Mit „Das Orakel von Skala" hat sich Lynn Flewelling nicht nur an eine absolut außergewöhnliche Thematik herangewagt, sondern meines Erachtens auch einen der außergewöhnlichsten Fantasy-Romane der letzten Jahre abgeliefert.
Nachdem ich bereits die erste Romantrilogie der Autorin verschlungen habe, war ich anfangs doch etwas überrascht, wie düster ihr neues Werk doch ist - der englische Titel „The Bone Doll's Twin" verrät viel mehr von der Atmosphäre, die den Leser erwartet, als es der deutsche tut. Das macht aber nichts, denn ansonsten liest sich der Roman durchaus flüssig.
Der Stoff, der uns auf 700 Seiten geboten wird, hat zumindest mich süchtig gemacht: Die Kinderjahre eines seltsamen, aber äußerst liebenswerten Jungen, der nichts davon ahnt, dass er in Wirklichkeit ein Mädchen ist und „dank" Blutmagie nur dem Anschein nach das Aussehen seines ermordeten Zwillingsbruders besitzt, welcher wiederum als rastloser Dämon ein unsichtbares, aber nicht unbemerktes Nach-Leben an seiner Seite fristet.
Ein Buch also, angereichert mit subtilen Geistererscheinungen, dass einem immer wieder einen Schauder über den Rücken jagt, ohne aber auf das Niveau eines 0815-Horror-Romans herabzusinken.
Um die grobe Rahmenhandlung baut Flewelling den ersten Teil ihrer Trilogie auf, die sie mit äußerst interessanten Nebencharakteren zu füllen weiß.
Es ist eines der Bücher, die es in der Fantasy-Literatur immer noch zu selten gibt, auch wenn es in den vergangenen Jahren besser wurde: Bücher, die sich NICHT mit dem ultimativen Kampf des absoluten Guten gegen das ausschließlich Böse beschäftigen, sondern Bücher, in denen glaubhafte und interessante Charaktere im Mittelpunkt stehen, die sich weiterentwickeln.
Am Ende, beim Showdown, schockt Frau Flewelling noch einmal gewaltig - jedenfalls mich.
Bleibt nur zu hoffen, dass die Fortsetzung bald ebenfalls vorliegen wird. Denn dort wird die Autorin wirklich beweisen müssen, ob sie es vermag, die anspruchsvolle Aufgabe zu bewältigen, einem Charakter leben einzuhauchen, der jahrelang geglaubt hat, ein Junge zu sein, und der Welt nun in einer Gestalt entgegentreten muss, die ihm völlig fremd ist.
Wer Literatur mag, die anspruchsvoll ist und es schafft, dabei auch noch eine packende Geschichte auf spannende Art zu erzählen, sollte nicht fackeln.