Kennen Sie das Amelia-Katharina-Krankenhaus auf dem Ölberg? Ich nicht, obwohl ich genau dort wohne. Zumindest habe ich es fast nicht wiedererkannt. Das Amelia-Katharina-Krankenhaus ist einer der Hauptschauplätze in Jonathan Kellermans Thriller „Das Phantom von Jerusalem".
Ich habe mir - als Jerusalemer - dieses Buch vor allem wegen des vielversprechenden Lokalkollorits gekauft, doch zumindest in dieser Hinsicht wurde ich enttäuscht.
Zum einen sind viele Szenen schlecht recherchiert (es gibt in Jerusalem wohl einen zentralen Busbahnhof, aber keinen Hauptbahnhof mit Zügen, sondern nur eine mickrige Bahnstation) oder flasch übersetzt (Juden gehen zum Beten in die Synagoge, nicht in die Kirche).
Wenn hebräische Begriffe verwendet werden, so schafft das eine authentische Atmosphäre, die Ausdrücke gehören dann allerdings im Anhang in einem Glossar für den des Hebräischen nicht mächtigen Leser erklärt, wie das bei den Büchern von Faye Kellerman, der Frau Jonathan Kellermans, deren Bücher im amerikanisch jüdischen Milieu angesiedelt sind, durchweg der Fall ist.
Zum anderen hätte ich von einem Autor, der als Psychologe firmiert, ein einfühlsameres, weniger plakatives und plattes Täterprofil erwartet. Auch die Sprache rutscht bei der Wiedergabe des Täterprofiles immer wieder vom ordinären ins vulgäre ab, um anspruchsvolle Literatur handelt es sich bei diesem Spannungsroman also sicherlich nicht.
Wohl weist Kellerman darauf hin, dass „jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Geschehnissen, Orten und lebenden oder verstorbenen Personen" rein zufällig wäre, andererseits verzerrt und karrikiert er Orte und Personen in wenig charmanter Art und Weise.
Ich will nur zwei Beispiele nennen:
Einerseits ist da die wenig schmeichelhafte Beschreibung des Jerusalemer Bürgermeisters, den jeder sofort als Karrikatur von Teddy Kollek erkennt und die der Bedeutung dieses Mannes für Jerusalem keineswegs angemessen ist.
Andererseits die bereits eingangs erwähnte Verzerrung der Geschichte und Arbeit des Auguste-Victoria-Krankenhauses auf dem Ölberg. Es erhält eine wenig glaubhafte Gründungslegende als Hochzeitsgabe eines wohlhabenden deutschen Missionars für seine junge Braut verpasst, die ein weitläufiges, verschwenderisch ausgestattetes Pfarrhaus geschenkt bekommt.
Seit 1948 bis heute dient das Auguste Victoria Krankenhaus, das übrigens als Pilgerherberge geplant war und nach der Gattin Kaiser Wilhelm II benannt ist, als Behandlungsstätte vornehmlich für mittlelose palästinensische Flüchtlinge in gemeinsamer Trägerschaft des Lutherischen Weltbundes in Genf und des Flüchtlingshilfswerkes der Vereinten Nationen UNWRA.
Angesichts dieser sozialen Aufgabe ist es umso unverständlicher, dass der Autor den Vereinten Nationen immer wieder Stiche und Seitenhiebe versetzt, auf den vermeintlichen luxeriösen Lebenswandel der Gesandten hinweist, die augenscheinlich nichts beseres zu tun haben, als teure Dienstwagen zu fahren und Buisiness Class zu fliegen.
Warum kann er den Hauptort der Handlung nicht als solchen belassen, wie das mit anderen bedeutenden öffentlichen Gebäuden der Stadt, der Universität, dem Polizeipräsidium, dem Hadassah Krankenhaus, Laromme Hotel u.v.a.m. auch geschieht?
All dies gibt dem Buch einen bitteren politischen Beigeschmack, der nichts zum Fortgang der Handlung beiträgt. Dass Jonathan Kellerman aus israelischer Perspektive schreibt sei ihm ungenommen, die permanenten politischen Seitenhiebe verleiden mir das Buch aber teilweise.
Die Handlung selbst ist spanndend und abwechslungsreich aufgebaut, auch wenn man sich auf grund der oben genannten offenen Sympathien und Antipathien (auch die Presse bekommt ihr Fett ab) bald denken kann, auf welcher Seite der Mörder anzusiedeln ist. Nur: 941 Seiten sind ein bischen zu lang bis zur Lösung. Mehr Realismus und weniger Politik hätten dem Buch zu mehr als den zwei Sternen verholfen, die ich ihm geben möchte.
Rüdiger Scholz, Jerusalem, den 1.11.02