Pressestimmen
Kurzbeschreibung
Was wäre, wenn Deutschland und Japan den Zweiten Weltkrieg gewonnen und die USA unter sich aufgeteilt hätten? Der große Klassiker der Alternativwelt-Literatur in ungekürzter Neuübersetzung. Mit einem Anhang aus dem Nachlass des Autors.
Einer der bedeutendsten amerikanischen Autoren der letzten Jahrzehnte, ein wahrer Visionär und einer der brillantesten Beobachter der westlichen Alltagskultur: Wenn Sie Philip K. Dick bisher noch nicht für sich entdeckt haben, dann wird es allerhöchste Zeit!
Philip K. Dick lieferte die Vorlagen zu den Filmen „Blade Runner“, „Minority Report“, „Total Recall“, „Paycheck“ und „A Scanner Darkly“.
„Das Orakel vom Berge“ ist Philip K. Dicks vermutlich berühmtester Roman. Er schildert eine Welt, in der die Nazis den Zweiten Weltkrieg gewannen und die wirtschaftlich verelendeten USA zwischen Deutschland und Japan aufgeteilt wurden. Während die Deutschen in Afrika und zum Teil auch in Amerika ihre rassistische Vernichtungspolitik fortsetzen, zeigen sich die Japaner, die den Westen der USA annektiert haben, als tolerante, zu kultureller Assimilation fähige und auf Partnerschaft hin orientierte Besatzungsmacht. So lassen sie zum Beispiel einen Autor gewähren, der einen allseits beliebten Roman geschrieben hat – einen Roman, der in einem Paralleluniversum spielt, in dem die Alliierten siegreich waren und die Nazis den Krieg verloren …
Mit „Das Orakel vom Berge“ hat Dick nicht nur ein Meisterwerk der Science Fiction geschrieben, sondern auch einen der großen amerikanischen Romane des 20. Jahrhunderts. Das Buch macht uns die Fragilität geschichtlicher Prozesse ebenso deutlich wie unsere Verantwortung dafür.
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So bricht zum Beispiel für Robert Chandler, einem in San Francisco -- unter japanischer Jurisdiktion stehend wie auch die übrige Westküste -- lebenden Antiquitätenhändler, gleich zu Beginn eine Welt zusammen: Die bei den japanischen Besatzern so beliebten authentischen amerikanischen Kunstgegenstände, Haupteinnahmequelle Chandlers, stellen sich teilweise als Fälschungen in beinahe schon industriellem Ausmaß heraus; öffentlich bekannt, würde das seinen Ruin bedeuten.
Wie viele seiner Landsleute hat sich auch Chandler den Umständen nach dem Krieg angepaßt, und so gehören sowohl die japanischen Wertevorstellungen als auch das I Ching (eine Art Orakel mit jahrtausendealter Tradition) untrennbar zu seinem Leben. Und ebenso wie die Masse der Amerikaner hat er den Glauben an sich selbst verloren, buckelt vor den Japanern und sieht sich, verglichen mit ihnen, nur als Barbar. So verwundert es nicht, daß ein Buch, das sich mit einem Sieg der Allierten und seinen Folgen auseinandersetzt, zum allgemeinen Gesprächsstoff wird.
Dieses Buch benutzt Dick als Mittel, um eine weitere alternative Geschichte zu entwickeln -- denn die Geschichte des Buches ist keineswegs die unsere. Chandler bildet zwar einen Knotenpunkt, auf den die meisten der zahlreichen Handlungsstränge früher oder später treffen, jedoch steht er keineswegs im Mittelpunkt. So beschäftigt sich Dick auch mit Mr. Togomi, einem hohen japanischen Beamten, der unfreiwillig in eine politisch überaus prekäre Lage gerät und für den schließlich auch eine Welt zusammenbricht.
In all dies eingebunden ist noch die verworrene Situation im Nazi-Deutschland nach dem Tod des Führers sowie innenpolitische Kämpfe, die das Schicksal der ganzen Welt beeinflussen können. Und wie so oft in Dicks Büchern lautet die Frage am Ende: Was ist Illusion und was Realität?
