Der neuseeländischen Filmemacherin Jane Campion gelang 1993 mit "The Piano" ein historischer Triumph. Als erste Frau gewann sie bei den Filmfestspielen in Cannes die Goldene Palme für ihr Porträt einer stummen Außenseiterin, die sich in selbstgewählter innerer Emigration nur noch virtuos durch die Klänge ihres Pianos artikuliert und dennoch entgegen aller widrigen Umstände ihre Individualität verwirklicht.
1850 strandet die stumme Ada (Holly Hunter), die mit sechs Jahren aus ungeklärten Gründen mit Sprechen aufhörte, mit ihrer unehelichen Tochter Flora (Anna Paquin) an der neuseeländischen Küste, um sich mit dem fremden Siedler Mr. Stewart (Sam Neill) zu verheiraten, der ihr zugewiesen wurde. Bei sich führt sie neben ihren Koffern auch ein sehr sorgfältig verpacktes Piano. Als Stewart am nächsten Morgen Ada zusammen mit seinem Freund Baines (Harvey Keitel) und ein paar Maori am Strand empfängt, weigert er sich plötzlich das Piano in sein Haus zu transportieren und lässt es zu Adas Verärgerung am Strand zurück. Baines zeigt Interesse an dem Klavier und es kommt zu einem sinisteren Handel: Er kauft Stewart das Piano ab und erhält dafür zusätzlich Unterricht von Ada. Anstatt Baines zu unterrichten, spielt Ada ihm jedoch vor und gestattet ihm dabei vertrauliche Intimitäten, um so das Piano Taste für Taste von Baines zurückzukaufen. Aus dem dubiosen Geschäft entbrennt eine ekstatische Liaison mit dramatischen Folgen.
Plot und Struktur des Films erinnern jeweils stark an das klassische angelsächsische Drama. Die in streng puritanischer Kleidertracht zugeschnürte junge Ada, die sich sehnsüchtig nach Liebe darbend über das Piano offenbart, könnte auch der Fantasie der Bronte-Schwestern entsprungen sein. Wenn Ada in den Schlamm der Wildnis ihre Spitzenröcke eintaucht und mit Baines heimlich zum Strand zu ihrem Instrument zurückkehrt, um in der Brandung zwischen den Wirbeln des Ozeans und den Schlingen des Urwalds mit strudelnden Klavierläufen das Stück "The Heart Asks Pleasure First" aus den Tasten zu schälen, wird das Piano zu ihrer inneren Stimme und zum befreienden Klangkörper von Adas Seele, der auch physisch untrennbar mit ihr verbunden ist. Denn als der Flügel von Adas verständnislosem Ehemann, der intuitiv erkennt, dass das Piano ein Symbol für deren Individualität ist, am Strand zurückgelassen wird, trennt er sie unweigerlich von ihren Gefühlen und treibt so latent einen Keil zwischen sich und seine Frau. Weil Ada die Musik nutzt, um sich in diesem Refugium bewußt von ihrer Umwelt abzukapseln und so eine Freiheit zu erlangen, die sie von anderen Menschen trennt. So schwebt die Melodie des Pianos über einem unaufhaltsam mäandernden Strom von Ereignissen ähnlich wie die minimalen Regungen in Adas Gesicht über die Gewalt ihrer unterdrückten Emotionen, wenn sie ihre zarten Hände über den Flügel gleiten lässt. Zwischen ihren Fingern und den Tasten entsteht eine verschlungene Sinnlichkeit der Musik, die Adas Seele eine Sprache verleiht. Sodass selbst die bigotten und emotional abgestumpften Siedlerfrauen des Ortes monieren: "Sie spielt das Klavier nicht so wie wir das tun. So ein Klang, der in einen hineinkriecht, ist äußerst unangenehm!". So wird Adas Schweigen zu einer konsequenten Rebellion gegen das verquere Konzept puritanischer Sinnenfeindlichkeit. Ihr Piano geriert zum Epizentrum seelischer Wunden, wenn Baines über die Tasten ihren Körper erpresst und Stewart mit der Verstümmelung ihrer Hand ihr Verlangen und den Ehebruch bestraft. Adas Loslösung von ihrem geliebtem Instrument wird schließlich zum lebensbejahenden Ausbruchsversuch aus dem engen Korsett einer sittenstrengen Kolonisatorenfamilie englischer Tradition.
Jane Campion macht aus dieser emanzipatorischen Befreiungsgeschichte ein sehr persönliches Sittengemälde mit einer grandiosen Bildsprache (das elegante Piano inmitten der unkultivierten Wildnis), wunderbaren Darstellern und sehr subtilen Stimmungen. Ohne Brüche verknüpft sie mit irritierenden Akzenten eine sich seltsam begebende "Amour Fou" mit der Schilderung eines Frauenschicksals und der fremden Welt der Maori. Im Score begleiten den Zuschauer stets in zirkulierenden Mustern verlaufende Piano-Soli, auch wenn Ada nicht spielt. Die polyrhythmische Dynamik und die melodischen Wendungen der romantischen Motive korrespondieren mit der ungebändigten Natur und dem Innenleben der Protagonistin. Sie artikulieren Adas Sichtweise, deren erzählendes "Ich" in Form der minimalistischen Solopianistik als Voice-Over die Geschichte einrahmt, ohne die geheimnisvolle Würde ihres Schweigens in der Handlung aufzubrechen. Nur ganz selten orchestriert Michael Nyman einmal mit mehreren Instrumenten.
Die Bild- und Tonqualität leidet bei dieser Veröffentlichung etwas. Wer darauf und auf eine üppige Ausstattung Wert legt, sollte zur Arthaus Premium Edition greifen. Dort liegt die Tonspur in deutlich verbesserter Form vor.