Wieder einmal geht es um ein Umschreiben der Geschichte und um die Entdeckung einer "Hochkultur" - und diesmal sogar einer Europäischen! Ex oriente lux - von wegen!
Nach der großen Flut erreichten die "Alteuropäer" zwischen 5000 und 3500 v. Chr. eine ungeahnte Kulturhöhe - die sog. Donauzivilisation - vom Autor als früheste Hochkultur Europas bezeichnet. Von dieser Hochkultur profitierten (via balkanisch-altägäischer Kulturdrift) noch rund 2000 Jahre später die Minoer und Mykener. Die Hochkultur der Donauzivilisation, u. a. belegt durch die Existenz von Großsiedlungen, Häuser mit mehr als 100 qm Grundfläche, zweigeschossige Reihenhäuser, Metallurgie, Töpferrad, Siegel und schließlich der Schrift. All dies lange vor Mesopotamien!
Unreflektierte, dümmliche "Belege"...
Da die "Alteuropäer" die Landwirtschaft ja nicht erfunden, sondern aus dem Vorderen Orient übernommen haben (S. 12), wittert Haarmann in der Anpassung dieser Wirtschaftsform an europäische Verhältnisse eine besondere Kulturleistung. Anpassungsfähigkeit ist für eine Spezies, die von Afrika ausgehend den ganzen Planeten mit seinen unterschiedlichsten Lebensräumen bevölkert hat, sicher eine charakteristische Eigenschaft, zeichnet die "Alteuropäer" aber nicht gegenüber Bewohnern anderer Weltgegenden oder Zeitabschnitten aus.
In diesem Stil geht es munter weiter. So sind z. B. Großsiedlungen gar kein bis dahin unbekanntes Phänomen (man denke nur an jene des akeramischen Neolithikums) und in der zeitlichen Auflösung dürften die oft zitierten Tripolye Siedlungen (bei Haarmann neuukrainisch Trypillya) auch etwas kleiner werden. 100 qm Grundfläche überschreiten übrigens auch schon die ersten Bauernhäuser Mitteleuropas (2. Hälfte 6. Jt. v. Chr.) locker. Rez. hätte gerne mehr über die Korrelation von Hausgröße und Kulturhöhe erfahren. In die Irre führt Haarmann den Leser z. B. auch, wenn er das Töpferrad zu einem Alleinstellungsmerkmal "Alteuropäischer Kultur" stilisiert. Denn die sog. langsam drehende Töpferscheibe (Tournette), ist im Vorderen Orient ebenfalls schon im 6/5. Jt. v. Chr. nachgewiesen. Überdies mag man sich auch darüber streiten ob das Töpferrad denn tatsächlich als Vorläufer der schnell drehenden Töpferscheibe zu werten ist. Ersteres diente als drehbare Arbeitsfläche, um bspw. Gefäßbemalung anbringen zu können. Die sich ab dem ausgehenden 4. Jt. im Vorderen Orient ausbreitende, schnell rotierende Töpferscheibe ist hingegen ein Gerät zur effektiven Fertigung zahlreicher, gleichförmiger Gefäße durch spezialisierte Handwerker - letztlich ein Instrument zur Massenproduktion - und damit etwas völlig anderes. Deren Einzug in "Alteuropa" fand erst zwei Jahrtausende später statt.
Als Ente entpuppen sich auch die vermeintlich von den Alteuropäern erfundenen "Rollsiegel" und die frühe Verwendung von "Stempelsiegeln". Die Verwendung der sog. Pintaderen hat mit der administrativen Zwecken dienenden Siegelung im Vorderen Orient nichts zu tun und die Begrifflichkeit Stempel oder Stempelsiegel sagt nichts über eine entsprechende Verwendung aus. Übrigens sind die südosteuropäischen Tonstempel ebenfalls (nur) eine Übernahme aus Anatolien....
Über 1000 Jahre bevor die die Schrift in Mesopotamien entstand, soll sich in Südosteuropa ein "rudimentäres Schriftsystem" entwickelt haben (S. 199 spricht gar von "Inschriften"). Tatsächlich sind über 200 verschiedene Zeichen bekannt, allerdings im gesamten Raum und über einen Zeitraum von mehreren Jahrhunderten. Zeichenkombinationen sind eher selten. Zeichen stehen meist allein. Es handelt sich also keinesfalls um eine Buchstaben-, Silben- oder Wortschrift. Die Vermutung, dass mit den einzelnen Zeichen und Symbolen Inhalte fixiert oder transportiert wurden, ist kaum zu bestreiten. Allerdings haben wir es hier allenfalls mit der Vorform einer Schrift zu tun.