Urteil: Selten fiel mir die Bewertung eines Buches so schwer wie im vorliegenden Fall, denn obwohl der literarische Anspruch über jeden Zweifel erhaben ist, mangelt es Dick an der Fähigkeit, den Leser zu fesseln -- jedenfalls in meinem Fall.
Das immer wiederkehrende Motiv der in Frage gestellten Wirklichkeit sowie die teils seitenlangen philosophischen Passagen erschweren das Lesen, und auch die zeitweise recht künstlich wirkenden Dialoge tragen nicht gerade zum Lesefluß bei.
Auf der anderen Seite jedoch kann man dem Buch eine gewisse Faszination nicht abstreiten, zu plastisch und glaubwürdig schildert Dick die Zustände im unter japanischem Einfluß stehenden San Francisco, und zu geschickt verknüpft er die einzelnen Handlungsstränge. Sein Kunstgriff mit dem Buch im Buch, aber auch die Einbindung des I Ching verleihen dem Orakel vom Berge ein ganz besonderes Flair. Liebhaber der seichten Unterhaltung werden nicht auf ihre Kosten kommen -- allen anderen sei es aber ans Herz gelegt. --Oliver Faulhaber -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Klappentext
Art Spiegelman
Über den Autor
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Er zapfte sich eine Tasse Instant-Tee aus dem Fünf-Cent-Automaten an der Wand, nahm einen Besen und begann sauberzumachen; bald darauf war das American Artistic Handcrafts Inc. blitzsauber und bereit für den Tag. Die Registrierkasse war voll Wechselgeld, in der Vase waren frische Ringelblumen, aus dem Radio tönte Hintergrundmusik. Draußen hasteten die Geschäftsleute zu ihren Büros in der Montgomery Street. In der Ferne fuhr eine Straßenbahn vorbei; Childan hielt mit der Arbeit inne und sah ihr mit Behagen nach. Frauen in langen, farbenfrohen Seidenkleidern ... auch denen sah er nach. Dann läutete das Telefon. Er nahm ab.
»Ja«, sagte eine wohlbekannte Stimme, als er sich gemeldet hatte. »Hier ist Mr. Tagomi. Ist das Rekrutierungsplakat aus dem Bürgerkrieg eingetroffen, Sir? Bitte erinnern Sie sich, Sie haben es mir schon für letzte Woche versprochen.« Die pedantische, scharfe Stimme, kaum noch höflich, kaum noch auf Manieren achtend. »Habe ich Ihnen nicht eine Anzahlung gemacht, Mr. Childan? Es soll ein Geschenk sein, wissen Sie. Das habe ich Ihnen doch bereits erklärt. Für einen Geschäftspartner.«
»Umfangreiche Nachforschungen«, setzte Childan an, »für die ich selbst aufkommen musste, Mr. Tagomi, Sir. Wie Sie wissen, kommt das erwartete Paket von außerhalb, und daher ...«
Tagomi ließ ihn jedoch nicht ausreden. »Dann ist es also noch nicht eingetroffen.«
»Nein, Mr. Tagomi, Sir.«
Eisiges Schweigen.
»Ich kann nicht länger warten«, sagte Tagomi dann.
»Nein, Sir.« Childan blickte verdrießlich durch das Ladenfenster in den warmen Sonnentag und zu den Bürogebäuden von San Francisco hinaus.
»Dann etwas anders. Ihre Empfehlung, Mr. Childan?« Tagomi sprach den Namen absichtlich falsch aus; eine wohldosierte Beleidigung, die Childan das Blut zu Kopf steigen ließ. Eine demütigende Zurechtweisung. Robert Childans Hoffnungen, Ängste und Qualen überwältigten ihn, lähmten ihm die Zunge. Er stammelte, seine Hand, die den Telefonhörer hielt, fühlte sich klebrig an. Im Laden roch es nach Ringelblumen; die Musik spielte weiter, doch ihm war, als stürze er in irgendein fernes Meer.
