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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
14 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Mit dem Leben wird die Revolte bleiben,
Rezension bezieht sich auf: Das Projektil sind wir: Der Aufbruch einer Generation, die RAF und die Kritik der Waffen (Broschiert)
Es ist auffällig. Wo sich Ehemalige aus RAF und anderen bewaffneten Gruppen zu ihrer Geschichte äußern, bevorzugen sie die Form des Interviews. Es ermöglicht ein Reden in der ersten Person (Singular und Plural), das nicht in die selbstbeweihräuchernde Geschwätzigkeit der in Regierungsämter gelangten 68-er verfällt, sondern sich Fragen stellt. Karl-Heinz Dellwo antwortet in dem jetzt erschienenen Interviewbuch zwei jungen Hamburger Journalisten. Als er sich 1975 an der gescheiterten Stockholmer Botschaftsbesetzung zur Freipressung der RAF-Gefangenen beteiligte und wegen der Ermordung zweier Botschaftsangehöriger zu zweimal lebenslänglicher Haft verurteilt wurde, stand Christoph Twickel vor dem Übergang zu einer weiterführenden Schule, und als die RAF 1992 die Einstellung ihrer Attentate auf Systemvertreter bekannt gab, saß Tina Petersen vielleicht in Abiturprüfungen. Dieser Generationsunterschied ermöglicht ein Gespräch, in dem nicht die Rechtfertigung des jeweils eigenen Weges im Vordergrund steht, sondern ein beschreibendes Erklären, ein politisch-biographisches Erzählen sich entwickeln kann. Insoweit weist das Buch sogar eine Nähe zu der von Günter Gaus geprägten Gesprächskultur auf.In fünf Kapitel äußert sich Dellwo zu seiner Kindheit und Jugend im postfaschistischen Deutschland, zu seiner Politisierung im Hamburg der frühen 1970er Jahre, zu seinem Weg in die RAF und zur Stockholmer Botschaftsbesetzung, dem Kampf gegen die Isolationshaftbedingungen und der RAF in den 1980er Jahren sowie schließlich zur Spaltung der Gefangenengruppe im Jahr 1993. Dass sich dabei ein dissonanter Kontrapunkt zur massenmedialen Ausrichtung der letzten Monate ergibt, war zu erwarten. Aber das Buch ist mehr: Nämlich ein Beitrag zu einer Geschichtsschreibung der radikalen Linken. Die äußerst lebendige Schilderung seines Aufwachsens in der Provinz und der immer prekären Situation einer Außenseiterfamilie mit sechs Kindern widerspricht dem zuletzt medial gern gepflegten Stereotyp von den Mitgliedern der RAF als "entlaufene Kinder der Bourgeoisie": "Gekämpft wurde nicht, weil es 'Wohlstandskinder' waren; gekämpft wurde, weil es eine Aufhebungsvorstellung gab, [...] angetrieben von dem Wissen, dass es jenseits der Wirtschaftsidiotie einen solidarischen und kollektiven Sinn im Leben geben muss." (69) Die späten 1960er Jahre hatten auch in der proletarischen Jugend eine Hoffnung auf ein "besseres Leben" keimen lassen, und subkulturell gewendet vielleicht auch auf ein "anderes Leben". Aber selbst diese Hoffnung musste, wie Dellwo mit vielen Beispielen belegt, revoltierend gegen Lehrer und Chefs behauptet werden. Der Anlass für die Flucht nach Hamburg ist so gesehen typisch: "In der Nähe von Kehl habe ich dann sechs Wochen als Ausfahrer für eine Großbäckerei gearbeitet. Dann sagte der Chef zu mir, er würde mich fest anstellen, aber ich müsste mir die Haare schneiden lassen, das passe nicht zum Betrieb. Da bin ich sofort gegangen und mit dem Zug nach Hamburg gefahren." (52) Seine in Hamburg beginnende politische Suchbewegung mündete zunächst in der Besetzung eines Häuserblocks in der Ekhoffstraße im Jahr 1973: "In der Besetzung eines Hauses warfen wir die Eigentumsfrage auf, die ja in der