Ich widme diese Rezension meinem Lageristen Christian, der von dem Buch über drei Wochen tief beeindruckt seiner täglichen Arbeit nachging.
De Waal hat ein nettes Buch geschrieben, es schadet nicht, man kann es beruhigt lesen. Wissenschaftspopulistisch ist es, ein romantisches Postulat, in den vielen Erfahrungsberichten aus dem Tierreich oft rührend, wenn auch ohne Beweiskraft. Ein Jugendbuch. Ich würde es in der Bibliothek in das Regal der romantischen Dichter stellen, zwischen Heine und Theodor Storm. Wie läßt er seinen Schimmelreiter Hauke Haien so selbstlos in den Wind rufen? Herr, nimm mich, verschon die andern!
Ich werde versuchen, meine Kritik chronologisch zu staffeln. Laienhaft natürlich, aber immerhin ...
Als Charles Darwin 1859 sein Buch über die Entstehung der Arten der schockierten Öffentlichkeit vorstellte und von eben dieser Öffentlichkeit die Evolution auf die plumpe und unzulässige Vereinfachung des Rechts des Stärkeren reduziert wurde, da war es den intelligenteren Zeitgenossen schon klar: So einfach funktioniert die Sache nicht. Und spätestens seit Konrad Lorenz 1973 sein Werk Die Rückseite des Spiegels verfaßt hatte, war es nun auch den weniger Intelligenten bewußt. Also was redet de Waal denn eigentlich? Will er mir allen Ernstes unterjubeln, daß der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank sein Handeln mit Argumenten des ohnehin abwegigen Sozialdarwinismus zu rechtfertigen versucht? Was für ein Schelm de Waal doch sein muß. Also verlassen wir diese Schiene des galoppierenden Blödsinns und wenden uns dem Hauptthema zu: Moral und Empathie. De Waal stellt den Zusammenhang, das gegenseitige Bedingen dieser zwei Begriffe als private Einsicht dar, als ganz neue Erkenntnis, als etwas umwerfend Weltbewegendes geradezu. Durchleuchten wir kurz unter welchen Umständen Moral (dieses vielfältige, dynamische, sich ständig wandelnde Sittengebäude) überhaupt erst Sinn machen kann. Ein einzelner Mensch verbringt sein gesamtes Leben allein auf einer Insel. Nur mit sich und dem Meer. Braucht diese bedauernswerte Kreatur eine Moral? Bedarf er einer definierten Sittlichkeit? Nein, sicher nicht, wozu denn auch. Moral macht erst Sinn in einer Gemeinschaft, einer sozialen Gruppe, einer Gesellschaft. Ob es sich um eine urtümliche Dorfgemeinschaft oder ein Wolfsrudel handelt macht keinen Unterschied. Durchleuchten wir nun weiter, was eine soziale Gemeinschaft ausmacht. Sinn und Ziel so einer Gemeinschaft ist das Kooperieren aller Beteiligten zum gemeinsamen Vorteil. Welcher Sinn sollte sonst greifen? Und ein gemeinschaftliches, konstruktives Kooperieren setzt was voraus? Genau, ein gewisses Einfühlungsvermögen in die anderen, das Übernehmen einer gewissen Verantwortlichkeit für das große Ganze.
Wie schon gesagt , ob Dorfgemeinschaft oder Wolfsrudel macht keinen Unterschied, keinen prinzipiellen, bestenfalls einen graduellen, wenn überhaupt.
Wenn Moral immer an Gemeinschaft, und Gemeinschaft immer an Empathie gebunden ist, dann ist Moral folglich immer an Empathie gebunden - eine Selbstverständlichkeit, eine Wahrheit an Schlichtheit unüberbietbar. Ohne Ebbe keine Flut, ohne Flut keine Ebbe. Meine Nachtmütze weiß das. Wieso und wozu schreibt man darüber ein Buch? Gute Frage, oder?
Machen wir einen belanglosen (leider notwendigen) Exkurs: De Waals tierische Erfahrungsberichte.
Jedes einzelne seiner Beispiele ist geeignet, einem Tränen der Rührung in die Augen zu treiben, aber damit hat es sich dann auch. Wir weinen also kurz, gut, schnäuzen. Jetzt wieder denken.
De Waals Anekdötchen werden durch die Protagonisten selbst mit der unerträglichen Leichtigkeit des Seins widerlegt. So versuchen Elefanten eben nicht nur ihre sterbenden Artgenossen zu füttern, nein, Elefantenmütter versuchen auch regelmäßig ihr Neugeborenes wegen des erlittenen Geburtsschmerzes totzutrampeln. Im Zoo verhindern das die Tierpfleger, in der freien Wildbahn übernehmen die Elefantentanten diese Aufgabe. Wie gesagt, jeder Erfahrungsbericht wird quasi durch sich selbst relativiert. Exkurs Ende.
