Nicht nur die Menge der Nahrung muss stimmen, sondern auch die Qualität - das gilt für den Verdauungstrakt UND das Gehirn des Lesers. Hier stimmt beides - und ich verteidige das Buch als erstes mal vehement gegen den Vorwurf, es sei zu lang!
"Zu lang" könnte bedeuten: redundant - das ist es tatsächlich auf keiner seiner vielen Seiten.
"Zu lang" könnte auch bedeuten: langweilig, uninteressant. Das Gegenteil ist der Fall!
"Zu lang" scheint mir in diesem Fall eine Umschreibung für erlahmendes Interesse des betreffenden Lesers - und das muss nicht Fehler des Buches sein!
Gleich folgt der zweite Punkt der Verteidigung, und zwar gegen den Vorwurf, das Buch sei "zu amerikanisch". Ja, der Autor ist Amerikaner und schreibt nur und ausschließlich aus seinem persönlichen Blickwinkel über die Verhältnisse in den USA.
Würde man das John Irving, Philip Roth oder Paul Auster vorwerfen?
Wie sollte denn ein Buch über die komplette globale Nahrungsmittelproduktion strukturiert sein? Und wie viele Seiten würde DAS wohl haben?
All die positiven Dinge, die andere Rezensenten hier geschrieben haben, stimmen. Michael Pollan ist ein Intellektueller im besten Sinne des Wortes, der sich seines Verstandes forschend und hartnäckig bedient und uns an seinem Erkenntnisprozess teilhaben lässt ohne JEmals belehrend zu wirken. Macht das einen Spass, wenn man z.B. die Erfolgsgeschichte des Maises aus der evolutionären Sicht dieser Pflanze betrachtet, die sich der menschlichen Spezies auf so erfolgreiche Weise zu ihrer Verbreitung bedient!
Knallharte physikalische und wirtschaftliche Fakten, umfassende fundierte Recherche, Kenntnis der (in diesem Fall westlichen) Geistesgeschichte, ein unvoreingenommener wacher Geist und ein geschliffener, eleganter Stil tragen zu diesem Lesegenuss erster Klasse bei. Der Genuss besteht auch darin, durchaus nicht unbekannte Sachverhalte aus einer völlig neuen Perspektive zu betrachten.
Das Schöne ist außerdem, dass die deutsche Übersetzung wirklich sorgfältig und liebevoll erfolgt ist - selten der Fall, weil die armen Übersetzer pro Seite bezahlt werden und logischerweise nicht mit einzelnen Formulierungen ringen können. Oft stutzt man dann an "rumpeligen" Stellen und ahnt, wie der Satz auf englisch gelautet haben muss. Das bleibt einem hier vollständig erspart, und zusätzlich werden freundlicherweise Dinge wie "Twinkie" oder "slick Willie" erklärt, so dass auch Leser, die selbst noch nie in den USA waren, alles kapieren können.
Mir persönlich war das Buch, ehrlich gesagt, zu kurz!