Auseinandersetzung mit der herrschenden Klasse die entscheidende ist. Es ging darum, einen Raum zu besetzten." (74) Nach der brutalen Räumung saß Dellwo anschließend fast ein Jahr im Untersuchungsgefängnis Holstenglacis; die Falschaussage eine Polizeibeamten ließ am Ende ein entsprechendes Urteil daraus werden. Mit dieser "Erfahrung" im Rücken arbeitete er im Komitee gegen Isolationsfolter. Den Tod von Holger Meins im Hungerstreik 1974 beschleunigte für viele aus diesem Zusammenhang die Entscheidung für den Weg in die Illegalität: "Der Tod von Holger Meins war eine herrische Geste. Sie haben einen von uns geköpft und den Kopf dann hochgehalten." (100) Zur Stockholmer Aktion hat sich Karl-Heinz Dellwo schon in der Haft kritisch positioniert. Im Prolog des Buches schreibt er: "Ich bedauere seit langer Zeit den Tod der Botschaftsangehörigen und meine Verantwortlichkeit dafür. In der Geiselerschießung äußert sich eine abzulehnende, völlige Verdinglichung des Menschen. Keine Gegengesellschaft kann so aufgebaut werden." (12) Von hier aus kritisiert er auch die Landshut-Entführung als "terroristische Aktion" (133). Die RAF sei eine plausible Antwort auf den sich in Vietnam zeigenden Kriegsimperialismus gewesen, aber: "Für die Zeit danach fehlte eine überzeugende politische Strategie." (123) Sein Vorwurf an die RAF als "Attentatsorganisation" lautet deshalb, im Militärischen die Effizienz gesucht zu haben, "die man im Politischen offensichtlich nicht finden konnte." (174) Ausführlicher als in den Medienstatements der letzten Wochen kann Dellwo im Buch seine Thesen zum Tod von Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe als Selbstmord unter staatlicher Kontrolle darlegen. Neben den Indizien, die er für seine Sicht ins Feld führt, sieht er auch eine Botschaft der Stammheimer: "Seit Jahren schon drehte sich alles um die Befreiung der Gefangenen. Von uns waren einige dafür gestorben, andere sind ins Gefängnis gekommen oder haben andere Folgen auf sich genommen. Wir hatten mehrere Opfer zu verantworten, zum Schluss ist die ganze Moral der RAF gekippt und bei allem stand ihre Befreiung im Mittelpunkt. Da haben sie mit ihrem Tod auch einfach eine Grenze gesetzt. [...] Die Botschaft war: Unseretwegen jetzt nichts mehr. Beendet es oder findet einen Inhalt für euch! In der Inszenierung ihres Todes ist ja vieles enthalten: Der letzte Tritt gegen die Macht, von der sie sich völlig befreit sahen. Ein Aufscheinen der alten Moral - >das Projektil sind wir<." (143 f.) Gern hätte man noch etwas zu seiner Zeit nach dem Knast erfahren oder Einschätzungen zur Situation der radikalen Linken im Land. Vielleicht ist dieser Verzicht als Statement dahingehend zu deuten, dass die ehemaligen Militanten keine besondere Autorität beanspruchen sollten? Was aus dem Aufbruch Gültigkeit behalten hat, kommt aber in folgenden Sätzen zum Ausdruck: "Wir kommen heute nur weiter, wenn wir mit den Basiskategorien des Systems brechen. Wer heute über besonderen Reichtum verfügt, ist entweder ein Betrüger oder ein Profiteur von Betrügern. In einer so ausdifferenzierten Produktionsgesellschaft mehr ist das ja nicht ist der Anspruch auf eine besondere Zuteilung von Lebensbedürfnissen grotesk, auch ein Verbrechen, dessen Ächtung noch bevorsteht." (70) Und so endet der Epilog mit dem Satz: "Mit dem Leben wird die Revolte bleiben." (195) Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
So dachte die RAF,
Von
Rezension bezieht sich auf: Das Projektil sind wir: Der Aufbruch einer Generation, die RAF und die Kritik der Waffen (Broschiert)
