interessant, viele Anhaltspunkte dieses Buches weiter zu verfolgen. Die jüngsten Enthüllungen des Historikers Daniele Ganser über das geheime Gladio-Netzwerk der NATO in Europa verleihen diesem Buch sicher neue Aktualität. Möglicherweise sind die Autoren bei ihren Recherchen noch gar nicht weit genug gegangen. Das Verwirrspiel um den nun schon Ewigkeiten zurückliegenden Mord an dem damaligen Generalbundesanwalt Siegfried Buback und die mögliche Mittäterschaft der ehemaligen Terroristin Verena Becker, die möglicherweise schon zu ihrer Zeit im Terroruntergrund Kontakte zum Verfassungsschutz hatte, legt schließlich sogar nahe, dass staatliche Organe schon zur Zeit der 2.Generation der RAF bei diversen Terroranschlägen mitgespielt haben. Die Journalistin Regine Igel hat am Beispiel der Roten Brigaden in Italien dokumentiert, wie einst der linksextreme Terrorismus im Rahmen einer Strategie der Spannung gezielt instrumentalisiert wurde, um die in Italien zu dieser Zeit sehr starke kommunistische Partei in Verruf zu bringen und das Land für einen möglichen Putsch von Rechts freizubomben. In diesem Zusammenhang wurde auch immer wieder die Vermutung aufgeworfen, auch in BRD habe es vergleichbare Zustände gegeben. Genauere Untersuchungen gibt es jedoch bis heute nicht, obwohl es zahlreiche Beispiele für denkwürdige Verwicklungen des BRD-Verfassungsschutzes in die linksextreme und terroristische Szene während der 70-er gibt, etwa den bis heute ungeklärten Mord an Ulrich Schmücker.
Das RAF-Phantom stellt also in gewisser Weise eine Pionierarbeit dar. Es ist entgegen aller Vorurteile sehr sachlich, seriös und mit großem Rechercheaufwand geschrieben. Freilich gibt es auch einige spekulative Elemente, was die Einschätzung der damaligen politischen Lage nach der Wiedervereinigung betrifft. Es ist den Autoren jedoch nicht einmal annähernd gelungen, so einseitig und unsachlich zu argumentieren wie die Kritiker dieses Buches, die oftmals nur mit totaler Arroganz und Borniertheit zu Werke gehen. Die Morde an Herrhausen und Rohwedder sind auch heute nicht geklärt, fest steht nur, dass zu jener Zeit mit der Abwicklung der DDR eines der größten Wirtschaftsverbrechen aller Zeiten über die Bühne ging. Nach dem Ende des Kalten Krieges begann auch ein neuer Wettstreit um Macht und Einfluss in der ganzen Welt. Zugleich sollen angeblich einige gesellschaftlich und politisch völlig isolierten Linksextremisten, die irgendwann aus heiterem Himmel in den terroristischen Untergrund abtauchten, einen damals schon massiv aufgerüsteten Staat herausgefordert und mehrere als hoch gefährdet geltende und deshalb streng bewachte Spitzenfunktionäre aus Wirtschaft und Politik mit sensationeller Treffsicherheit und ohne das Hinterlassen aussagekräftiger Spuren ermordet haben. Alle dabei auftretenden Widersprüche werden von den Autoren in mühevoller Kleinarbeit aufgearbeitet. Das Resultat gibt zumindest zu einigen haarsträubenden Vermutungen Anlass und es tun sich dem Leser wahre Abgründe auf. Es waren demnach ganz andere Kräfte am Werk. Einige Namen, die in diesem Buch auftauchen, begegnen einem wieder in der CDU-Spendenaffäre. So ist dieses Buch auch ein aufschlussreiches Sittengemälde der Eliten der BRD. Ob sich die der 3.Generation der RAF zugerechneten Morde noch aufklären lassen, bleibt abzuwarten. Journalistische Mittel werden dafür freilich nicht ausreichen. Bis zu einem wirklich umfassenden Gegenbeweis bleibt dieses Buch jedoch ohne Zweifel lesenswert und sollte in jedem Fall von all jenen gelesen werden, die Informationen zur RAF jenseits des Mainstreams suchen, der einem ja lieber aufgestylte Kinofilme über die RAF serviert und auch ansonsten nur Bekanntes in einer Endlosschleife immer wieder neu aufarbeitet. Wie man letztlich unseriöse Verschwörungstheorien und fundierte Gegendarstellungen voneinander abgrenzt, ist und bleibt eine rein subjektive Ermessenssache. Nicht jeder Ermittler, der einen Kriminalfall neu aufrollt, ist ein paranoider Verschwörungssucher. Im Fall des Anschlags auf das Münchener Oktoberfest 1980 ist mittlerweile ja auch von angesehenen Journalisten und Politikern neue Aufklärungsarbeit eingefordert worden. Hier ist das Äußern von Zweifeln an der offiziellen Version mittlerweile opportun.