»Also ...«, brachte er mühsam hervor. »Ein Butterfass. Ein Speiseeisbereiter, circa 1900.« Er konnte nicht mehr nachdenken. Gerade dann, wenn man es vergisst; wenn man sich etwas vormacht. Er war achtunddreißig Jahre alt und erinnerte sich noch gut an die Zeit vor dem Krieg, als alles anders war. An Franklin D. Roosevelt und die Weltausstellung; an die bessere Welt, die nun Vergangenheit war. »Könnte ich Ihnen vielleicht ein paar interessante Gegenstände ins Büro bringen?«, murmelte er.
Sie verabredeten sich für zwei Uhr. Ich muss den Laden schließen, dachte Childan, als er auflegte. Keine andere Wahl. Solche Kunden muss ich mir gewogen halten; das Geschäft hängt davon ab.
Er zitterte, und auf einmal merkte er, dass jemand den Laden betreten hatte - ein Pärchen. Ein junger Mann und ein Mädchen, beide gutaussehend, gutgekleidet. Perfekt. Er beruhigte sich und trat ihnen mit einem geschäftsmäßigen Lächeln entgegen. Sie beugten sich gerade über eine Auslage, hatten einen hübschen Aschenbecher hochgehoben. Vermutlich verheiratet. Wohnten wohl außerhalb in der Nebelstadt, in den neuen, exklusiven Hochhausappartements oberhalb von Belmont.
»Hallo«, sagte er und fühlte sich gleich besser. Ihr Lächeln war ohne Herablassung, pure Freundlichkeit. Seine Exponate - tatsächlich die besten ihrer Art an der ganzen Küste - hatten sie wohl beeindruckt; das sah er und war dankbar dafür. Sie zeigten Verständnis.
»Wirklich ausgezeichnete Stücke, Sir«, sagte der junge Mann.
Childan verneigte sich spontan.
Ihre Augen leuchteten warm. Verliebtheit zeigte sich darin, aber auch das Vergnügen, das sie bei der Betrachtung der Kunstgegenstände miteinander teilten; sie dankten ihm dafür, dass er all dies für sie bereithielt, Dinge, die sie in die Hand nehmen und betrachten konnten, auch ohne sie kaufen zu müssen. Ja, dachte er, sie wissen, in was für einem Laden sie sind; das sind keine Ramschwaren für Touristen, keine billigen Rotholzspangen mit der Aufschrift Muir Woods, Marin County, PSA, keine komischen Anstecker, Plastikringe, Postkarten oder Ansichten von der Brücke. Besonders die Augen des Mädchens, groß und dunkel. Wie leicht, dachte Childan, könnte ich mich in ein solches Mädchen verlieben. Wie tragisch mein Leben dann wäre - als wäre es nicht schon schlimm genug. Das modisch frisierte schwarze Haar, die lackierten Fingernägel, die für die herabbaumelnden handgefertigten Messingohrringe durchbohrten Ohren.
»Ihre Ohrringe«, murmelte er. »Hier gekauft?« »Nein«, sagte sie. »Zu Hause.«
Childan nickte. Keine zeitgenössische amerikanische Kunst; in einem Laden wie seinem hatte nur die Vergangenheit Platz. »Bleiben Sie länger hier?«, fragte er. »In San Francisco?«
»Ich wurde auf unbestimmte Zeit hierher versetzt«, erwiderte der Mann. »Zur Kommission zur Verbesserung des Lebensstandards benachteiligter Regionen.« Stolz spiegelte sich in seinem Gesicht wider. Kein Militär. Keiner dieser Kaugummi kauenden ungehobelten Rekruten mit den gierigen Bauerngesichtern, die über die Market Street schlenderten und die Pornoläden begafften, die Sexfilme, die Schießbuden, die billigen Nachtclubs mit den Fotos grinsender, gealterter Blondinen, die mit schrumpligen Fingern ihre Brustwarzen rubbelten ... die Jazzschuppen, die sich in der flachen Gegend San Franciscos drängten, aus Wellblech und Dachpappe errichtete Kaschemmen, die aus den Ruinen entstanden waren, noch ehe die letzte Bombe gefallen war. Nein - dieser Mann gehörte zur Elite. Kultiviert, gebildet, vielleicht sogar in höherem Maße als Mr. Tagomi, der immerhin ein hoher Beamter bei der Handelsmission für die Pazifikküste war. Tagomi war ein alter Mann. Seine ganze Haltung war zu Zeiten des Kriegskabinetts geprägt worden.
