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Pressenotiz zu : Die Zeit, 24.02.2000
In rückhaltloser Begeisterung, aber ohne die Schwächen des Buchs zu verschweigen, schreibt Ursula März über diesen neuen Roman des "kompletten Außenseiters" der DDR-Literatur. Sie zeichnet den Weg des Schriftsteller C. nach, der 1985 ein Visum für den Westen erhält und im Suff versinkt. Der Westen werde dabei genauso schlecht behandelt wie der Osten. Der Roman, der vorzugsweise in Bahnhofsspelunken zu spielen scheint, schildere das Leben des C. als "alttestamentliches Inferno", bevor er in breiiger Konsistenz buchstäblich untergehe. Perfekt ist der Roman nach März nicht: Manche Handlungsstränge würden schlicht vergessen, andere ohne Sinn wieder aufgenommen. Aber was ist schon der blasse Anspruch literarischer Perfektion gegen "die Vehemenz des Buchs". Ein wenig gestört fühlt sich die Rezensentin nur durch die "Ausgewogenheit" der Ungerechtigkeiten gegen Ost und West. Hilbigs Hass auf die Ex-DDR findet sie authentischer als den auf den Westen, der mit dem üblichen Bildervorrat - von Fußgängerzonen über die Prostitution - möbliert werde.
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-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Buch der 1000 Bücher
Copyright: Aus
Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)
Das Provisorium
OA 1999 Form Roman Epoche Moderne
Der autobiografische Roman von Wolfgang Hilbig über die Halt-, Ich- und Bodenlosigkeit des Schriftstellers C. auf seinen Reisen zwischen Ost- und Westdeutschland kann als Wenderoman gelesen werden, obgleich er 1989 spielt.
Inhalt: Der Roman handelt von den Erlebnissen, Gedanken und Gefühlen des DDR-Schriftstellers C. in der Zeit seines einjährigen Dienstvisums in der BRD, während derer es ihm an keinem Ort und in keiner Liebesbeziehung gelingt, Fuß zu fassen. Er lebt in diesem Jahr »provisorisch« in Hanau, Leipzig und Nürnberg, bewegt sich auf Bahnhöfen und in Einkaufszonen. Auf seine Schreibblockade reagiert er mit einem sich zur Tagesbeschäftigung ausweitenden Alkoholkonsum.
In der Grenzerfahrung des ständigen Reisens und der Unmöglichkeit der Rückkehr öffnet sich in ihm ein Provisorium, in welchem sich »neue« Realität und alte Erfahrungen widersprechen. Analog zu den Erfahrungen vieler DDR-Bürger nach 1990 stellt sich eine Anpassung an die »West-Psyche« und das Verständnis eines scheinbar deregulierten Freiheitsbegriffs nur sehr langsam ein. In der Selbstdarstellung seiner Problematik, die ihn weder zwischen den Städten noch zwischen den Frauen zur Ruhe kommen lässt, erscheint C. als ein von Schuld- und Schamgefühlen geprägter Mensch.
Das Jahr ist geprägt von wütenden Beobachtungen der Welt, persönlichen Krisen und Reflexionen über das Schreiben/Nicht-Schreiben-Können. Die Schreibversuche, die C. entgegen seiner Selbsteinschätzung doch fortsetzt, tragen den Titel Das Visum. C.s Zusammenbruch am Ende kann auch als hoffnungsvoller Ausblick verstanden werden, indem der Roman als Auflösung der Schreibkrise und Dokumentation des Erlebten vorliegt.
Struktur: Der Ich-Erzähler und Held in diesem kreisförmig erzählten Roman sieht sich den Banalitäten der kommunistischen wie der kapitalistischen Welt gleichermaßen ausgesetzt. Eine tiefe historische Verunsicherung wird dadurch ausgelöst, dass er weniger einer Logik der Systemkritik als der Einsicht in die Unmöglichkeit des Realitäts-Entzugs folgt. In vielen Selbst-Kommentaren wird das wiederholte Scheitern des Helden sowie die ihn umgebende Realität nicht nur mit einem dunklen Pessimismus, sondern auch in ironisch-distanziertem Ton gezeichnet. Hilbigs Stil, bei dem sich das Erzählen immer als eine Gegenerfahrung zu der als gettoisierend empfundenen Realität versteht, verbindet auf diese Weise auch formal Privat- und Zeitgeschichte, Literatur und Biografie.
Wirkung: Hilbigs Roman wurde wegen seiner plakativen Kapitalismuskritik oft angegriffen oder aber als »unverstellter Ostblick« gelobt. Er reiht sich ein in die sozialkritische Ex-DDR-Literatur des neuen Deutschland, der im Zuge des Literaturstreits 1990/91 u. a. wegen des hergestellten Zusammenhangs zwischen dem Zusammenbruch der sozialistischen Systeme und einer allgemeinen Krise der Zivilisiation der Vorwurf der »Ostalgie« gemacht wurde.
Ein Verdienst des Buchs ist es sicher, die Abwicklungslogik gerade auch der »Wiedervereinigung« den vielen persönlichen »Provisorien« gegenüberzustellen und zu zeigen, dass sich auch in der Bundesrepublik psychische Stabilität nicht von selbst einstellt.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.