Noch unter dem Eindruck des soeben zuende gelesenen Romans "Das Paradies der Schwerter" schreibe ich diese Zeilen.
Die Geschichte scheint übersichtlich: Aus unterschiedlichen Gründen nehmen 16 '"Helden"' an einem Turnier teil, bei dem zufällig ausgelost jeweils zwei der Recken auf Leben und Tod gegeneinander antreten. Die Überlebenden dezimieren sich in weiteren zufälligen Paarungen, bis nur noch einer kampfähig ist. Dem Sieger des Turniers erwartet Ruhm, Ehre und ein nicht zu knapp bemessenes Preisgeld. Den Verlierern?
In der ersten Hälfte des Romans werden die Kombattanten vorgestellt und ihre unterschiedlichen Beweggründe für die Teilnahme an dem Turnier dargelegt. Hierbei wird von Kapitel zu Kapitel im Schreibstil variiert. Mal sind die Geschichten kürzer, mal länger. Mal phantastischer, mal nüchterner. Mal wird überzeichnet, mal verharmlost. Mal erfährt der Leser etwas über die Handlungen, mal etwas über das Seelenleben. Auch wenn klar wird, dass die Technologiestufe ungefähr der unseres Mittelalters entspricht, bleiben bei Geschichte und Geographie viele Fragen offen. Allen Charakteren ist gemein, dass man mehr über sie wissen will als nur das, was auf den wenigen Seiten geschrieben steht.
Danach geht es ans Eingemachte: Kapitel auf Kapitel muss der Leser miterleben wie in 15 Kämpfen, Seelen zerbrechen, sich Illusionen auflösen, Existenzen zugrunde gehen und jede Menge Blut fließt. Dies alles wird aufgelockert durch menschenverachtenden Zynismus oder Parodie auf heroische Literatur. Die Grenzen sind fließend.
Wem der Hinweis auf die großartige Umsetzung einer an sich recht gewöhnlichen Idee nicht schon reicht, um dem Roman eine Chance zu geben, der muss von den Regeln erfahren, nach denen er entstanden ist:
Tobias Meißner ließ sich 36 Monate Zeit, um exakt ein Kapitel pro Monat zu schreiben. Nach Ende eine Monats durfte das abgeschlossene Kapitel nicht mehr verändert werden.
Die Paarungen wurden ausgelost, die Kämpfe ausgewürfelt: Wird ein Kampf wirklich so spannend wie die Paarung verheißt? Wer überlebt? Wer stirbt? Wer wird 'nur' zum Krüppel geschlagen? Die Macht, die Antworten zu manipulieren liegt natürlich niemals in den Händen des Lesers. Aber hier gab auch der Autor seine Allwissenheit freiwillig ab.
Einen unglaublich fesselnden Roman haben Sie bisher verpasst. Einen Roman, der erst unterhält, dann provoziert und den Leser schließlich verstört zurücklässt. Und ich geh gleich mal schauen, was sonst noch so von Tobias Meißner erhältlich ist...