Der klassische Detektivroman verhält sich zur Kriminalliteratur im allgemeinen, wie die Philosophie zum Leben. Er lebt davon, dass ein scharfer Geist mit einer klaren Methode Geheimnissen auf die Spur rückt, die nach streng logischen Prinzipien geordnet sind. Es herrscht Symmetrie zwischen der Intelligenz des Verbrechers und der Einsicht des Detektivs. Darin berührt sich der klassische Detektivroman mit der Philosophie, die mit ordnenden Methoden dem Wesen der Wirklichkeit zu Leibe rückt. Doch so ist das Leben nicht. Es ist ungeordnet, unlogisch, unsymmetrisch, unappetittlich. Der Thriller berichtet von diesem wirklicheren Leben, der Polizeiroman zeigt es aus der Sicht der Forensiker, der Gerichtsmediziner, der Polizisten oder der Juristen.
Pablo de Santis Roman ist der klassische Detektivroman par Excellence. Im Laufe einer vielschichtigen Handlung werden die verschiedensten prinzipiellen Methoden der Detektion zitiert: Die Sicht auf das Problem als Puzzle, die Kunst, die Realität als Vexierbild zu begreifen, das Bild der gehiemnisvollen, zu befragenden Sphinx, die Zen-Sicht, nach der das Rätsel ein weisses, noch zu beschreibendes Blatt ist. Zur Diskussion dieser Methoden und zur Ausstellung ihrer Instrumente treffen sich in Paris kurz vor der Eröffnung der Weltausstellung 1889 die berühmen Zwölf Detektive, der exklusivste Club der Detektion schlechthin. Doch es sind nur elf Detektive, die anreisen: Craig, ihr argentinischer Vertreter, musste absagen (diese wichtige Vorgeschichte macht den ersten Teil des Romans aus) und schickt stattdessen seinen Adlatus, Sigmundo Salvatrio. Und bald sind es nur noch zehn, denn einer der Zwölfen stürzt vom fast vollendeten Eiffelturm zu Tode. Und das ist nur der erste Mord einer Reihe, die das Zeug hat, das klassische Geheimnis, den Gral der Detektion in sich zu bergen. Um die Fälle rankt sich alles, was zu den Topoi des Wissens und des Nichtwissens gehört: Geheimgesellschaften und Alchemie, Rosenkreuzer und Kryptokatholiken, Mystizismus und Platonismus, der Papst in Avignon, die heilige Dreifaltigkeit, die vier Elemente - alles scheint eine Rolle zu spielen. Doch trotz Methode und überscharfer Intelligenz stolpern die Detektive und ihre Assistenten hilflos herum, stochern im sprichwörtlichen Nebel der Stadt, verheddern sich in den unzähligen Möglichkeiten. Und mit ihnen stolpert Salvatrio, immer südamerikanisch geschwätzig, ein wenig dummdreist, doch immer zur rechten Zeit am rechten Ort ist, um die nächsten Volte der Geschichte brühwarm erleben und von ihr berichten zu können.
Es ist nicht zu viel verraten, wenn gesagt wird, dass sich die Detektive schliesslich selbst entlarven. Der grösste unter ihnen bringt es am Ende auf den Punkt: Den Detektiven sind nur die kleinen Erfolge möglich, bei den grossen Fällen können sie nicht mithalten, da ist die Polizei ihnen über. Denn die wirklche Welt ist nicht so logisch konstituiert, dass sie sich den Methoden der Detektiven erschlösse. Und so kommt es nicht überraschend, dass es schliesslich nicht die Detektive sind, die die Mordfälle lösen. Und ebensowenig, dass es nicht die kalte, zwingende Logik einer Weltsicht ist, die die Handlungen motiviert, sondern zutiefst menschliche Triebkräfte.
Die Ehrenrettung der Detektive, zugleich die vielleicht beste Unterhaltung im Roman, stellen die kurzen Darstellungen der berühmten Fälle der Detektive dar. Sie werden an verschiedenen Stellen des Buches eingestreut und bedienen die klassischen Topoi, allen voran die Fälle verschlossener Räume. Doch es sind Geschichten von gestern, die Zeit der Detektive ist abgelaufen, und dieser Roman setzt ihnen ein (vielleicht letztes?!) Denkmal.
Die Art de Santis zu Schreiben orientiert sich an den grossen Vorbildern der argentinischen Kriminalliteratur, die immer einen wichtigen Platz in der Literatur des Landes einnahm. Man darf 'Das Rätsel von Paris' durchaus borgesk nennen. Der Roman ist es auch in seiner reduzierten, komprimierten auf realitätsnahe Atmosphäre und Charakerisierung weitgehend verzichtenden Darstellungsweise. Im Vordergrund steht das intellektualistische, manchmal fast formelle Spiel mit der Form des Kriminalromans und letzten Endes dessen (wehmütige) Demontage. De Santis beherrscht sein Genre mit Leichtigkeit, manchmal jedoch mit etwas zu grosser Leichtigkeit: Das Spiel mit der Form bliebt Oberfläche, gelegentliche Seitenhiebe werden nicht mit Kraft geführt, und die Handlung dürfte für viele Leser (und gerade für die, die packende Spannung suchen) in wenig zu sehr am Reissbrett konstruiert sein.
Nach aller Demontage mag man sich fast wünschen, de Santis würde in einem seiner kommenden Romane das Gebäude wieder errichten, an das Detektiv-Freunde so gerne glauben möchten: Die positivistische Logik von Tat und Aufdeckung. Am Ende des Rätsels von Paris steht jedenfalls nur noch eines sicher in der Welt: Der neue Turm zu Paris, die Meisterleistung einer neuen Wissenschaft, Ergebnis kollektiver Anstrengung. Wissenschaft und Organisation. Diesen mussten sich letztlich auch die Detektive beugen.