»Suchen Sie traditionelle amerikanische Volkskunst als Geschenk?«, fragte Childan. »Oder wollen Sie eine Wohnung für die Dauer Ihres Aufenthalts ausstatten?« Sollte er mit der zweiten Vermutung recht haben ... Sein Herz schlug unwillkürlich schneller.
»Gut geraten«, sagte das Mädchen. »Wir fangen gerade an, uns einzurichten. Sind noch ein bisschen unentschlossen. Könnten Sie uns vielleicht beraten?«
»Ja, ich könnte in Ihre Wohnung kommen. Ich bringe ein paar Musterkoffer mit, dann können Sie in aller Ruhe aussuchen. Das ist nämlich unsere Spezialität.« Childan senkte die Augen, um seine Hoffnung zu verbergen. Hier waren womöglich Tausende zu holen. »Ich bekomme demnächst einen Tisch aus Neuengland, Ahorn, alles mit Holzteilen gefertigt, keine Nägel. Wunderschön und wertvoll. Und einen Spiegel aus der Zeit des Krieges von 1812. Und Eingeborenenkunst: einen Satz Ziegenhaarteppiche, gefärbt mit Pflanzenfarben.«
»Ich persönlich«, sagte der Mann, »ziehe die städtische Kunst vor.«
»Ja«, erwiderte Childan eifrig. »Hören Sie, Sir. Ich habe da ein Wandgemälde aus der Zeit von Roosevelts Arbeitsbeschaffungsprogramm für Künstler, auf dem Horace Greeley abgebildet ist. Ein Original, ausgeführt auf Holz, in vier Teilen. Für Sammler von unschätzbarem Wert.«
»Oh«, machte der Mann, und seine Augen funkelten.
»Und einen Grammophonschrank von 1920, umgebaut zu einer Hausbar.«
»Oh.«
»Und jetzt kommt das Beste, Sir: ein gerahmtes, signiertes Foto von Jean Harlow.«
Der Mann riss staunend die Augen auf.
»Wollen wir eine Verabredung treffen?«, fragte Childan, den psychologisch günstigen Moment beim Schopf ergreifend. Er zückte Kugelschreiber und Notizbuch. »Ich werde mir Ihren Namen und Ihre...
Prolog. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Er zapfte sich eine Tasse Instant-Tee aus dem Fünf-Cent-Automaten an der Wand, nahm einen Besen und begann sauberzumachen; bald darauf war das American Artistic Handcrafts Inc. blitzsauber und bereit für den Tag. Die Registrierkasse war voll Wechselgeld, in der Vase waren frische Ringelblumen, aus dem Radio tönte Hintergrundmusik. Draußen hasteten die Geschäftsleute zu ihren Büros in der Montgomery Street. In der Ferne fuhr eine Straßenbahn vorbei; Childan hielt mit der Arbeit inne und sah ihr mit Behagen nach. Frauen in langen, farbenfrohen Seidenkleidern ... auch denen sah er nach. Dann läutete das Telefon. Er nahm ab.
»Ja«, sagte eine wohlbekannte Stimme, als er sich gemeldet hatte. »Hier ist Mr. Tagomi. Ist das Rekrutierungsplakat aus dem Bürgerkrieg eingetroffen, Sir? Bitte erinnern Sie sich, Sie haben es mir schon für letzte Woche versprochen.« Die pedantische, scharfe Stimme, kaum noch höflich, kaum noch auf Manieren achtend. »Habe ich Ihnen nicht eine Anzahlung gemacht, Mr. Childan? Es soll ein Geschenk sein, wissen Sie. Das habe ich Ihnen doch bereits erklärt. Für einen Geschäftspartner.«
»Umfangreiche Nachforschungen«, setzte Childan an, »für die ich selbst aufkommen musste, Mr. Tagomi, Sir. Wie Sie wissen, kommt das erwartete Paket von außerhalb, und daher ...«
Tagomi ließ ihn jedoch nicht ausreden. »Dann ist es also noch nicht eingetroffen.«
»Nein, Mr. Tagomi, Sir.«
Eisiges Schweigen.