Eigenartige, unpräzise Sprache
Haarmann jongliert mit Begriffen, deren tatsächliche Bedeutungen ihm offenbar selbst nicht so ganz klar sind. Der deutsche Begriff Zivilisation meint etwas anderes als der engl. Begriff civilization, den man in diesem Zusammenhang mit "Kultur" übersetzt. Die "Danube civilization" sollte man also mit Donaukultur oder donauländischer Kultur übersetzen, übrigens keine Begrifflichkeit die Haarmann erfunden hat, wie er den Leser glauben machen will, sondern eine Bezeichnung, die V.G. Childe bereits in den 1920er Jahren geprägt hat. Weshalb man dem (von Gimbutas geprägten) Begriff Alteuropa auch noch die englische Variante "Old Europe" beistellen muss, bleibt Rez. schleierhaft.
Insgesamt wimmelt es nur so von sprachlichen Missgriffen. Bildunterschriften wie z. B. S. 83 Abb. 27: "Aus Spondylus gefertigte Armreifen" (es handelt sich doch wohl um Schmuck und damit um einen Armreif, Plural Armreife (!) und nicht um Reifen) entbehren nicht einer gewissen Komik. Mega-Settlements (z. B. S. 150) oder auch mal megasettlements (z. B. S.11) geschrieben, ist nicht nur ein unnötiger Begriff sondern dokumentiert einmal mehr redaktionelle Schlamperei. Ausdrücke wie "Goldschatz von Varna"(S. 11) (dabei handelt e sich doch wohl um Beigaben und Ausstattungsgegenstände aus Gräbern); "Regionalkulturen der Donauzivilisation" oder "Der genetische Fußabdruck" wirken verstörend auf Leser, die sich mit der Materie auskennen. Die Aufzählung ließe sich noch problemlos fortsetzen. Es mutet seltsam an, wenn solche Unzulänglichkeiten ausgerechnet aus der Feder eines Sprachwissenschaftlers stammen und von einem renommierten Verlag akzeptiert werden.
Sachkenntnis? Fehlanzeige!
Abbildung auf S. 89 zeigt zwei Tonmodelle: Entgegen der Bildunterschrift ("Tonmodelle von Booten aus Alteuropa, 5. Jt. v. Chr.") handelt es sich bei dem einen Stück um ein Bootsmodell, allerdings aus dem 2. Jt. v. Chr., Herkunft Zypern. Das zweite Stück, (Zypern, spätes 3. Jt.) ist gar kein Bootsmodell, sondern eine Darstellung waschender Frauen. Von einem Kenner der "alteuropäischen Kultur" wäre zu erwarten gewesen, dass er merkt, dass hier etwas nicht stimmt. Übrigens liefert die Lektüre von Haarmanns Bildquelle Informationen über die tatsächliche Herkunft der Stücke. Aber das hat Haarmann wohl übersehen. Der peinliche Lapsus ist symptomatisch für den Umgang mit der Materie: Was in das Weltbild passt, wird kritiklos und unhinterfragt übernommen, Gegenargumente werden - sofern man sie überhaupt kennt - ausgeblendet. Plausible und nachvollziehbare Ergebnisse sind bei dieser Arbeitsweise natürlich nicht zu erwarten. So kommt es, dass das Buch völlig nutzlos ist, weil es nichts belegt und nur Ausweis der Überzeugungen seines Autors ist.
Rez. könnte noch viel anmerken, legt das Druckwerk aber entnervt zur Seite.
Bezeichnete der Autor sein Buch als Desiderat, so hegt Rez. am Ende der Lektüre den Wunsch, Harald Haarmann möge künftig nur noch über Dinge schreiben, von denen er tatsächlich etwas versteht. Dem Verlag C.H. Beck und seinen Lektoren wünscht Rez., dass sie sich bei der Auswahl ihrer Autoren künftig von Sachkenntnis leiten lassen, damit solche peinlichen Missgriffe unterbleiben, schaden sie doch dem Ansehen eines Verlages und dessen Reihen enorm.