Aus der Amazon.de-Redaktion
Eigentlich aber geht es um die Schicksale mehrerer Bibliophiler in Domínguez Roman: fanatische Leserinnen und Leser, deren Lebensfäden durch die Lektüre teils zwar abgeschnitten, gleichzeitig aber auch verwoben werden. Die Literaturdozentin Bluma Lennon wird bei der Lektüre einer alten Ausgabe der Gedichte von Emily Dickinson beim zweiten Sonett von einem Auto erfasst. Nach ihrem Tod erhält ein argentinischer Kollege ein an Bluma adressiertes Päckchen mit einem zerlesenen Roman Joseph Conrads, der auch eine rätselhafte Widmung der Überfahrenen enthält. Der Argentinier macht sich auf die Suche, um die Widmung zu entschlüsseln -- und muss im Laufe seiner abenteuerlichen Recherche feststellen, dass auch Bücher Biografien haben können.
Seit dem Überraschungs-Bestseller Der Schatten des Windes von Carlos Ruiz Zafon ist Das Papierhaus sicher die faszinierendste Geschichte über die geheime Macht der Bücher und die fast schon besessene Leidenschaft fürs Lesen. Sicher eine der Entdeckungen des Büchersommers. --Isa Gerck -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Pressestimmen
"Ein kleiner, feiner Leckerbissen für alle Leseverrückten." (Hamburger Morgenpost )
"Domínguez entwirft kenntnisreich das Lebensgefühl seiner Büchernarren. Eine vorzügliche Erzählung!" (Der Bund )
Kurzbeschreibung
Klappentext
Elke Heidenreich
"Ein kleiner, feiner Leckerbissen für alle Leseverrückten."
Hamburger Morgenpost
"Domínguez entwirft kenntnisreich das Lebensgefühl seiner Büchernarren. Eine vorzügliche Erzählung!"
Der Bund
Über den Autor
Auszug aus Das Papierhaus von Carlos M. Dominguez, Elisabeth Müller. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Im Frühjahr 1998 kaufte Bluma Lennon in einer Buchhandlung von Soho eine alte
Ausgabe der Gedichte von Ernily Dickinson und wurde an der ersten Straßenecke,
als sie gerade beim zweiten Gedicht angelangt war, von einem Auto überfahren.
Bücher verändern das Schicksal der Menschen. So mancher hat Der Tiger von
Malaysia gelesen und ist an einer fernen Universität Dozent für Literatur
geworden. Demian hat Zehntausendejugendliche zum Hinduismus geführt, Hemingway
hat sie zu Sportlern gemacht, Dumas hat das Leben Tausender Frauen auf den Kopf
gestellt und nicht wenige sind durch ein Kochbuch vor dem Selbstmord bewahrt
worden. Bluma war ihr Opfer.
Aber nicht nur sie. Der Professor für klassische Philologie, Leonard Wood, wurde
auf seine alten Tage halbseitig gelähmt, weil in seiner Bibliothek fünf Bände
der Encyclopedia Britannica ihren Platz verließen und ihm auf den Kopf fielen;
mein Freund Richard hat sich das Bein gebrochen, als er versuchte, Absalom,
Absalom von William Faulkner aus einer Ecke zu angeln, wo es so ungünstig stand,
daß er von der Leiter fiel. Ein anderer Freund aus Buenos Aires hat sich in den
Kellern eines öffentlichen Archivs die Tuberkulose geholt und ich habe mal einen
chilenischen Hund gekannt, der sich an den Brüdern Karamasow den Magen verdarb
und gestorben ist, nachdem er es an einem wütenden Nachmittag komplett
verschlungen hat.
Jedes Mal, wenn meine Großmutter mich beim Lesen im Bett erwischte, ermahnte sie
mich: "Das solltest du lassen, weißt du denn nicht, wie gefährlich Bücher sind?"
Ich habe viele Jahre an ihre Unwissenheit geglaubt, aber die Zeit hat der
Vernunft meiner deutschen Großmutter doch Recht gegeben.
Blumas Beerdigung versammelte zahlreiche Größen der Universität Cambridge. Der
Universitätsdozent Robert Laurel hielt im Trauergottesdienst eine gloriose
Abschiedsrede, die wegen Blumas akademischer Verdienste anschließend als
Faszikel publiziert wurde. Darin betonte er ihre brillante Universitätslaufbahn,
ihre fünfundvierzig Lebensjahre voller Sensibilität und Intelligenz und ihren
maßgeblichen Beitrag zur Erforschung der angelsächsischen Spuren in der
lateinamerikanischen Literatur. Seine Ansprache gipfelte indes in dem
umstrittenen Satz: "Bluma hat ihr Leben der Literatur geweiht, ohne sich
vorzustellen, daß sie durch diese ums Leben kommen würde."
Wer ihm vorwarf, den schönen Text durch einen "plumpen Euphemismus" verdorben zu
haben, provozierte die erbitterte Gegenwehr von Laureis Anhängern. Einige Tage
später hörte ich zum Beispiel John Bernon im Haus meiner Freundin Anny zu einer
Gruppe von Laureis Schülern sagen: "Ein Auto hat sie getötet. Nicht das
Gedicht." "Alles eine Frage der Darstellung", argumentierten darauf zwei junge
Männer und ein jüdisches Mädchen, das ihre Wortführerin war. "Jeder hat das
Recht, die Sache so darzustellen, wie er will." "Und schlechte Literatur zu
machen. Na schön", gab der Alte mit einer gespielten Versöhnlichkeit zurück, die
ihm auf dem Campus den Ruf eines Zynikers eingebracht hatte, aber ihm war die
Aufregung vor den Bewerbungsgesprächen der Postgraduierten anzumerken, bei denen
er gegen Laurel antreten würde. "Eine Million Stoßstangen in dieser Stadt
beweisen, wozu ein gutes Substantiv imstande ist." -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.