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Die besten Krimis sind oft jene, bei denen man eine halbe Ewigkeit braucht, um zu erkennen, dass es sich überhaupt um einen Krimi handelt. Es sind eher Geschichten, die sich mehr oder weniger lose um die Aufklärung eines Verbrechens drehen. Und manchmal ist nicht mal von Anfang an klar, dass es überhaupt ein Verbrechen gibt - so geht es in "Das Orakel von Port-Nicolas" (1996 als Buch erschienen) nicht nur dem Zuhörer, sondern fast jedem. Außer dem ausgemusterten Kommissar Kehlweiler, zwar aus einer Mücke keinen Elefanten, aus einem in Hundekot gefundenen Zehenknochen aber gleich mal einen Mord macht. Diesen klärt er dann, behäbig und am Rande der Allwissenheit, in guter alter Detektivroman-Manier also, gemeinsam mit ein paar arbeitslosen jungen Wissenschaftlern auf. Das skurrile Personal, inklusive der Ex-Hure Marthe und Kehlweilers Kröte, gehört ebenso in einen echten Vargas wie das poetische Herumscharwenzeln. Mit Suzanne von Borsody hat der Der Audio Verlag überdies nicht nur das richtige Buch, sondern auch die richtige Sprecherin ausgesucht. Spröde und gelassen führt sie den Zuhörer durch die autorisierte Lesefassung. (kab)
Pressestimmen
"Knochentrocken selbst in den absurdesten Momenten und voller Wahnsinns-Typen." (Frankfurter Rundschau)
"Mörderisch menschlich, mörderisch gut." (Frankfurter Rundschau)
"Mörderisch menschlich, mörderisch gut." (Frankfurter Rundschau)
Brigitte (1/2002)
Fred Vargas, Frankreichs subtile Krimi-Spezialistin, hat ein Talent, Menschen ohne ihren Zivilisations-Lack in allen Schwächen und Lebenslügen zu zeigen.
Kurzbeschreibung
Die fabelhafte Krimiwelt der Fred Vargas Ex-Inspektor Kehlweiler packt der kriminalistische Ehrgeiz: Gesucht wird eine Leiche, von der es nicht mehr als ein Zehenknöchelchen gibt, gefunden auf einem Pariser Baumgitter. Dieses belanglose Teilchen führt ihn und seinen jungen Freund, den Historiker Marc, in ein bretonisches Hafennest auf die Spur eines alten Verbrechens.
Der Verlag über das Buch
Auch ihr neuer Krimi lebt von der "Magie Vargas", die schon über 100.000 deutsche Leser in Bann gezogen hat. Wieder dabei: Kommissar Kehlweiler und die drei Historiker
Über den Autor
Fred Vargas ist 1957 geboren und lebt mit ihrem Sohn in Paris. Vargas hat Geschichte und Archäologie studiert und ist als Archäologin in einem Forschungsinstitut tätig, weshalb sie fast ausschließlich in den Ferien ihre Kriminalromane schreibt. Ihr Gesamtwerk wird beim Aufbau-Verlag publiziert, darunter so erfolgreiche Titel wie Bei Einbruch der Nacht und zuletzt Der untröstliche Witwer von Montparnasse.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Auszug aus Das Orakel von Port-Nicolas von Fred Vargas, Tobias Scheffel. Copyright © 2003. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
»Was machst du denn hier im Viertel?« Die alte Marthe schwatzte gern ein
bißchen. An diesem Abend hatte sie wenig Gelegenheit dazu gehabt und sich daher am Tresen
auf ein Kreuzworträtsel gestürzt, zusammen mit dem Wirt. Der Wirt war ein braver Mann,
aber bei Kreuzworträtseln konnte er einen rasend machen. Seine Antworten lagen immer
daneben, er hielt die Regeln nicht ein, er achtete nicht auf die Anzahl der Felder. Dabei hätte
er von Nutzen sein können, er kannte sich in Geographie aus, was komisch war, weil er Paris
nie verlassen hatte, genausowenig wie Marthe. Für Fluß in Rußland mit zwei Buchstaben,
senkrecht, hatte er »Jenissej« vorgeschlagen. Na ja, das war besser, als überhaupt nicht zu
reden. Gegen elf hatte Louis Kehlweiler das Café betreten. Zwei Monate hatte Marthe ihn
jetzt schon nicht mehr gesehen, und im Grunde hatte er ihr gefehlt. Kehlweiler hatte eine
Münze in den Flipper geworfen, und Marthe verfolgte den Lauf der dicken Kugel. Dieses
Idiotenspiel, mit einem Spalt, der extra dazu da war, die Kugel zu verlieren, mit einer
Schräge, die es mit unaufhörlichen Bemühungen zu überwinden galt und die man, kaum war
sie erklommen, geradewegs wieder hinunterstürzte, um sich in dem Spalt zu verlieren, der
extra dazu da war, dieses Spiel hatte sie schon immer verdrossen. Es schien ihr, daß die
Maschine im Grunde ständig Moralpredigten hielt, eine strenge, ungerechte und
deprimierende Moral. Und wenn man ihr mal aus berechtigtem Zorn einen Fausthieb
versetzte, tiltete sie, und man wurde bestraft. Und dafür mußte man auch noch zahlen. Man
hatte durchaus versucht, ihr zu erklären, daß es sich dabei um ein Vergnügungsspiel handele,
aber da war nichts zu machen, es erinnerte sie an ihren Religionsunterricht. »Also? Was
machst du hier im Viertel?« »Ich bin gekommen, um nach was zu sehen«, sagte Louis.
