"Der endgültig entfesselte Prometheus, dem die Wissenschaft nie gekannte Kräfte und die Wirtschaft den rastlosen Antrieb gibt, ruft nach einer Ethik, die durch freiwillige Zügel seine Macht davor zurückhält, dem Menschen zum Unheil zu werden." Im seinem 1979 vollendeten Werk fordert Hans Jonas einen "tractatus technologico ethicus" für den modernen Menschen und damit eine Abkehr von der traditionellen Moralethik.
Jonas sieht die Menschheit vor zwei Herausforderungen gestellt: Anwendung der Technik auf äußere Einflüsse und auf das menschliche Leben selbst.
Auch die Menschen in den unterentwickelten Ländern haben einen Anspruch auf Wohlstand. Doch angesichts knapper werdender Rohstoffe, steigender Weltbevölkerung, begrenzten Nahrungsmitteln und hohem Energiebedarf wäre es fatal, die Produktion einfach auszudehnen: "Einen solchen vervielfachten Angriff würde die Erde ... wahrscheinlich nicht aushalten." Jonas warnt davor, auf unbekannte Zukunftstechnologien zu vertrauen, die alle Probleme lösen. Stattdessen empfiehlt er eine Umverteilung der Kapazitäten aus den reichen in die armen Länder. Da eine solche Maßnahme unpopulär und im Kapitalismus vielleicht nicht umsetzbar ist, baut seine Hoffnung auf einen reformierten Kommunismus, der staatlich gelenkt die Profitgier einschränkt und den Bedarf den Ressourcen anpasst. Ernst Blochs Utopie, die auf dem Prinzip Hoffnung aufbaut und eine neue Menschheit herbeisehnt, bezeichnet Jonas als falsch, da der "eigentliche Mensch" bereits da ist.
Doch der Mensch wendet die moderne Technik auch auf sich selbst an. Der Traum des Menschen vom ewigen Leben scheint Wirklichkeit zu werden. Gehört aber nicht zum Geborensein auch das Sterbenmüssen, fragt Jonas. Was wäre eine Welt der Intensivstationen ohne Jugend? Aber auch die Themen Genmanipulation und Verhaltenskontrolle (z.B. mittels Medikamente) stimmen nachdenklich und veranlassen Jonas zur Ermahnung: "Wenn denn also die neuartige Natur unseres Handelns eine neu Ethik weittragender Verantwortung verlangt, kommensurabel mit der Tragweite unserer Macht, dann verlangt sie im Namen eben jener Verantwortung auch eine neue Art von Demut - eine Demut nicht wie frühere wegen der Kleinheit, sondern wegen der exzessiven Größe unserer Macht."
Lässt sich das Prinzip der Verantwortung auch philosophisch begründen?
Jonas geht den Spuren der Antike nach. Sophokles preist die Menschheit, die der Natur im zähen Ringen Erfolge abtrotzt. Dennoch ist die Natur das Bleibende und der Mensch das Veränderliche, können alle Erfolge die Allmacht der Natur nicht gefährden. Die Ethik des antiken Menschen war für den Augenblick oder zumindest für die Gegenwart konzipiert, sie galt den lebenden Zeitgenossen.
Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden!
"All dies hat sich entscheidend geändert. Die moderne Technik hat Handlungen von so neuer Größenordnung, mit so neuartigen Objekten und so neuartigen Folgen eingeführt, dass der Rahmen früherer Ethik sie nicht mehr fassen kann", schreibt Jonas. Der Sieg des homo faber über den homo sapiens ermöglicht der Menschheit erstmals in der Geschichte den Untergang nicht nur ihrer Rasse, sondern der gesamten Natur. Die Natur ist unserer Macht unterworfen, sie ist "damit ein menschliches Treugut geworden" und hat "so etwas wie einen moralischen Anspruch an uns". Folgende Aspekte gibt Jonas zu bedenken: Erstens darf unser Handeln nicht singulär betrachtet werden, sondern kollektiv. Zweites nehmen viele Einzelhandlungen in ihrer Gesamtheit globale Ausmaße an und sind nicht umkehrbar - denken wir an die drohende Klimakatastrophe. Jonas formt einen ersten kategorischen Imperativ: "Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden!"
Dass eine Menschheit sei!
Da es ein "weiter so" nicht geben kann, fordert er eine Umkehr der Politik. Sie soll nicht nur unser Wissen, sondern auch unser Nichtwissen einbeziehen und muss "der Unheilsprophezeiung mehr Gehör zu geben ist als der Heilsprophezeiung". Zurückhaltung ist deshalb "das Zweitbeste nach dem Besitz von Weisheit selbst." Pflanzen- und Tierarten kommen und gehen, die Natur mag im Kleinen experimentieren und sich irren, der Mensch hat jedoch nicht das Recht, aufs Ganze zu gehen: "Da ergibt sich als erste Antwort, dass man streng genommen, um nichts wetten darf, was einem nicht gehört." Das Recht der Menschheit auf Leben in einer zukünftigen Welt fasst Jonas im zweiten kategorischen Imperativ: "Dass eine Menschheit sei!"
Soll der Mensch sein?
Auf die ontologische Frage, warum der Mensch sein soll, oder besser formuliert, warum das Ist Vorrang vor dem Nichts haben soll, antwortet Jonas, dass Ist bereits einen Wert haben kann und die Fähigkeit zu Wert selbst ein Wert ist. Folglich erhebt die Möglichkeit auf Wert Anspruch auf Sein.
Den Unterschied von Werten und wertfreien Zwecken oder Zielen untersucht Jonas im dritten Kapitel. Er stellt fest, dass der Sitz von Zwecken nicht in leblosen Dingen, sondern im Menschen oder auch im Tier ist. Selbst wenn der Lebensbeginn zufällig war, ist der menschliche und tierische Zweck "in die physikalische Welt als ein ihr ursprünglich eigenes Prinzip ausgedehnt worden."
Wie lässt sich der Wert aus den Zwecken begründen oder kann Sein Sollen begründen?
Jonas argumentiert wie folgt: Wenn es ein Streben des Menschen nach Glück gibt, dann zeugt dies von einer Selbstbejahung, von der Existenz des Guten: "Das heißt, die bloße Tatsache, dass das Sein nicht indifferent gegen sich selbst ist, macht seine Differenz vom Nichtsein zum Grundwert aller Werte, zum ersten Ja überhaupt."
Was ist das höchste Gut, nach dem wir streben sollen? Worauf zielt die Ethik?
Jonas erklärt, dass die traditionellen Werte wie jüdische Gottesfurcht, platonischer Eros, christliche Liebe, Kantsche Ehrfurcht und Nietzsches Willenslust fehl leiten, da sie auf das Zeitliche zielen. Nur das Gefühl der Verantwortung wird der Faktizität des Gegenstands in seiner Vergänglichkeit, Bedürftigkeit und Unsicherheit gerecht: "Verantwortung ist die Pflicht anerkannter Sorge um ein anderes Sein, die bei Bedrohung seiner Verletzlichkeit zur 'Besorgnis' wird".
Fazit: Das Prinzip Verantwortung ist heute aktueller denn je. Auch wenn Jonas Hoffnung auf einen geläuterten Kommunismus Utopie bleibt, wurden die Probleme der Menschheit in den zurückliegenden 30 Jahren nicht annäherungsweise gelöst. Seine Botschaft von der Verantwortung für die Zukunft haben die Politiker jedoch aufgenommen. Immerhin, ein Silberstreif am Horizont.