Karl-Heinz Dellwo war Mitglied der RAF. Das Buch ist kein Reuebekenntniss, es ist keine Analyse, es ist ein Einblick in das Denken der RAF. Das macht es so wertvoll, aber auch stellenweise so bedrückend.Die Einleitung ist kaum lesbar, dort werden verschwurbelte Gedanken zur Politik breitgetreten, im gängigen RaF Ton, für nicht-Insider fast unverständlich, nicht nach zu vollziehen. Doch zum Glück ist der Rest ein Interview und wesentlich einfacher zu lesen. Dann erzählt Dellwo im ersten Drittel, wie er in den Fünfzigern und Sechziger Jahren aufwuchs. Anders als oft behauptet, war sein Vater kein Nazi gewesen, ganz im Gegenteil. Doch autoritär war auch er, seine Frau hatte zu folgen, die Kinder zu erziehen während er an den Romanen schrieb, die er nie fertigstellte. Das ist ein spannendes Zeitzeugnis, weil es diese Zeit lebendig werden lässt, die Elterngeneration, die autoritär war, die Kinder, die darunter litten, irgendwann ein eigenes Leben leben wollten und sich die Haare wachsen ließen. Was sie prompt in Konflikt brachte, nicht nur mit Polizei und Behörden. sondern mit der älteren Generation. Doch Dellwo fasst diesen Konflikt nur als Konflikt mit dem Staat auf. Der Staat ist böse, er unterdrückt die Massen, er wird faschistisch, deshalb müssen wir ihn bekämpfen. Mit allen Mitteln. Eigentlich hätte ihm ein Blick in Marighellas "Stadtguerilla" schnell das Gegenteil lehren müssen. Der schrieb die BIbel der Revolte, die auch die Bíbel Dellwos wurde. Allerdings kam er nicht in einen Knast, wie Baader, Meinhof und eben auch Dellwo, sondern wurde erschossen, wie alle seine Genossen. Ihm wurde kein Prozess, wie unfair auch immer gemacht. Auch Che Guevara wurde standrechtlich und ohne Prozess nach seiner Gefangennahme abgeknallt. Faschistische Systeme fackeln nicht lange mit ihren Gegnern. Genau das ist das Problem der RAF. Dass sie nicht differenzieren konnte, dass sie unfähig war zu politischen Analyse, dass sie Robin Hood sein wollte und sich einen Mythos darum schuf. Wie das geschah, kann man bei Dellwo nachlesen, der immer noch diesem Mythos verfallen ist, obwohl er sich vom bewaffneten Kampf verabschiedet hat. So wird zwar erklärt, warum damals die Jugendlichen rebellierten, warum es 68 gab und in der Zeit danach die Strassenkämpfe tobten. Aber nicht, warum man deshalb zur Knarre greifen sollte oder musste. Letzteres wurde von der RAF als selbstverständlich vorausgesetzt, um dann zu militärischen Problemen überzugehen. Der Titel "Das Projektil sind wir" kennzeichnet sehr gut diese Haltung. Wie in der preußischen Armee war Militär alles, Politik interessierte nicht. Der Feind versteht nur Härte. Die Sondergesetze, die in der Hochzeit der RAF beschlossen wurde - Einschränkung von Verteidigerrechten, Erweiterung der Polizeirechte - wären ohne die RAF nie durchsetzbar gewesen. So schuf die RAF das, was sie angeblich verhindern wollte. Dass sie außerdem Menschen mit Lügen (Mord an Baader, Meinhof, Ensslin, etc.) brutal zu manipulieren versuchte, zeigte, dass sie genau zu den Mitteln griff, die sie bekämpfen wollte. Hier muss man Dellwo zugute halten, dass er als erstes RAF Mitglied das Tabu brach und sagte, dass die Mordthese nicht stimmte. Diese Lügen aber schlugen auf die RAF selbst zurück. Schließlich glaubte ihnen gar niemand mehr, die Gefägnissverwaltungen erhielten freie Hand und setzten gegen die Häftlinge dann genau die Haftbedingungen durch, über die diese früher geklagt hatten - zu Zeiten, als es ihnen noch relativ gut im Knast ging. Wie politisches Denken bei der RAF vor