»Vincent ist was aufgefallen.« »Etwas, das sich lohnt?« Louis antwortete nicht, er mußte
sich konzentrieren, die Flipperkugel rollte geradewegs auf das Nichts zu. Er er wischte sie mit
einer Klappe, und sie bewegte sich träge klackernd wieder hinauf. »Du spielst lahm«,
bemerkte Marthe. »Stimmt, aber du redest ja auch die ganze Zeit.« »Muß man ja. Wenn du
deinen Religionsunterricht da betreibst, verstehst du nicht, was man dir sagt. Du hast mir nicht
geantwortet. Etwas, das sich lohnt?« »Kann sein. Wird sich zeigen.« »Was ist es? Politisch,
zwielichtig, unbestimmt?« »Gröl nicht so rum, Marthe. Eines Tages kriegst du noch
Schwierigkeiten. Sagen wir, was Ultrareaktionäres an einem Ort, wo man es nicht vermuten
würde. Das beschäftigt mich.« »Was Richtiges?« »Ja, Marthe. Was Richtiges, mit Siegel und
allem Drum und Dran. Natürlich muß mans noch überprüfen.« »Wo ist das? Bei welcher
Bank?« »Bank 102.« Louis lächelte und startete eine Kugel. Marthe dachte nach. Sie fand
sich nicht mehr zurecht, sie war aus der Übung. Sie verwechselte Bank 102 mit den Bänken
107 und 98. Louis hatte es einfacher gefunden, den öffent lichen Bänken in Paris, die ihm als
Beobachtungsstationen dienten, Nummern zuzuteilen. Den interessanten Bänken, versteht
sich. Tatsächlich war das praktischer, als ihre genaue topographische Lage im einzelnen
aufzulisten, um so mehr, als die Lage von Bänken im allgemeinen ungenau ist. Aber im Laufe
von zwanzig Jahren hatte es Veränderungen gegeben, Bänke, die in Ruhestand geschickt
wurden, und neue, um die man sich kümmern mußte. Man hatte auch Bäume numerieren
müssen, wenn an Schlüsselstellen der Hauptstadt keine Bänke vorhanden waren. Es gab auch
vorübergehende Bänke für kleinere Geschichten. So war man schließlich bei Nr. 137
angekommen, weil eine frü here Nummer nie wiederverwendet wurde, und das vermischte
sich nun in ihrem Kopf. Aber Louis war dagegen, daß man sich Notizen machte. »Ist 102 die
mit dem Blumenhändler dahinter?« fragte Marthe stirnrunzelnd. »Nein, das ist die 107.«
»Mist«, bemerkte Marthe. »Gib mir wenigstens einen aus.« »Hol dir an der Bar, was du
willst. Ich hab noch drei Kugeln zu spielen.« Marthe war nicht mehr so leistungsfähig. Mit
siebzig Jahren konnte sie nicht mehr so wie früher zwischen zwei Kunden in der Stadt
umherstreifen. Und außerdem verwechselte sie die Bänke. Aber sie war eben Marthe. Sie
brachte nicht mehr viele Informationen, aber sie hatte ein hervorragendes Gespür. Ihr letzter
Tip war bestimmt zehn Jahre her. Er hatte einen ordentlich heilsamen Schock ausgelöst, und
das war ja das Wichtigste. »Du trinkst zuviel, meine Liebe«, bemerkte Louis, während er am
Abzug des Flippers zog. »Kümmer dich um deine Kugel, Ludwig.«
bißchen. An diesem Abend hatte sie wenig Gelegenheit dazu gehabt und sich daher am Tresen
auf ein Kreuzworträtsel gestürzt, zusammen mit dem Wirt. Der Wirt war ein braver Mann,
aber bei Kreuzworträtseln konnte er einen rasend machen. Seine Antworten lagen immer
daneben, er hielt die Regeln nicht ein, er achtete nicht auf die Anzahl der Felder. Dabei hätte
er von Nutzen sein können, er kannte sich in Geographie aus, was komisch war, weil er Paris
nie verlassen hatte, genausowenig wie Marthe. Für Fluß in Rußland mit zwei Buchstaben,
senkrecht, hatte er »Jenissej« vorgeschlagen. Na ja, das war besser, als überhaupt nicht zu
reden. Gegen elf hatte Louis Kehlweiler das Café betreten. Zwei Monate hatte Marthe ihn
jetzt schon nicht mehr gesehen, und im Grunde hatte er ihr gefehlt. Kehlweiler hatte eine
Münze in den Flipper geworfen, und Marthe verfolgte den Lauf der dicken Kugel. Dieses
Idiotenspiel, mit einem Spalt, der extra dazu da war, die Kugel zu verlieren, mit einer
Schräge, die es mit unaufhörlichen Bemühungen zu überwinden galt und die man, kaum war
sie erklommen, geradewegs wieder hinunterstürzte, um sich in dem Spalt zu verlieren, der
extra dazu da war, dieses Spiel hatte sie schon immer verdrossen. Es schien ihr, daß die
Maschine im Grunde ständig Moralpredigten hielt, eine strenge, ungerechte und
deprimierende Moral. Und wenn man ihr mal aus berechtigtem Zorn einen Fausthieb
versetzte, tiltete sie, und man wurde bestraft. Und dafür mußte man auch noch zahlen. Man
hatte durchaus versucht, ihr zu erklären, daß es sich dabei um ein Vergnügungsspiel handele,
aber da war nichts zu machen, es erinnerte sie an ihren Religionsunterricht. »Also? Was
machst du hier im Viertel?« »Ich bin gekommen, um nach was zu sehen«, sagte Louis.
