Kurzbeschreibung
Im Jahr 1665 bricht in einem kleinen englischen Dorf die Pest aus. Ein schreckliches Sterben beginnt, und Angst und Verzweiflung bringen die Bewohner schier um den Verstand. In einer dramatischen Predigt trotzt der Pfarrer seinen Gläubigen ein Gelöbnis ab: Niemand wird das Dorf verlassen, niemand hereingelassen, bis diese Prüfung Gottes bestanden ist. Ein Jahr des Schreckens und der Wunder bricht an...Im Frühjahr 1665 klopft der fahrende Schneidergeselle George Viccars an die Tür der jungen Witwe Anna Frith. Anna muss nach dem Tod ihres Mannes in den Bleigruben des Peak District hart ums Überleben kämpfen. So erscheint ihr der Logiergast wie ein Geschenk des Himmels. Doch eines Morgens, als Anna von ihrer Arbeit im Pfarrhaus zurückkehrt, findet sie den Schneider in einem furchtbaren Zustand: Eine riesige lilagelbe Beule verunstaltet das schmerzverzerrte Gesicht des Mannes. Als Viccars wenig später stirbt, klingt in Annas Ohren sein Schrei nach: "Um Gottes willen, verbrennt alles!" Wenige Tage später sterben die ersten Kinder. Die Pest ist im Dorf eingezogen. Abgrundtiefe Verzweiflung, namenlose Angst und das schreckliche Sterben bringen einige Bewohner schier um den Verstand. In einer dramatischen Predigt trotzt der Pfarrer seinen Gläubigen ein Gelöbnis ab: Niemand wird das Dorf verlassen, niemand hineingelassen, bis diese Prüfung Gottes bestanden ist. Ein Jahr der Schrecke n und Wunder bricht an. Zwei Drittel der Bewohner werden dahingerafft; Lynchmorde und Ausbrüche von Wahnsinn erschüttern das Dorf. Und doch erlebt Anna Augenblicke der Sinnlichkeit und des Glücks. Sie und die Pfarrersfrau Elinor, auf der ein schreckliches Geheimnis lastet, werden Freundinnen. Und dann - nach dem großen Feuer - ist alles vorbei. Doch die schwerste Prüfung, an der selbst der Pfarrer zerbrechen wird, steht Anna noch bevor.
Klappentext
"Dieses Buch ist ergreifend, klug und unglaublich spannend."
Washingon Post
Washingon Post
"Die Geschichte ist in einer erfinderischen quasi archaischen Sprache erzählt, die den Leser gleichzeitig begeistert, irritiert und schaudern lässt."
Chicago Tribune
"Die Ex-Kriegsberichterstatterin Geraldine Brooks erweist sich als eine begabte Geschichtenerzählerin."
People Magazine
-- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe:
Taschenbuch
.
Über den Autor
Geraldine Brooks wurde 1955 in Sydney geboren und bereiste elf Jahre lang als Auslandskorrespondentin des Wall Street Journal verschiedene islamische Länder, darunter Bosnien, Somalia und den Mittleren Osten. Für ihre Reportagen über die palästinensische Intifada, den Iran-Irak-Konflikt und den Golfkrieg wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Geraldine Brooks erhielt 2006 den Pulitzer Preis.
Auszug aus Das Pesttuch von Geraldine Brooks, Eva L. Wahser. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Apfelernte
Früher habe ich diese Jahreszeit geliebt. Holzstapel neben der Türe. Frischer Harzgeruch, der die Erinnerung an den Wald birgt. Goldglänzende Heuhaufen im tief stehenden Nachmittagslicht. Im Keller rollen Äpfel polternd in die Kisten. Gerüche und Bilder und Geräusche. Alles werde gut dieses Jahr, versprachen sie. Und wenn der Schnee fiele, hätten die Kleinsten zu essen und lägen warm. Früher bin ich um diese Zeit gerne im Obstgarten unter den Apfelbäumen spaziert. Wie weich es unter den Füßen nachgab, wenn ich auf Fallobst trat. Der süßlich-schwere Duft nach verfaulenden Äpfeln und feuchtem Holz. Dieses Jahr gibt's nur wenige Heubündel und spärliche Holzhaufen. Und beides bedeutet mir nicht viel. Gestern haben sie die Äpfel gebracht, eine Wagenladung für den Pfarrkeller. Spät geerntet, was sonst. Auf ziemlich vielen entdeckte ich schwarze Flecken. Ich habe den Fuhrmann deswegen ins Gebet genommen, aber er meinte nur, wir sollten froh sein, überhaupt welche zu bekommen. Vermutlich nur allzu wahr. Es gibt doch nur so wenig Leute für die Ernte. So wenig Leute für alles und jedes. Und wer von uns noch übrig ist, geht herum, als schliefe er halb. Wir alle sind so müde.
