» Viele haben an Harry Potter verdient. Hier kommt Melissa Anelli aus New York, grade noch zum Jahrgang 1979 zählend, die mit 21 Jahren als Praktikantin bei einer kommerziellen Fan-Website angefangen hat. Ein Berufsfan, eine Stalkerin, die nicht einmal Engländerin ist, und die sich Joanne Rowling als Wegbegleiterin gewiss nicht rausgesucht hat. An Selbstbewusstsein mangelt es ihr nicht. Das Buch selbst ist um ¼ dicker als der ganze erste Harry-Potter-Band und enthält jede Menge "Ich dachte, ich sagte, ich antwortete, ich, ich, ich ... meine Arbeit ist ja sooo immens wichtig!"
Um vom "Stil" eine Vorstellung zu bekommen, muss man nur dem Telefonat zweier 14-jähriger Mädchen zuhören.
Da wird künstlich dramatisiert und es werden Stilmittel angewandt, die bei Zeitungsleuten belächelt werden, bei Buchautoren jedoch unmöglich sind.
# Bsp. "Hinhaltetaktik": Kapitel 1 reicht über 10 Seiten von S. 15 bis S. 25. Im gesamten Kapitel vermeidet es die Autorin sorgsam zu erwähnen, worum es eigentlich geht. Es wird nur drumrum geeiert, um die Spannung künstlich ansteigen zu lassen. Man erfährt von so wichtigen Dingen wie ihrer Fähigkeit, im Sitzen vor der Tastatur zu schlafen, ohne auf die Tasten zu knallen - wers glaubt! Inzwischen glaubt aber jeder, nach 7 Jahren banger Erwartung wird nun bald der Welt ein Mittel gegen Krebs vorgestellt oder der erste Weltraumfahrstuhl wird eingeweiht ... und dann .. liest .. man .. es - im allerletzten Satz:
Der Erscheinungstermin des letzten HP-Bandes wurde bekannt gegeben! Nur der Termin! Oh, yeah.
Ich hab beinahe meinen Kaffee über den Tisch geprustet!
· Was das PHÄNOMEN zum Phänomen macht, erfährt man leider nie. Wer eine Analyse erwartet, ist aufs Glatteis geführt worden.
Was da an Informationen zum Lieblingsthema zusammengetragen und wieder ausgebreitet wird, stammt z. B. von anderen Fansites. Das nennt man im allgemeinen "Klatsch und Tratsch", auch wenn es mit furchtbar intimen Details von öden Arbeitsbesprechungen angereichert wird.
· Der Stil ist nicht einmal amüsant, so dass man sich - wie in einer Fan-Gemeinschaft - gut aufgehoben fühlen und deshalb den "Erfahrungsaustausch" geniesen könnte.
Die Eindrücke eines einzelnen Fans interessieren mich weit weniger als das so genannte "Phänomen" selbst, um das es gehen soll, und natürlich die Urheberin dieses Phänomens - und wenn ich es will, kann ich mir selbst Hunderte Faneindrücke in Foren besorgen.
· Das einzig Besondere, die größere Nähe zu Frau Rowling, bringt nichts weltbewegend Neues. Das mag auch daran liegen, dass die Autorin sich selbst nicht jeder Handlung und jedes Motives bewusst ist und ihr viel von außerhalb unterstellt wird. Selbst die einleitenden Worte von J. Rowling erwecken den Eindruck, als hätte sie das mal eben beim gemeinsamen Essen auf die Serviette notiert - für noch so ein Buch.
Da kommt nur das übliche, vertraglich vereinbarte imagegetreue Naiv-Getue einer Frau, die in Wahrheit genau weiß, was sie tut - und das inzwischen jeder zur Genüge kennt - ... und mehr darf auch gar nicht kommen! J.R. macht ihren Job und ich finde: sie macht ihn professionell und richtig. Aber ist das DIE Sensation, über die ihr Anhängsel schreiben sollte? (Erinnert mich an die Enthüllungen der Putzfrau von Sly Stallone.)
· Ich will nicht behaupten, dass dieses neue "Werk" niemanden etwas geben könnte. Selbst das denkbar langweiligste Thema, nämlich Stadtangestellten beim Knöllchenverteilen über die Schulter zu sehen, hat im Fernsehen seine Zuschauer. Und auch das Büchermachen ist oftmals nur Arbeit. Und die geht nicht ständig mit Erdbeben einher.
Natürlich kann man mit viel Begeisterung aus jeder Mücke einen Elefanten machen. Ist es wirklich sooo wichtig, wie der Titel gefunden wurde? Sollten nicht die restliche Viertelmillion Wörter wichtiger sein? Die Titel legen gewöhnlich die Verlage selbst fest. Ein normaler Autor kann da ohnehin auf und nieder springen, wenn seine Überlegungen dankend ad acta gelegt werden. Und wenn eine Mittelinitale her soll, wird eben selbst eine Joanne Rowling umbenannt - so geschehen. Schlimmer ist, wenn ein Fremder das Werk verkorkst - wie z.B. durch den deutschen Titel des letzten Bandes geschehen! Wäre "HP und die Gaben des Todes" nicht sinngemäß besser gewesen? Vielleicht auch ganz anders. (Niemand hat je Gevatter Tod heilig gesprochen oder betet ihn an.) Darüber und die Reaktionen der Autorin lohnt es zu berichten, nicht über jede Autogrammstunde.
· Es gibt schon sooo viele Begleitbücher. Dieses hier muss es nicht sein! Ich stimme sämtlichen hier gemachten Rezensionen zu, von 5 Sternen bis 1 Stern (Bitte dort nachlesen). Der Durchschnitt stimmt. Offenbar macht der gewonnene Eindruck dem einen Leser mehr, dem anderen weniger aus. Keiner hat Unrecht. Ich gebe aber zu bedenken, dass der Beitrag nicht in einem Internetblog erschienen ist, kostenlos oder als Kolumne einer Zeitung - man soll echtes Geld dafür hinblättern! Och, nö. Joanne Rowling erscheint mir wie eine heilige Kuh, die auch noch der letzte "Freund" melken und ausschlachten will.
O-¬ Noch ein allgemeines Wort an die Fans von jemandem, der sämtliche Analysen sämtlicher HP-und-Rowling-Experten gelesen hat - einschließlich Rowlings eigenen Aussagen - und somit die Meinung vieler zusammenfassen kann:
/!\ Leute, Fans, seid nicht naiv! Glaubt nicht alles, was die Werbung euch weis machen will - und Werbung ist im Zusammenhang mit J. Rowling ALLES. Ihr Name ist inzwischen ein Marke und ein Markenimage wird gepflegt. Man braucht sehr viel Einfühlungsvermögen und die Fähigkeit, zwischen den Zeilen zu lesen, um das Gespinnst an "Informationen" zu durchschauen und nur einen ungefähren Eindruck davon zu gewinnen, wie J. Rowling wirklich tickt. Ich bewundere ihr Gespür, ihre Phantasie und unterschätze auch nicht die Tortur, die sie sich nicht ganz von selbst auferlegt hat, aber ich betrachte sie nüchtern als Menschen. Als jemand, der ziemlich verzweifelt gewesen ist und ganz dringend einen Erfolg gebraucht hat. Sie hat NICHT nur ganz unschuldig das geschrieben, was sie als Kind gern gelesen hätte, war überwältigt und Image-Blabla ... Denkste! Aber das zu erläutern braucht es mehr als den hier zur Verfügung stehenden Platz für Rezensenten.«