Genauso grandios wie diese zwei Einstiegssätze erhoffen lassen, geht es in Marc Buhls "Das Paradies des August Engelhardt" 236 Seiten lang weiter. Allerdings ist es ein fragwürdiges Paradies, welches sich der deutsche Nudist und Vegetarier August Engelhardt da im hintersten Winkel der kaiserlich-deutschen Südsee als persönliches Refugium ausgewählt hat: Seine einheimischen Inselnachbarn wundern sich doch sehr über den nackten Weißen, der sich da auf ihrer Insel niedergelassen und lediglich kistenweise Bücher mitgebracht hat. Da unklar ist, mit welchen geheimen Kräften der Neuankömmling in Verbindung steht, sehen sie ersteinmal davon ab, ihn bei erster Gelegenheit zu verspeisen. Wobei Weiße sowieso nicht ganz oben auf ihrem Speisezettel stehen, ist deren Fleisch doch zumeist recht salzig. So hat Engelhardt bis auf weiteres nur mit Regenzeit, Tropenfieber und der selbstgewählten Kokosnuss-Diät zu kämpfen und muss sich lediglich gelegentlicher Besuche der Bewohner des nahegelegenen deutschen Gouverneurssitz erwehren. Aber bald schon haben sich Berichte über sein Nudisten-Paradies bis in die Heimat verbreitet und vorbei ist es mit Engelhardts Einsiedler-Dasein.
In geschickten Rückblenden setzt Buhl den Lebensweg seiner skurrilen (allerdings historisch verbürgten) Romanfigur zusammen, die auch im Zentrum von Christian Krachts aktuellem Roman "Imperium" steht. Im Unterschied zum unvergleichlich lauteren Krawall, den Christian Krachts Roman im Blätterwald des deutschen Feuilletons ausgelöst hat, ist Marc Buhls Buch praktisch ohne öffentliche Kenntnisnahme bereits vor 12 Monaten erschienen. So bietet sich dem Leser das fast einmalige Schauspiel, dass zwei sehr unterschiedliche Autoren sich in engem zeitlichen Zusammenhang dem selben Romanthema gewidmet haben. Bemerkenswerterweise sind dabei zwei grundverschiedene, aber beide auf ihre Art gelungene Romane entstanden.
Während Kracht sich der Figur August Engelhardt mit dem Stilmittel der Sartire widmet und so aus sicherer, teilweise fast überheblicher Distanz dessen Irrungen schildert, arbeitet Buhl sich an den tragischen Aspekten von Engelhardts Lebensweg ab. Buhl läßt sich dabei auf die Ideen Engelhardts ein, kommt seinem Romanprotagonisten dadurch viel näher als es Kracht gelingen kann. Es resultiert ein ausgeprägterer Spannungsbogen, während Kracht es bei gleichförmig routiniertem (allerdings ebenso unterhaltsamem) Erzählhandwerk beläßt. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, dass Buhl sich am Ende so sehr auf August Engelhardt eingelassen hat, dass ihm sein Romanprotagonist geradezu ans Herz gewachsen ist. So gönnt er ihm - trotz des von Seite 1 an feststehenden Scheiterns seiner Utopien, wenigstens ein kleines Happy-End am Strand der Insel Kabakon.