Einen der knackigen und guten Äpfel nahm ich und schnitt ihn auf, hauchdünn, und trug ihn in jenen dämmrigen Raum, wo er sitzt, reglos und stumm. Seine Hand liegt auf der Bibel, und doch schlägt er sie nie auf. Jetzt nicht mehr. Ich fragte ihn, ob er möchte, dass ich ihm daraus vorlese. Er wandte den Kopf, um mich anzuschauen, und ich zuckte zusammen. Seit Tagen war es das erste Mal, dass er mich ansah. Ich hatte vergessen, was seine Augen auslösen konnten, wozu sie uns bringen konnten, wenn er unverwandt von der Kanzel heruntersah und uns mit seinen Blicken festhielt, einen nach dem anderen. Die Augen sind immer noch dieselben, nur sein Gesicht hat sich so sehr verändert. Verhärmt und ausgezehrt und jede Falte tief eingegraben. Als er hierher kam - ganze drei Jahre ist das her -, machte sich das ganze Dorf über sein jugendliches Aussehen lustig und darüber, dass so ein Jüngling zu ihnen predigen sollte. "Anna, du kannst nicht lesen." "Hochwürden, ich kann's. Mistress Mompellion hat's mir beigebracht." Als ihr Name fiel, zuckte er zusammen und wandte sich ab, und sofort bedauerte ich es. Heutzutage macht er sich nicht die Mühe, seine Haare zusammenzubinden. Lang und dunkel fielen sie herab und verbargen sein Gesicht, sodass ich seine Miene nicht lesen konnte. Aber als er erneut sprach, klang seine Stimme leidlich gefasst. "Tatsächlich? Hat sie das?", murmelte er. "Nun ja, dann werde ich dich vielleicht eines Tages anhören. Damit ich weiß, wie gut sie ihre Sache gemacht hat. Aber heute nicht, Anna, ich danke dir. Nicht heute. Das wäre dann alles." Eine Dienerin hat kein Recht zu bleiben, wenn man sie entlassen hat. Und doch tat ich's, schüttelte das Kissen auf, legte ein Schultertuch zurecht. Er würde mich kein Feuer machen lassen. Nicht einmal dieses winzige Stück Behaglichkeit würde er von mir annehmen. Als ich schließlich nichts angeblich Wichtiges mehr zu tun hatte, verließ ich ihn.