»Ich kann nicht länger warten«, sagte Tagomi dann.
»Nein, Sir.« Childan blickte verdrießlich durch das Ladenfenster in den warmen Sonnentag und zu den Bürogebäuden von San Francisco hinaus.
»Dann etwas anders. Ihre Empfehlung, Mr. Childan?« Tagomi sprach den Namen absichtlich falsch aus; eine wohldosierte Beleidigung, die Childan das Blut zu Kopf steigen ließ. Eine demütigende Zurechtweisung. Robert Childans Hoffnungen, Ängste und Qualen überwältigten ihn, lähmten ihm die Zunge. Er stammelte, seine Hand, die den Telefonhörer hielt, fühlte sich klebrig an. Im Laden roch es nach Ringelblumen; die Musik spielte weiter, doch ihm war, als stürze er in irgendein fernes Meer.
»Also ...«, brachte er mühsam hervor. »Ein Butterfass. Ein Speiseeisbereiter, circa 1900.« Er konnte nicht mehr nachdenken. Gerade dann, wenn man es vergisst; wenn man sich etwas vormacht. Er war achtunddreißig Jahre alt und erinnerte sich noch gut an die Zeit vor dem Krieg, als alles anders war. An Franklin D. Roosevelt und die Weltausstellung; an die bessere Welt, die nun Vergangenheit war. »Könnte ich Ihnen vielleicht ein paar interessante Gegenstände ins Büro bringen?«, murmelte er.
Sie verabredeten sich für zwei Uhr. Ich muss den Laden schließen, dachte Childan, als er auflegte. Keine andere Wahl. Solche Kunden muss ich mir gewogen halten; das Geschäft hängt davon ab.
Er zitterte, und auf einmal merkte er, dass jemand den Laden betreten hatte - ein Pärchen. Ein junger Mann und ein Mädchen, beide gutaussehend, gutgekleidet. Perfekt. Er beruhigte sich und trat ihnen mit einem geschäftsmäßigen Lächeln entgegen. Sie beugten sich gerade über eine Auslage, hatten einen hübschen Aschenbecher hochgehoben. Vermutlich verheiratet. Wohnten wohl außerhalb in der Nebelstadt, in den neuen, exklusiven Hochhausappartements oberhalb von Belmont.
»Hallo«, sagte er und fühlte sich gleich besser. Ihr Lächeln war ohne Herablassung, pure Freundlichkeit. Seine Exponate - tatsächlich die besten ihrer Art an der ganzen Küste - hatten sie wohl beeindruckt; das sah er und war dankbar dafür. Sie zeigten Verständnis.
»Wirklich ausgezeichnete Stücke, Sir«, sagte der junge Mann.
Childan verneigte sich spontan.
Ihre Augen leuchteten warm. Verliebtheit zeigte sich darin, aber auch das Vergnügen, das sie bei der Betrachtung der Kunstgegenstände miteinander teilten; sie dankten ihm dafür, dass er all dies für sie bereithielt, Dinge, die sie in die Hand nehmen und betrachten konnten, auch ohne sie kaufen zu müssen. Ja, dachte er, sie wissen, in was für einem Laden sie sind; das sind keine Ramschwaren für Touristen, keine billigen Rotholzspangen mit der Aufschrift Muir Woods, Marin County, PSA, keine komischen Anstecker, Plastikringe, Postkarten oder Ansichten von der Brücke. Besonders die Augen des Mädchens, groß und dunkel. Wie leicht, dachte Childan, könnte ich mich in ein solches Mädchen verlieben. Wie tragisch mein Leben dann wäre - als wäre es nicht schon schlimm genug. Das modisch frisierte schwarze Haar, die lackierten Fingernägel, die für die herabbaumelnden handgefertigten Messingohrringe durchbohrten Ohren.
