Dieses Buch war ein wahrer Lesegenuss und das, obwohl es seine Leser ganz schön aufzuwühlen vermag! Nichts ist so, wie es scheint und nichts ist letztlich sicher - das ist die Botschaft, die ich mir als Quintessenz aus dieser Lektüre gezogen habe.
"Das Rätsel der Masken" handelt von Ariel "Ari" Lenormand, einem jungen Akademiker aus dem Elsaß, der eine Biographie schreiben möchte über den bereits verstorbenen Autor Raúl de la Torre. Raúls bester Freund und ehemaliger Verleger André steht ihm dabei hilfreich zur Seite und vermittelt ihm den Kontakt zu Amelia Gayarre, der Ex-Frau de la Torres, die auch sein Vermächtnis verwaltet. In vielen Gesprächen und Briefen erfährt Aris Bild seines Idols Raúl einige schwerwiegende Korrekturen und es scheint ihm unmöglich, sein Buch zu schreiben, wenn es noch so viele Lücken und Ungewissheiten im Leben des Schriftstellers gibt. Amelia behält vieles aus ihrem gemeinsamen Leben mit Raúl für sich, manches kann sie sich nach all den Jahren auch selbst immer noch nicht erklären. Warum hatte er sie nach 20 Jahren Ehe für eine Frau verlassen, über die sich beide eigentlich immer lustig machten? Warum sah Raúl nach dem Tod seiner zweiten Frau Amelia mit anderen Augen, woher kam sein leiser Groll gegen sie? Und warum fügte er kurz vor seinem Tod den vielen Verletzungen, die er Amelia angetan hatte, die schlimmste noch hinzu?
Der Leser muss in diesem Roman vielen Spuren und Hinweisen folgen. Dabei ist es manchmal schwer auseinanderzuhalten, welche Informationen nun jeder der einzelnen Protagonisten für sich genommen kennt. Es gibt Briefe, die Amelia an Ari schreibt, die sie jedoch nicht abschickt. Es gibt Briefe und Hinweise, die Ari findet, sie aber nicht mit allen teilt. Es gibt die Gedanken Amelias und Andrés, in die der Leser einen Blick werfen darf, die anderen jedoch nicht. Es gibt auch seltene Einblicke in Raúls Gedanken, von denen niemand weiß außer ihm. Am Ende ergeben all diese Fragmente, die Perspektiv- und Zeitsprünge ein großes Ganzes, doch nach der Lektüre dieses Buches dürfte niemand mehr daran glauben, nun endlich alles zu wissen und ein vollständiges Bild zu haben. Elia Barceló zeigt in ihrem Roman, dass es schier unmöglich ist, ein Leben zwischen zwei Buchdeckel zu pressen, es werden immer wichtige Details fehlen, ganz zu schweigen von Gefühlen und Eindrücken, die mit Worten nicht transportiert und ausgedrückt werden können, die schon nicht verbailisiert werden konnten, als sie aktuell waren.
Raúl de la Torre war ein großer Manipulator, der in allem, was er tat, sich immer an erster Stelle sah und seine Freunde, die Menschen, die ihn liebten, zu seinen Zwecken instrumentalisierte. Und dennoch war auch er ein Opfer, nicht fähig, sich zu wehren. Durch Aris Forschungen kommen immer mehr solcher Brüche im Leben des Schriftstellers ans Tageslicht und es ist erstaunlich zu sehen, wie sehr seine alten Freunde immer noch an ihn glauben, ihn lieben.
Was am Ende bleibt, ist die Gewissheit, dass man das Leben eines anderen nie wirklich wird verstehen können. Ein Mensch trägt in seinem Leben viele Masken: das sind die Gesichter, die er selber sich gibt, aber auch die, die andere an ihm sehen. Was bleibt, ist das Rätsel dieser Masken - ein Rätsel, das man nie wird lösen können.