Selten habe ich ein Buch gelesen, dass in sich selbst so stark in der Qualität auseinanderklafft. Der Roman ist in fünf Teile unterteilt, und die ersten drei haben locker fünf Sterne verdient.
Auf wunderschöne, unverkitschte Weise wird beschrieben, wie ein unbedarftes, einsames Mädchen von den Inseln die Hauptstadt des Mayareiches erkundet, mit fremden Sitten, Mode und Bräuchen konfrontiert wird. Wood lässt auf unglaublich lebendige Weise die Atmosphäre einer untergegangenen Kultur auferstehen, auf eine Art, die einen vergessen lässt, dass die Protagonisten einer anderen Menschenrasse angehören. Sie verzichtet auf sämtliche Indianerklischees, die andere Bücher dieser Art so distanziert wirken lassen, und gibt einem so die Chance, abzutauchen und sich auf ganz natürliche Weise mit den Charakteren zu identifizieren. Chac, in den Tonina sich verliebt, ist keine romantisierte edle Rothaut, sondern ein ganz alltäglicher Mann mit seinen inneren Kämpfen, wie er einem jeden Tag begegnen könnte. Immerhin hatten die Maya, abgesehen vom anderen Glauben und fehlender Technik, eine ähnlich hoch entwickelte Kultur wie wir.
Diese vertraute Normalität, Sportbegeisterung und Fanvereine(!) inklusive, verbunden mit der prickelnd exotischen Kulisse einer vergangenen Epoche eines exotischen Landes, sorgen für einen ganz einzigartigen Reiz, den ich mir bei mehr Romanen wünschen würde. Ich konnte das Buch kaum noch aus der Hand legen. Langweilig fand ich es keine Seite lang, auch wenn nicht viel passierte. Dieses fremdartige Reich zu erkunden, das einem in menschlicher Hinsicht gleichzeitig so bekannt ist, und die beiden Hauptfiguren bei ihrer Entwicklung zuzusehen, war Unterhaltung genug.
Doch dann, im letzten Drittel, kommt der große Absturz. Die Handlung beginnt zu stocken, und, als wüsste Wood nicht mehr, wie es weitergehen soll, nimmt ihre Zuflucht in wilde Mystik. Auf plumpe, billige, infantil fantasievolle Weise wird Tonina mit ihrer verlorenen Mutter vereint. Sie lässt sich vollkommen von ihr in Beschlag nehmen und sich von ihr eine neue Identität aufdrängen, und Chac, anstatt der Gegenpol zu sein, lässt sich störenderweise mit hineinziehen. Die beiden kehren zurück zu ihren Wurzeln, was in diesem Fall heißt, dass sie ihre gesamte bisherige Persönlichkeit verlieren, um eine alberne Prophezeihung zu erfüllen, gefolgt von einem wahren Heer von ähnlich gesinnten Jüngern, die gleich einer riesigen Pilgerschar durch die grüne Idylle ziehen wie eine Schar irregeleiteter Lemminge.
Das Ende ist dann so unsäglich schlecht, dass ich es nur noch überflogen habe. Man fühlt sich in einen zweitklassigen Fantasy-Streifen mit minderwertigen Spezialeffekten versetzt, und die Dummheit und Abgehobenheit im Handeln der beiden Hauptpersonen ist schließlich kaum noch mit zwei Händen zu fassen. Am Ende möchte man nur noch sagen: "Was seid ihr bloß dämlich, ihr hattet alles, und das habt ihr aufgegeben für diesen abgefahrenen Traum, den eine geistig wirre, sentimentale alte Schamanin euch in die Hirne gepflanzt hat und der gar nicht der eure ist!"
Interessant bleibt am Ende nur noch der Schurke, der wenigstens noch eigene Ideen hat, im Gegensatz zu Tonina und Chac, deren Persönlichkeit auf die von bunt angemalten, heilig gesprochenen Erdnüssen schrumpft. Auf den Höhepunkt der bis dahin wunderschönen Liebesgeschichte wartet man vergeblich, dafür kommt noch jede Menge Effekthascherei.
Schade, dass es so unglaubwürdig, abhackt und überdreht enden musste. So ein toller Auftakt, und übrig bleibt nicht mehr als eine übersinnlich leuchtende Staubwolke.
Nun ja, ich habe ein paar schöne Abende verbracht und konnte verschmerzen, dass das letzte Drittel nicht mehr viel taugte. Wer sich also wie ich nicht allzu sehr ärgert, wenn man zum Schluss nicht auf seine Kosten kommt, ist mit dem Roman wirklich nicht allzu schlecht beraten. Ihn gekauft zu haben, bereue ich jedenfalls nicht. Wenigstens bleibt einem auf diese Weise das leicht wehmütige Abschiednehmen erspart, das man sonst manchmal hat, wenn man die letzte Seite zuklappen muss.