In der Küche nahm ich ein paar angeschlagene Äpfel aus den Eimern und ging hinaus in die Ställe. Der Hof war ganze sieben Tage nicht gefegt worden. Es roch nach fauligem Stroh und Pferdepisse. Ich musste meinen Rock hochraffen, damit er nicht schmutzig wurde. Schon auf halbem Wege konnte ich den dumpfen Schlag hören, wenn sein Pferd bei jeder Drehung und Wendung mit dem Rumpf gegen den engen Pferch stieß und dabei tiefe Rillen in den Stallboden grub. Heutzutage ist niemand mehr kräftig oder erfahren genug, um mit ihm fertig zu werden. Der Stallbursche, dessen Sache es war, den Hof sauber zu halten, döste auf dem Boden der Sattelkammer. Bei meinem Anblick sprang er auf und suchte umständlich nach dem Sichelgriff, der ihm beim Einschlafen aus der Hand gerutscht war. Als ich das Sichelblatt sah, das noch immer auf seiner Werkbank lag, wurde ich wütend, hatte ich ihn doch schon seit langem gebeten, es auszubessern. Inzwischen war das Lieschgras abgeblüht und keinen Schnitt mehr wert. Eigentlich wollte ich ihn deshalb und wegen des Unrats draußen schon ausschelten, aber beim Anblick seines verhärmten und erschöpften Gesichtes schluckte ich die Worte hinunter. Ich konnte nicht anders. Als ich die Stalltür öffnete, flirrten plötzlich Staubkörnchen im Sonnenstrahl auf. Das Pferd hielt, einen Huf erhoben, im Scharren inne und blinzelte ins ungewohnte Gleißen. Dann bäumte es sich auf seine muskulösen Hinterbeine und schlug durch die Luft, als wollte es so deutlich wie möglich sagen: "Da du nicht er bist, verschwinde von hier." Obwohl ich nicht zu sagen wusste, wann es das letzte Mal einen Striegel gespürt hatte, schimmerte sein Fell an der Stelle, wo das Licht auftraf, noch immer wie Bronze. Als Mister Mompellion auf diesem Pferd hier eingetroffen war, hatte es allgemein geheißen, ein so prachtvoller Hengst sei kein geeignetes Ross für einen Priester. Außerdem passte es den Leuten nicht, als sie hörten, dass Hochwürden ihn Anteros rief. Einer der alten Puritaner hatte ihnen nämlich erklärt, dies sei der Name eines heidnischen Götzen. Als ich meinen ganzen Mut zusammennahm und Mister Mompellion danach fragte, hatte er nur lachend gemeint, sogar die Puritaner sollten sich darauf besinnen, dass auch Heiden Kinder Gottes und ihre Geschichten ein Teil Seiner Schöpfung sind. (...) -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .
Früher habe ich diese Jahreszeit geliebt. Holzstapel neben der Türe. Frischer Harzgeruch, der die Erinnerung an den Wald birgt. Goldglänzende Heuhaufen im tief stehenden Nachmittagslicht. Im Keller rollen Äpfel polternd in die Kisten. Gerüche und Bilder und Geräusche. Alles werde gut dieses Jahr, versprachen sie. Und wenn der Schnee fiele, hätten die Kleinsten zu essen und lägen warm. Früher bin ich um diese Zeit gerne im Obstgarten unter den Apfelbäumen spaziert. Wie weich es unter den Füßen nachgab, wenn ich auf Fallobst trat. Der süßlich-schwere Duft nach verfaulenden Äpfeln und feuchtem Holz. Dieses Jahr gibt's nur wenige Heubündel und spärliche Holzhaufen. Und beides bedeutet mir nicht viel. Gestern haben sie die Äpfel gebracht, eine Wagenladung für den Pfarrkeller. Spät geerntet, was sonst. Auf ziemlich vielen entdeckte ich schwarze Flecken. Ich habe den Fuhrmann deswegen ins Gebet genommen, aber er meinte nur, wir sollten froh sein, überhaupt welche zu bekommen. Vermutlich nur allzu wahr. Es gibt doch nur so wenig Leute für die Ernte. So wenig Leute für alles und jedes. Und wer von uns noch übrig ist, geht herum, als schliefe er halb. Wir alle sind so müde.