Mit erstaunlicher Naivität versucht uns de Waal einzuhämmern, was alles so in der Natur eines Lebewesens liegt. Was meint er damit? Wenn etwas in der Natur liegt, dann kann es sich nur um eine genetische Determinierung handeln, um etwas, das auf direktem Wege vererbt wird. Wie beispielsweise der Drang der Lachse, nach einigen wundervollen Jahren im Meer, zum Laichen zurück in das Flüßchen an den präzisen Ort der eigenen Geburt zu schwimmen. Dieses Unterfangen kostet die meisten Fische das Leben, viele sterben schon auf dem Weg, der Rest nach dem Ablaichen an Erschöpfung oder im Rachen der Bären. Warum machen die das, warum das eigene Leben riskieren? Die Antwort ist simpel: Sie können nicht anders. Kein Verhalten ist zwingender als das genetisch determinierte (ich formuliere das mal so, laienhaft). Es ist die Natur der Lachse so zu verfahren. Wäre demnach die Empathie der Natur des Menschen zugehörig, dann wäre mitfühlendes Verhalten unausweichlich, jeder von uns müßte empathisch sein.
Es ist selbstredend nicht so. Ganz und gar nicht. Im Großen nicht, im Kleinen nicht. Wenn Vitali Klitschko seinen Titel verteidigt, dann prügelt dieser sicherlich intelligente, gut sozialisierte und im privaten Leben ohne Zweifel liebevolle, mitfühlende Mann elf Runden auf seinen Gegner ein, nimmt ohne zu Zögern in Kauf, einen Menschen krankenhausreif zu schlagen, nimmt sogar bleibende Schäden oder selbst den Tod billigend in Kauf. Wo ist die in seiner Natur angeblich verankerte Empathie geblieben? Weg isse. Das menschliche ganz normale Leben ist voll von dieser Sache, der Sache der Beliebigkeit des Mitgefühls. Mit der Leichtgängigkeit eines Lichtschalters läßt sich unsere Empathie an- und ausschalten, klick. Jeder weiß das, jeder macht fast täglich diese Erfahrung, nur wenige schämen sich dafür. Ist gut so. Genetisch determiniert kann also Empathie nicht sein, wirklich nicht. Sie könnte allerdings, und ich persönlich denke das, genetisch disponiert sein. Ich meine (laienhaft gedacht und formuliert, wie schon erwähnt) damit, daß die Anlage in der menschlichen Natur vorhanden ist, die Möglichkeit sich empathisch zu verhalten (denn auf das Verhalten kommt es letztlich ja an; meine Empathie muss ein Handeln oder ein Unterlassen nach sich ziehen; sich nur als empathisch zu definieren bringt nichts, gar nichts; Es gibt nichts Gutes, ausser man tut es, Erich Kästner). Und wie beim Hundewelpen die Anlage, sich parallel zum Hund gleichermaßen auch auf den Menschen zu sozialisieren, in seiner Natur liegt, so muß diese Anlage auf bestimmte Umweltsituationen stoßen, der Welpe muss sich sozialisieren können. Hat unser Welpe in den ersten 16 Lebenswochen keinen angemessenen Kontakt zu Menschen, so verpufft seine Anlage, er wird sich nicht mehr an den Menschen binden, aus und vorbei. So funktioniert das Prinzip Empathie auch. Und selbst wenn sie als Verhaltensmöglichkeit sozialisiert wurde, bleibt doch der Lichtschalter ...
Das volle Ausmaß de Waals populistischen Geschwafels verdeutlicht sich in seiner These, der Weg der Empathie begann vor 200 Millionen Jahren mit dem Brutpflegeverhalten. Jeder Menschenmutter wäre der optimale Umgang mit dem Säugling eingeboren, Empathie in ihrer reinsten Form. Millionen hoffnungslos überforderter Mütter, hilflos dem eigenen Unvermögen, der fehlenden Empathie ausgeliefert, bis hin zur Kindstötung widerlegen de Waals verklärter Evolutionsromantik täglich, stündlich, auf der ganzen Erde.
Ich habe als Jugendlicher eine Zeitlang Buntbarsche im Aquarium gezüchtet, Zebrabuntbarsche, brutpflegende Art. Wie sorgfältig die Barschmama den Laichstein putzte, und später jedem einzelnen Ei mit ihren Flossen frisches Wasser zufächelte, über viele, viele Tage, und wie dann die geschlüpften Barschbabies schutzsuchend immer wieder in ihr Maul flüchteten, die Erinnerung daran rührt mich noch heute ... (schnief).
Aus den Erfahrungen meiner jugendlichen Aquaristik nun allerdings den Schluß zu ziehen, Zebrabarsche verfügten über die Verhaltensmöglichkeiten Altruismus, Empathie und Liebe (ja, de Waal schreibt von Liebe), ist mir leider nicht vergönnt. Nein, Herr de Waal, die Welt ist mit der Hure Empathie nicht zu retten (aber das glauben Sie vermutlich selbst nicht). Wir kommen um die Arbeit des rationalen Handelns nicht herum, viel Arbeit liegt vor uns. Der Weg der Vernunft ist ein ungewisser, steinig und schwer - aber es gibt nur diesen Weg.