Wenn man ein Buch nicht versteht, dann stellt sich natürlich immer die Frage, ob's am Autor oder am Leser liegt... eine Bewertung ist also immer subjektiv. Und subjektiv fand ich dieses Buch schlecht! Ich habe mich mühsam durchgequält und doch kaum etwas verstanden.
Der inhaltliche Ansatz des Buches ist vielversprechend: ein Physiker, der auf seinem Gebiet bahnbrechendes geleistet hat (und dafür mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde), schaut weit über den Tellerrand seines Faches hinaus. Er betrachtet die verschiedensten Bereiche unter den Aspekten Einfachheit und Komplexität: biologische Mechanismen, wissenschaftliche Erkenntnistheorie, die Welt der Quanten und des Universums, Sprache, Kreativität, Lernen, Ökologie und sogar Aberglauben und Mythen. Diesen Ansatz halte ich persönlich aus zwei Gründen für sehr spannend: Erstens hebt er sich wohltuend von der heutzutage ständig zunehmenden Spezialisierung ab. Zweitens frage ich mich angesichts der Probleme, vor denen die Welt steht, ob die Menschheit überhaupt in der Lage ist, die damit zusammenhängende Komplexität zu bewältigen. Dass sich hier ein so renomierter Wissenschaftler genau dieses Themas annimmt und mit dem interdisziplinärem Ansatz auch gleich beispielhaft aufzeigt, wie diese Problematik in Angriff genommen werden kann, wäre eigentlich mindestens 5 Sterne wert.
Die Umsetzung des ganzen in ein allgemeinverständliches Buch ist meines Erachtens aber gründlich misslungen - deshalb der Abzug von 3 Sternen. Letztlich ist das Buch eine nur grob systematisierte Sammlung von Gedanken und Erkenntnissen des Autors. Für einen Leser mit ähnlichem Hintergrund wie dem des Autors sicherlich hochinteressant; für einen Leser ohne diesen Hintergrund unverständlich. Gell-Mann zählt Fakten und Ideen auf, weisst auf Zusammenhänge hin, zieht Schlüsse - aber er erklärt nichts!
Wann immer ich einen Gedanken halbwegs verstanden habe, dann deshalb, weil ich schon vorher anderso davon gehört oder gelesen hatte. Besonders deutlich geworden ist mir das in dem Teil des Buches über das Quantenuniversum - ich hatte hier den direkten Vergleich zu kürzlich gelesenen Büchern von Stephen Hawking und Brian Green. Ich kann sicherlich nicht behaupten, dass ich diese Bücher wirklich verstanden hätte; aber hier liegt das Nichtverstehen klar am Leser. Insbesondere Green gibt sich alle erdenkliche Mühe, wirklich alles mögliche zu erklären - da fällt nichts einfach unter den Tisch. Gell-Mann führt dagegen einfach nur Fakten und seine Gedankengänge an - keine Spur von Erläuterungen, die dem Verständnis des Lesers dienen.
Ein Beispiel vom Anfang des Teils über die Quantenwelt: auf der ersten Seite eine Abfolge von Fakten: das Unversum besteht aus Materie; Materie besteht aus Elementarteilichen; die Teilchen besitzen keine Individualität... bis hier hin konnte ich noch folgen; dann: "Allerdings kann jedes Teilchen einen aus einer unendlichen Zahl verschiedener Quantenzustände besetzen. Es gibt zwei Grundklassen von Teilchen: Fermionen, [..]" Kein Wort dazu, was Quantenzustände sind; kein Wort dazu, was Quantenzustände mit den Grundklassen der Teilchen zu tun haben. Aber im weiteren Text wird der "Quantenzustand" als bekanntes Konzept weiter verwendet.
Dieses Schema zieht sich durch das ganze Buch: Begriffe und Konzepte werden ohne Erläuterung erwähnt und dann als bekannt vorausgesetzt. Ausserdem Brüche von Satz zu Satz oder von Absatz zu Absatz - der Leser ohne entsprechenden Hintergrund kann schlicht keinen Zusammenhang erkennen. Mit der Zeit sammeln sich immer mehr unklare und unverstandene Begriffe an, zu denen Gell-Mann immer wieder einen Bogen spannt. Man hat irgendwie das Gefühl, dass hier interessante Zusammenhänge aufgezeigt werden - aber mangels Verständnis wird das Lesen immer frustrierender.
Mein persönliches Fazit: Ich vermute, Gell-Mann hat einiges interessantes und wichtiges zu sagen. Das Buch hätte es verdient nochmal geschrieben zu werden.