Einen der knackigen und guten Äpfel nahm ich und schnitt ihn auf, hauchdünn, und trug ihn in jenen dämmrigen Raum, wo er sitzt, reglos und stumm. Seine Hand liegt auf der Bibel, und doch schlägt er sie nie auf. Jetzt nicht mehr. Ich fragte ihn, ob er möchte, dass ich ihm daraus vorlese. Er wandte den Kopf, um mich anzuschauen, und ich zuckte zusammen. Seit Tagen war es das erste Mal, dass er mich ansah. Ich hatte vergessen, was seine Augen auslösen konnten, wozu sie uns bringen konnten, wenn er unverwandt von der Kanzel heruntersah und uns mit seinen Blicken festhielt, einen nach dem anderen. Die Augen sind immer noch dieselben, nur sein Gesicht hat sich so sehr verändert. Verhärmt und ausgezehrt und jede Falte tief eingegraben. Als er hierher kam - ganze drei Jahre ist das her -, machte sich das ganze Dorf über sein jugendliches Aussehen lustig und darüber, dass so ein Jüngling zu ihnen predigen sollte. "Anna, du kannst nicht lesen." "Hochwürden, ich kann's. Mistress Mompellion hat's mir beigebracht." Als ihr Name fiel, zuckte er zusammen und wandte sich ab, und sofort bedauerte ich es. Heutzutage macht er sich nicht die Mühe, seine Haare zusammenzubinden. Lang und dunkel fielen sie herab und verbargen sein Gesicht, sodass ich seine Miene nicht lesen konnte. Aber als er erneut sprach, klang seine Stimme leidlich gefasst. "Tatsächlich? Hat sie das?", murmelte er. "Nun ja, dann werde ich dich vielleicht eines Tages anhören. Damit ich weiß, wie gut sie ihre Sache gemacht hat. Aber heute nicht, Anna, ich danke dir. Nicht heute. Das wäre dann alles." Eine Dienerin hat kein Recht zu bleiben, wenn man sie entlassen hat. Und doch tat ich's, schüttelte das Kissen auf, legte ein Schultertuch zurecht. Er würde mich kein Feuer machen lassen. Nicht einmal dieses winzige Stück Behaglichkeit würde er von mir annehmen. Als ich schließlich nichts angeblich Wichtiges mehr zu tun hatte, verließ ich ihn.
In der Küche nahm ich ein paar angeschlagene Äpfel aus den Eimern und ging hinaus in die Ställe. Der Hof war ganze sieben Tage nicht gefegt worden. Es roch nach fauligem Stroh und Pferdepisse. Ich musste meinen Rock hochraffen, damit er nicht schmutzig wurde. Schon auf halbem Wege konnte ich den dumpfen Schlag hören, wenn sein Pferd bei jeder Drehung und Wendung mit dem Rumpf gegen den engen Pferch stieß und dabei tiefe Rillen in den Stallboden grub. Heutzutage ist niemand mehr kräftig oder erfahren genug, um mit ihm fertig zu werden. Der Stallbursche, dessen Sache es war, den Hof sauber zu halten, döste auf dem Boden der Sattelkammer. Bei meinem Anblick sprang er auf und suchte umständlich nach dem Sichelgriff, der ihm beim Einschlafen aus der Hand gerutscht war. Als ich das Sichelblatt sah, das noch immer auf seiner Werkbank lag, wurde ich wütend, hatte ich ihn doch schon seit langem gebeten, es auszubessern. Inzwischen war das Lieschgras abgeblüht und keinen Schnitt mehr wert. Eigentlich wollte ich ihn deshalb und wegen des Unrats draußen schon ausschelten, aber beim Anblick seines verhärmten und erschöpften Gesichtes schluckte ich die Worte hinunter. Ich konnte nicht anders. Als ich die Stalltür öffnete, flirrten plötzlich Staubkörnchen im Sonnenstrahl auf. Das Pferd hielt, einen Huf erhoben, im Scharren inne und blinzelte ins ungewohnte Gleißen. Dann bäumte es sich auf seine muskulösen Hinterbeine und schlug durch die Luft, als wollte es so deutlich wie möglich sagen: "Da du nicht er bist, verschwinde von hier." Obwohl ich nicht zu sagen wusste, wann es das letzte Mal einen Striegel gespürt hatte, schimmerte sein Fell an der Stelle, wo das Licht auftraf, noch immer wie Bronze. Als Mister Mompellion auf diesem Pferd hier eingetroffen war, hatte es allgemein geheißen, ein so prachtvoller Hengst sei kein geeignetes Ross für einen Priester. Außerdem passte es den Leuten nicht, als sie hörten, dass Hochwürden ihn Anteros rief. Einer der alten Puritaner hatte ihnen nämlich erklärt, dies sei der Name eines heidnischen Götzen. Als ich meinen ganzen Mut zusammennahm und Mister Mompellion danach fragte, hatte er nur lachend gemeint, sogar die Puritaner sollten sich darauf besinnen, dass auch Heiden Kinder Gottes und ihre Geschichten ein Teil Seiner Schöpfung sind. (...) -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .