Dieses Buch kenne ich seit 1973. Es wurde mir in meiner Kinderzeit geschenkt, da ich gerne Pferdebücher las. Mir erschien es damals als wunderbare Geschichte über die Freundschaft zwischen einer alten Stute und einem Mädchen.
Die Stute wurde, alt und blind, vom Vater des Mädchens einem großen Gestüt abgekauft, das für sie keine Verwendung mehr hat. Als die alte Stute überraschend ein Fohlen bekommt und es aufgrund ihrer Krankheit nicht säugen kann, kämpft das Mädchen mit seiner gesamten Familie um das Leben des Fohlens. Auf aberwitzigen Wegen besorgen sie Milch und füttern es mit der Flasche. Das Abenteuer gelingt, auch die alte Stute wird wieder gesund. Wunderbar und anrührend! Das Fohlen wächst zu einem atemberaubend schönen Junghengst heran.
Aber nun wird's geheimnisvoll. Immer mal wieder kommt ein sehr im Dunkeln bleibender Mann zu Besuch, der von der Familie "der Atomwerkmöller" genannt wird. Er ist der erste, der bemerkt, dass Raya trächtig ist, und schaut in der Folgezeit immer mal wieder nach, was aus dem Fohlen geworden ist. Eines Tages sagt er zum Vater den seltsamen Satz: "Er steht etwas französisch." Dem Mädchen wird beklommen zumute, es erhält keine Erklärung für das Gebaren des Atomwerkmöllers und noch rätselhafter ist, dass ihr Vater abends schweigend vor der Pferdekoppel steht und raucht. Etwas liegt in der Luft. Eines Tages erscheint ein Pferdetransporter vorm Haus und das Fohlen wird von zwei Männern abgeholt.
Nein, das ist KEIN gebrochenes Versprechen eines Vaters, der zuerst sagte, das Mädchen dürfte das Fohlen behalten. Das ist - wie es mir viele Jahre später erst klar wurde - ein Vorfall aus der Zeit des real existierenden Sozialismus. Denn obwohl es mit keinem Wort ausdrücklich erwähnt wird, spielt die Geschichte in der ehemaligen DDR. Durch die im Buch erwähnte "Hongkonggrippe" ist sogar ein Zeitraum für die Ereignisse gegeben: Das Jahr 1968. Der "Atomwerkmöller" ist ein Funktionär der SED, der ab und zu nach dem Rechten schauen kommt. Den Erwachsenen im Buch ist stillschweigend klar, dass sie das Fohlen nicht behalten können, da das staatliche Gestüt es zurückverlangen wird. Der Atomwerkmöller versucht der Familie noch zu helfen, indem er gegenüber dem Staatsgestüt einen Fehler des Fohlens angibt, der es möglicherweise zur Zucht unbrauchbar macht ("steht französisch"). Diese Aktion nützt nichts, der Vollzug findet dennoch statt. Nachdem die Familie auf eigenes Risiko und unter Strapazen dem Fohlen das Leben gerettet hat, hat sie nie Hilfe dafür bekommen und darf es am Ende nicht einmal behalten.
Zu meiner Überraschung las ich, dass das Buch nicht für den westdeutschen Literaturmarkt geschrieben wurde. Es kam ursprünglich in der DDR heraus - was mich umso mehr wundert, da es äußerst systemkritisch, ja systemfeindlich ist. Natürlich nur sehr leise, zwischen den Zeilen, aber dennoch deutlich.
Natürlich wird mit keinem Wort protestiert und nichts beansprucht. Der Protest bleibt allein der alten Stute vorbehalten. Eingesperrt in ihrem Stall, hört sie, wie das Fohlen weggebracht wird, und beginnt zu schreien und gegen die Tür zu schlagen. So fordert der Vater das Mädchen auf, zur Ablenkung der Stute "um das große Viereck" zu reiten (der gewohnte Weg, den sie jeden Tag reiten). Und dabei "erinnert" sich die Stute und beginnt ruhig ihren Weg zu traben. Man geht zur Tagesordnung über, es kehrt Ruhe ein. Was konnte man anderes tun?
Dies war in der DDR gewiss kein harmloses Buch - oder nur so lange harmlos, wie nur Kinder es lasen.
Wurde die - nur Erwachsenen verständliche - systemkritische Lesart von der DDR-Prüfstelle nicht verstanden? Oder wurde sie, was ich eher vermute, stillschweigend "durchgewunken"? Der Hintergrund würde mich mal interessieren. Alfred Wellm fiel jedenfalls meines Wissens nie als Gegner des Systems auf. Ein gelungener Coup, irgendwie.