Vorbemerkung: Ich besitze die Ausgabe von 2008. Da Cover und technische Daten übereinstimmen, nehme ich an, dass Best Entertainment AG keine Änderungen an der Ausgabe für Januar 2010 vorgenommen hat.
Zum Film: Diese Verfilmung hält sich sehr eng an die Vorlage von Gaston Leroux: Paris um 1880, die Sängerin Christine Daae (Mary Philbin) möchte für ihre Gesangskarriere auf ihren Geliebten Raoul (etwas blass: Norman Kerry) verzichten (recht so, die Liebesgeschichte erscheint im Film ohnehin wenig ergiebig). Ein Unbekannter (Lon Chaney) verängstigt die Sängerin Carlotta so sehr, dass sie auf einen Auftritt verzichtet und Christine die Gelegenheit erhält, ihre Rolle zu singen. Das Phantom schreckt auch vor Gewalt nicht zurück. Schließlich gibt es sich gegenüber Christine zu erkennen (schönes Bild: sie geht durch einen Spiegel!), gesteht ihr seine Liebe und bittet sie, nicht hinter die Maske zu schauen. Sie demaskiert ihn aber (eine der schauerlichsten Szenen des Films) und wendet sich wieder Raoul zu. Das eifersüchtige Phantom trachtet daraufhin Raoul und seinem Helfer Ledoux nach dem Leben. Das Ende ist besonders erschreckend, in der die Rettung Raouls ausgerechnet durch den Pöbel der Stadt erscheint, der bereit ist, das Phantom zu lynchen.
Höhepunkt des Films ist eine in Farbe gefilmte Ballszene (die übrigen Szenen sind je nach Stimmung blau, grün oder rot eingefärbt). Das Phantom erscheint, wie aus einer Geschichte Edgar Allen Poes entsprungen, als "Roter Tod". Die Szene, in der Raoul und Ledoux das Gewölbe nach dem Versteck des Phantoms durchsuchen, von herabhängenden Galgen und einstürzenden Wasserfluten bedroht werden, erinnert an Urängste, an die tiefsten Schichten des Unterbewusstseins. Auch wenn der Film eine Altersfreigabe von 6 Jahren hat, so ist es angesichts dieser sehr erschreckenden Szenen nicht ratsam, jüngere Kinder diesen Film alleine sehen zu lassen.
Die Motivation des Phantoms wird nicht näher beleuchtet. Es wird angedeutet, dass es in den Tagen der Kommune in den Katakomben der Oper festgesetzt und gefoltert wurde, wahrscheinlich Ursache seiner Missgestalt und seiner manischen Besessenheit.
Lon Chaney (senior) war einer der vielseitigsten Darsteller der Stummfilmzeit. Seine Verwandlungsfähigkeit (u.a. auch in "Der Glöckner von Notre-Dame",1923) führte zu dem geflügelten Wort: "Tritt nicht drauf, es könnte Lon Chaney sein!" Insgesamt ist der Film ein Meilenstein des frühen Horrorfilms, der nichts von seiner Atmosphäre eingebüßt hat. Die Darstellung Chaneys und die üppige Ausstattung lassen manche dramaturgischen Hänger und Ungeheuerlichkeiten spielend vergessen. Wenn ich aber nicht fünf Sterne vergebe, so hat das mit der rätselhaften Veröffentlichung der DVD zu tun:
Rätsel Nr.1: Warum befindet sich Maureen O`Hara auf dem Cover? Sollte sie als Kind Komparsin in Stummfilmen gewesen sein? Auf welchen Filmmetern bitte? Etikettenschwindel oder Ignoranz? Maureen O`Hara oder Mary Philbin, immer diese feinen Unterschiede!
Rätsel Nr.2: Wer war für die Übersetzung und Gestaltung der Zwischentitel zuständig? Ich erwarte ja schon nicht mehr, dass bei der Gestaltung eine optische Anlehnung an die Originaltitel stattfindet. Interpunktion und Groß-/Kleinschreibung? - Geschenkt. Aber wer bitte übersetzt "Thus does the Red Death rebuke your merriment" mit "Deshalb staucht der Red Death eure Fröhlichkeit"? Einige Stilblüten sind schon erheiternd, wenig passend für einen Horrorfilm.
Rätsel Nr.3: Die Musik wurde ohrenscheinlich neu komponiert und eingespielt. Warum findet sich nirgends ein Hinweis auf die ursprüngliche Fassung und die Arbeit der Komponisten? Filmlexika geben an, dass schon bei der 1929er Fassung auf die Filmmusik von Gustav Hinrichs verzichtet wurde. Und welche Musik ist auf der DVD zu hören?
Angesichts dieser Ungereimtheiten ziehe ich einen Stern ab.
Als Extras enthält die DVD den Trailer von 1925 sowie den Trailer von 1929, der eine gestraffte und mit Toneffekten versehene Version bewirbt. Trailer von Premierenversionen anderer Städte enthalten Szenen, die nicht im Film enthalten sind. Das Bild ist angesichts des Alters des Films sehr gut.
Äußerst sehenswert!