Sie ist im Hauptberuf Archäologin und ihre Bücher entstehen überwiegend während ihres Ur-laubs: Fred Vargas, die eigentlich Frédérique mit Vornamen heißt, ihre Bücher den Rufna-men aus der Kindheit gewählt hat. Auch in ihrem neuen Kriminalroman „Das Orakel von Port-Nicolas" steht wieder der Ex-Inspektor Louis Kehlweiler im Mittelpunkt, der schon in den anderen Romanen der Schriftstellerin ermittelte.
Genau dies ist der einzige, wenn auch vernachlässigbare Schwachpunkt des Krimis: Andeu-tungen auf frühere Fälle, die der Neu-Leser nicht immer versteht. Doch das sollte niemanden hindern, den Krimi zu lesen. Denn: Was Fred Vargas da erzählt, gehört zum Originellsten, was das Genre zu bieten hat. Allein schon ihr „Held" ist das genaue Gegenteil von dem, was einen Ermittler normalerweise ausmacht: Er hinkt infolge einer Knieverletzung, seine Le-bensgefährtin hat ihn verlassen, seine innere Zerrissenheit ist offensichtlich. Das macht ihn menschlich, er ist ein schräger, kantiger Typ, der seiner Umgebung oft auf die Nerven geht, aber der auch treu ist und seine Freunde nicht im Stich lässt. Kommissar Zufall spielt ihm ei-nen kleinen Knochen in die Hände, der sich als Zehenknöchelchen entpuppt. Und damit nimmt die Handlung ihren Ausgang. Einem Spürhund gleich, gelingt es Louis Kehlweiler, die Spur des Knochens zurückzuverfolgen und damit den Täter in die Enge zu treiben. Er wird von zwei Historikern unterstützt, die genau wie er mit unverwechselbaren Eigenheiten aus-gestattete, aber sympathische Typen sind. Nichts ist vorhersehbar in diesem Roman, bis hin zum Schluss, bis zu dem Louis Kehlweiler auch noch zweimal mit seiner Vergangenheit kon-frontiert muss. Fred Vargas, respektive der Übersetzer Tobias Scheffel, schafft es, Span-nung zu schaffen, zu halten und dabei noch Raum zu finden für manchmal scheinbar belang-lose, oft skurrile, aber immer unterhaltende Dialoge.
Dabei bleibt die Atmosphäre dicht, verhaltene Szenen dienen dem Atemholen, nach dem es unausweichlich weitergeht. Der Vergleich liegt nahe: Trotz aller Verästelungen, Rückblicke und Einblicke in den Seelenzustand ihrer Akteure ist es die „archäologische" Präzision, mit der Fred Vargas die Handlung vorantreibt und ihren Helden mit einer an Starrsinn grenzen-den Ausdauer sein Ziel verfolgen lässt. „Der spinnt!" denkt man als Leser manchmal und will gerade deshalb wissen, was als nächstes geschieht. Diese Eigentümlichkeiten des Romans sind es, die ihn von anderen unterscheiden und gerade deshalb zum Lesen empfiehlt. Wer das Buch zur Hand nimmt, muss darauf vorbereitet sein, sich mitreißen zu lassen von der Handlung, aber auch eine unerklärliche Sympathie für die Hauptakteure zu empfinden, vor allem für Louis Kehlweiler, der so schräg ist, dass er eine Kröte zu seinem liebsten Begleiter ernannt hat.