Zur Lektüre dieses Buches verführte mich der bisher einzige männliche Rezensent, Dr. Lothar J. Seiwert. Und obwohl ich seine Begeisterung nicht ganz teilen kann, nehme ich ihm seine Tat nicht übel. Denn die Anschaffung lohnte sich schon deshalb, weil mich die Lektüre in Astrid Lindgrens Pippilotta-Welt eintauchen liess. Das ging anderen offenbar auch so. Doch auch wenn sich so viele erwachsene Frauen während der Fastnachtszeit mit Ringelstrümpfen und Zöpfen in der Menge zeigen, sind Pipilottis Abenteuer eben doch für Kinder ausgedacht. Astrid Lindgren erfand die Geschichten des merk-würdigen Mädchens, um ihrer kleinen Tochter Karin das Ausheilen einer Lungenentzündung zu erleichtern. Einen Weltbesteller zu schreiben, lag ihr fern. Und als Weiterbildungslektion für erwachsene Frauen waren die Erzählungen schon gar nicht gedacht. Christine Weiner und Carola Kupfer wissen das selbstverständlich auch. Aber sie beantworten die Frage nach der Übertragbarkeit mit der saloppen Gegenfrage: „Was spricht dagegen, sich auch als erwachsene Frau noch ein Beispiel an Pippi zu nehmen?“ Ich meine, dass sehr wohl einiges dagegen spricht. Vor allem, wenn die Autorinnen kaum darauf eingehen, mit welchen Fallstricken man/frau auf der Reise in die heile Welt rechnen muss. Christine Weiner, Diplomwirtin, Journalistin, Autorin, Trainerin und ihre Kollegin Carola Kupfer, Ghostwriterin sowie Hörbuchredakteurin, kennen die Diskussion um die Infantilisierung der Gesellschaft bestimmt. Und genau diese Infantilisierung fördern sie. Dazu noch in einem Verlag, dessen Programmleiterin, Anette C. Anton, in ihrem Buch „Raus aus der Mädchenfalle“ den Finger auf die klaffenden Wunden hält, die regressive Verhaltensmuster hinterlassen.
Die Tipps und Übungen, die wir im Pipilotta-Prinzip finden, sind ja nicht neu. Und die meisten haben durchaus ihre Berechtigung. Doch wenn wir sie so einpacken, wie es die Autorinnen tun, dann verlieren sie an Gewicht, wecken falsche Erwartungen, führen zu Enttäuschungen und bekommen den Charakter von Beruhigungspillen.
Aus neurologischer Sicht haben die Autorinnen einen geradezu naiven Glauben, wie sich Verhaltensmuster erwachsener Menschen verändern lassen. Daher finden wir die alten, aber außer für den Verkaufserfolg keineswegs bewährten „Sei-spontan-Formulierungen“. Als Marketingprodukt ist das Buch super gemacht. Denn es enthält alle Elemente, auf die unser Unbewusstes anspricht. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass der Veränderungseffekt ausbleiben wird. Sehnsüchte zu wecken, ist ja nichts Schlechtes. Aber mit den Geschichten von Pippi Langstrumpf zu suggerieren, Leserinnen könnten sich die Welt einfach so formen, wie sie ihnen gefällt, finde ich nicht fair. Da ziehe ich ein Buch wie das von Irene Becker vor. Denn in „Everybody's Darling, everybody's Depp. Tappen Sie nicht in die Harmoniefalle!“ geht es um konkrete Schritte und nicht um eine fiktive Reise ins Land des Lächelns. Außerdem, und das erstaunte mich nun wirklich, können die beiden Pipilotta-Autorinnen selbst bei der Stilnote nicht voll punkten. Da gibt es Frauen mit ganz anderen Ausbildungswegen und Berufen, die sprachlich mehr überzeugen.
Mein Fazit: Was auf den ersten Blick so toll daherkommt, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als zwar unterhaltsames, aber letztlich nicht ganz harmloses Buch. Denn die Welt, in der wir als Erwachsene leben und bestehen müssen, hat mit der Pipilotta-Welt nicht sehr viel zu tun. Nur die Sehnsucht nach kindlicher Unschuld zu wecken, reicht für Veränderungsprozesse nicht aus, verhindert sie im schlimmsten Fall sogar noch. Ich glaube, Erfolg und Lob ist weniger den Autorinnen als vielmehr der genialen Astrid Lindgren zugedacht.