Oktober 2011 feierte London in der ehrwürdigen Royal Albert Hall den 25. Geburtstags des - in den Worten von "musical-world" - größten Entertainment-Events aller Zeiten: "Das Phantom der Oper". Über 100 Millionen Menschen haben das Meisterwerk von Sir Andrew bereits in ca. 150 Städten weltweit bewundert.
Der 1948 in London geborene Andrew Lloyd Webber hat sich in der Tendenz von "Jesus Christ Superstar" (1973) über "Evita" (1976) und "Cats" (1981) von hart rhythmischer Rockoper über Musical bis zu einer im "Phantom der Oper" fast schon "klassisch" anmutenden Stilistik entwickelt, die sich auch harmonisch längst vom allzu gefälligen Musicalstil abhebt.
Mit Cameron Mackintosh inszenierte am 1. und 2. Oktober 2011 einer der erfolgreichsten Musical-Produzenten die 3-tägige und natürlich ausverkaufte Geburtstagsgala, die am dritten Tag über Satellit weltweit in Kinos übertragen worden ist, mit mehr als 200 Akteuren und einigen Überraschungsgästen.
Die Inszenierung unterscheidet sich in einigen Punkten von denen der Musical-Theater - so fehlt der gebroche Spiegel mit der Christine-Puppe ebenso wie der Elefant in der Hannibal-Szene. Das Bühnen-Ambiente wird durch große Video-Wände hintermalt, deren grobe Pixel-Struktur natürlich auch auf der Blu-ray ins Auge fällt. Schließlich wird der Kronleuchter weder hochgezogen, noch stürzt er ab, sondern er verpufft in funkensprühenden Pyro-Effekten.
Who cares? Man muss schon sehr nörglerisch veranlagt sein, um diese Aufführung nicht großartig zu finden. Denn letztlich entscheidet die Musik - und weder kann man sich ein beeindruckenderes Phantom als Ramin Karimloo vorstellen noch eine entzückendere Christine als Sierra Boggess, wobei deren Gesangskünste tatsächlich nahezu überirdisch wirken.
Die Tonqualität wird durchwachsen beurteilt. "Echte" Laufzeit-Räumlichkeit lässt sich angesichts der diskreten Mikrophonie wohl nicht herstellen. Aber auch wenn man weniger Wert auf Mehrkanal-Raumeffekte als auf guten Klang legt, bleiben noch Wünsche offen. Tatsächlich könnte man sich etwas druckvollere Tiefen ebenso gut vorstellen wie einen Hauch mehr Transparenz in den Höhen. Ausgehend vom Klang klassischer Theater ist die Abmischung als natürlich und zurückhalten zu beurteilen - nennen wir's mal "unspektakulär". Es ist eben keine Rock-Oper und will auch nicht so klingen. Erfreulich neutral und fast frei von lästiger Präsenz-Überbetonung klingen die Stimmen.
Das Bild (1,78:1) weiß umso mehr zu beeindrucken. Das ist nun keine Kunst bei bestens ausgeleuchteten Bühnenszenen, aber selbst bei Schwenks durch das Publikum muss man schon auf zwei Meter an die Leinwand herangehen, um die bei dunklen Bildern und Kameraschwenks leider heute noch unvermeidlichen Rauscheffekte deutlich zu erkennen. Insofern erweist sich der Einsatz der Video-Walls als gute Strategie - zwar sieht man deren Pixel-Struktur, dafür entfällt aber der meist nicht so gut ausgeleuchtete und damit Rausch-empfindliche Bühnenhintergrund.
Ein Highlight der Produktion ist ohne Zweifel die nahezu perfekte Führung der Kameras, die gleichzeitig unauffällig wie spektakulär das Geschehen zeigen. Vermutlich geschah das für die "echten" Zuschauer im Saal keineswegs so unsichtbar, als Blu-ray - Zuschauer spart man also nicht nur die stattlichen Eintrittspreise, sondern hat auch optisch und akustisch einen perfekten und unbehinderten Zugang zu der oft turbulent-bunten Action auf der Bühne.
Die Extras beschränken sich auf einen Trailer der ebenfalls gerade herausgekommenen Blu-ray "Phantom: Love Never Dies" und ein Making Of. Dafür gibt es Untertitelspuren "satt" und eine Kapitel-Anwahl.
Alles in allem ist das Gebotene ohne jeden vernünftigen Zweifel gut für einen genussreichen Musik-Abend zuhause, der ganz sicher keinen Vergleich mit Life-Übertragungen im Kino scheuen muss - und von den gesparten Eintrittsgeldern kann man sich noch einen vorzüglichen Wein dazu gönnen.
film-jury 5* A0892 23.2.2012eg ABR 583 Genre: Drama | Musical | Romanze | Thriller