»Vincent ist was aufgefallen.« »Etwas, das sich lohnt?« Louis antwortete nicht, er mußte
sich konzentrieren, die Flipperkugel rollte geradewegs auf das Nichts zu. Er er wischte sie mit
einer Klappe, und sie bewegte sich träge klackernd wieder hinauf. »Du spielst lahm«,
bemerkte Marthe. »Stimmt, aber du redest ja auch die ganze Zeit.« »Muß man ja. Wenn du
deinen Religionsunterricht da betreibst, verstehst du nicht, was man dir sagt. Du hast mir nicht
geantwortet. Etwas, das sich lohnt?« »Kann sein. Wird sich zeigen.« »Was ist es? Politisch,
zwielichtig, unbestimmt?« »Gröl nicht so rum, Marthe. Eines Tages kriegst du noch
Schwierigkeiten. Sagen wir, was Ultrareaktionäres an einem Ort, wo man es nicht vermuten
würde. Das beschäftigt mich.« »Was Richtiges?« »Ja, Marthe. Was Richtiges, mit Siegel und
allem Drum und Dran. Natürlich muß mans noch überprüfen.« »Wo ist das? Bei welcher
Bank?« »Bank 102.« Louis lächelte und startete eine Kugel. Marthe dachte nach. Sie fand
sich nicht mehr zurecht, sie war aus der Übung. Sie verwechselte Bank 102 mit den Bänken
107 und 98. Louis hatte es einfacher gefunden, den öffent lichen Bänken in Paris, die ihm als
Beobachtungsstationen dienten, Nummern zuzuteilen. Den interessanten Bänken, versteht
sich. Tatsächlich war das praktischer, als ihre genaue topographische Lage im einzelnen
aufzulisten, um so mehr, als die Lage von Bänken im allgemeinen ungenau ist. Aber im Laufe
von zwanzig Jahren hatte es Veränderungen gegeben, Bänke, die in Ruhestand geschickt
wurden, und neue, um die man sich kümmern mußte. Man hatte auch Bäume numerieren
müssen, wenn an Schlüsselstellen der Hauptstadt keine Bänke vorhanden waren. Es gab auch
vorübergehende Bänke für kleinere Geschichten. So war man schließlich bei Nr. 137
angekommen, weil eine frü here Nummer nie wiederverwendet wurde, und das vermischte
sich nun in ihrem Kopf. Aber Louis war dagegen, daß man sich Notizen machte. »Ist 102 die
mit dem Blumenhändler dahinter?« fragte Marthe stirnrunzelnd. »Nein, das ist die 107.«
»Mist«, bemerkte Marthe. »Gib mir wenigstens einen aus.« »Hol dir an der Bar, was du
willst. Ich hab noch drei Kugeln zu spielen.« Marthe war nicht mehr so leistungsfähig. Mit
siebzig Jahren konnte sie nicht mehr so wie früher zwischen zwei Kunden in der Stadt
umherstreifen. Und außerdem verwechselte sie die Bänke. Aber sie war eben Marthe. Sie
brachte nicht mehr viele Informationen, aber sie hatte ein hervorragendes Gespür. Ihr letzter
Tip war bestimmt zehn Jahre her. Er hatte einen ordentlich heilsamen Schock ausgelöst, und
das war ja das Wichtigste. »Du trinkst zuviel, meine Liebe«, bemerkte Louis, während er am
Abzug des Flippers zog. »Kümmer dich um deine Kugel, Ludwig.«