allem durch Abwesenheit glänzte, das zeigt Dellwos Überlegungen zu der Geiselnahme in der Botschaft in Stockholm. Eine Regierung, die zwanzig RAF Gefangene hätte laufen lassen, wäre damals umgehend abgewählt worden. Dass die Forderungen niemals erfüllt werden könnten, hätten sich die Täter leicht an den fünf Fingern ausrechnen können. Schließlich hatte die vorangehende Geiselnahme des Berliner CDU Kandidaten nur geklappt, weil eine SPD Regierung nicht den Gegenkandidaten umkommen lassen konnte, außerdem die Forderungen der Geiselnehmer noch im Rahmen des Machbaren lagen. Doch Machbarkeit war kein Wort, dass in der RAF vorkam. Abgeschottet wie eine Sekte, sich selbst als die Auserwählten begreifend, militärisch denkend waren sie zu politische Überlegungen völlig unfähig. Dieses Denken zu dokumentieren, ist das Verdienst des Buches. Deshalb ist es so lesenswert. Als Zeitzeugnis. (c) Hans Peter Roentgen Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Gedankenwelt...,
Von
Rezension bezieht sich auf: Das Projektil sind wir: Der Aufbruch einer Generation, die RAF und die Kritik der Waffen (Broschiert)
Ein gutes Buch - das mich sehr bewegt hat.Ich muss zugeben, ich war zunächst skeptisch ob mir ein Buch das Thema "Deutscher Herbst", RAF und Terror näher bringen kann. In der Zeit in der Karl-Heinz Dellwo aktiv war ich ein Teeny, in der Zeit in der er im Gefängnis war, war ich Jugendlicher und Berufsstarter. Das ganze Thema RAF kannte ich nur aus den Medien - und aus Erzählungen. Die einen verurteilten alles was nur irgendwie mit der RAF oder den RZ zu tun hatte - andere reagierten mit unreflektierter Heldenverehrung. Ich selbst war in der SPD aktiv und habe auch dort beide Seiten kennengelernt. Eine eigene Meinung, ausser einer Sammlung halbgarer Aussagen, habe ich mir nicht so richtig gebildet. So bin ich dankbar für dieses Buch, dass zum einen die Welt von Karl-Heinz Dellwo erklärt, seine Jugend, sein Heranwachsen und auch seine ersten politischen Schritte. Schritt für Schritt erfährt der Leser was Karl-Heinz Dellwo wie bewegte, immer in direkter Relation mit den damals aktuellen politischen Gegebenheiten. Dellwo, der selbst bei der unseeligen Besetzung der Stockholmer Botschaft dabei war, erklärt dabei dem Leser, dass es der RAF nicht auf blinden Aktionismus ankam, sondern dass sie sich im "Kampf" gegen das Neo-Faschistische System befand. Dies war seinerzeit und auch heute noch in den Medien zu lesen - verstehen, konnte ich es jedoch nie. Das Buch "entschlüsselt" gerade für Leser die aus der gleichen Generation stammen wie ich, und auch nicht so tief in der Materie stecken, diese Gedankenwelt. Und das Buch schockiert: Die Themen Folter, Haftbedingungen, Mord, Selbstmord, staatlich verordnete und geduldete Verbrechen werden ebenso aus der Sicht von Dellwo beschrieben - wie auch die Reaktionen auf die Morde der RAF innerhalb der Gruppierung. Dellwo will dabei nie "rechtferigen, "überzeugen" oder "Verständnis schaffen" - ich glaube er will dokumentieren und zum denken anregen. Das hat er bei mir geschafft. Kurz: Diese Buch regt an sich eine eigene Meinung zu bilden und vielleicht auch dazu diese Zeit, die RAF, die Reaktionen des System und - im Rückschluss - unsere heutige Gesellschaft zu reflektieren. Wichtig ist mir dabei, dass er als "Täter" seine Gedankenwelt öffnet und dem Leser Einlass gewährt in ein komplexes System, dass nicht nur aus "Gut und Böse" besteht. Danke. Bernd Zipper Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
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