»Ihre Ohrringe«, murmelte er. »Hier gekauft?« »Nein«, sagte sie. »Zu Hause.«
Childan nickte. Keine zeitgenössische amerikanische Kunst; in einem Laden wie seinem hatte nur die Vergangenheit Platz. »Bleiben Sie länger hier?«, fragte er. »In San Francisco?«
»Ich wurde auf unbestimmte Zeit hierher versetzt«, erwiderte der Mann. »Zur Kommission zur Verbesserung des Lebensstandards benachteiligter Regionen.« Stolz spiegelte sich in seinem Gesicht wider. Kein Militär. Keiner dieser Kaugummi kauenden ungehobelten Rekruten mit den gierigen Bauerngesichtern, die über die Market Street schlenderten und die Pornoläden begafften, die Sexfilme, die Schießbuden, die billigen Nachtclubs mit den Fotos grinsender, gealterter Blondinen, die mit schrumpligen Fingern ihre Brustwarzen rubbelten ... die Jazzschuppen, die sich in der flachen Gegend San Franciscos drängten, aus Wellblech und Dachpappe errichtete Kaschemmen, die aus den Ruinen entstanden waren, noch ehe die letzte Bombe gefallen war. Nein - dieser Mann gehörte zur Elite. Kultiviert, gebildet, vielleicht sogar in höherem Maße als Mr. Tagomi, der immerhin ein hoher Beamter bei der Handelsmission für die Pazifikküste war. Tagomi war ein alter Mann. Seine ganze Haltung war zu Zeiten des Kriegskabinetts geprägt worden.
»Suchen Sie traditionelle amerikanische Volkskunst als Geschenk?«, fragte Childan. »Oder wollen Sie eine Wohnung für die Dauer Ihres Aufenthalts ausstatten?« Sollte er mit der zweiten Vermutung recht haben ... Sein Herz schlug unwillkürlich schneller.
»Gut geraten«, sagte das Mädchen. »Wir fangen gerade an, uns einzurichten. Sind noch ein bisschen unentschlossen. Könnten Sie uns vielleicht beraten?«
»Ja, ich könnte in Ihre Wohnung kommen. Ich bringe ein paar Musterkoffer mit, dann können Sie in aller Ruhe aussuchen. Das ist nämlich unsere Spezialität.« Childan senkte die Augen, um seine Hoffnung zu verbergen. Hier waren womöglich Tausende zu holen. »Ich bekomme demnächst einen Tisch aus Neuengland, Ahorn, alles mit Holzteilen gefertigt, keine Nägel. Wunderschön und wertvoll. Und einen Spiegel aus der Zeit des Krieges von 1812. Und Eingeborenenkunst: einen Satz Ziegenhaarteppiche, gefärbt mit Pflanzenfarben.«
»Ich persönlich«, sagte der Mann, »ziehe die städtische Kunst vor.«
»Ja«, erwiderte Childan eifrig. »Hören Sie, Sir. Ich habe da ein Wandgemälde aus der Zeit von Roosevelts Arbeitsbeschaffungsprogramm für Künstler, auf dem Horace Greeley abgebildet ist. Ein Original, ausgeführt auf Holz, in vier Teilen. Für Sammler von unschätzbarem Wert.«
»Oh«, machte der Mann, und seine Augen funkelten.
»Und einen Grammophonschrank von 1920, umgebaut zu einer Hausbar.«
»Oh.«
»Und jetzt kommt das Beste, Sir: ein gerahmtes, signiertes Foto von Jean Harlow.«
Der Mann riss staunend die Augen auf.
»Wollen wir eine Verabredung treffen?«, fragte Childan, den psychologisch günstigen Moment beim Schopf ergreifend. Er zückte Kugelschreiber und Notizbuch. »Ich werde mir Ihren Namen und Ihre Adresse notieren, Sir.«
Anschließend ging das Pärchen...