Das Nibelungenlied mußte ich lesen, schon in der Schule. Und die ersten Strophen auswendig lernen. Und ja immer Ni-belungen sagen. Ni-belungen, Ni-belungen. Damals fand ich es ätzend.
Aber man begegnet sich ja immer zweimal. An der Uni war es Prüfungsstoff, und ich mußte nicht nur wohl oder übel wieder ran, sondern auch gestehen, daß ich es jetzt spannend fand. Das mittelalterliche Heldenepos um Kriemhild und Siegfried, Gunther und Brünhild, um den sagenhaften Schatz der Nibelungen und ihre große Not entpuppte sich bei genauerem Hinsehen als erstaunlich fesselnde Geschichte: Siegfried, der Held, wirbt um Kriemhild und erhält die Hand seiner Angebeteten; mit Hilfe einer Tarnkappe verhilft er Gunther, die starke Brünhild zu besiegen und zur Frau zu nehmen. Doch dann nimmt das Unglück seinen Lauf. Siegfried wird ermordet und Kriemhild schwört furchtbare Rache. Eine Rache, die den Untergang der Nibelungen besiegelt und erst mit dem Tod der Heldin endet.
Es ist ein merkwürdiges und in seiner drastischen Konsequenz ungewöhnliches Bild, das hier gezeichnet wird. Die beschriebene Gesellschaft ist durch und durch negativ. Selbst die eigentlich positiven Gestalten sind von einem negativen Hauch umgeben. Mord und Totschlag, Haß und Verrat, Machtgier und Rache durchziehen das in 39 aventiuren gegliederte Nibelungenlied vom Anfang bis zum bitteren Ende.
Die agressive Energie, die sich auf mehr als 2000 Strophen zusammenballt, läßt auch heute noch eine ganze Reihe von modernen Thrillern alt aussehen. Was der anonyme Verfasser allerdings damit beabsichtigte, bleibt im Dunkeln. War es eine Warnung oder eine schonungslos offene Beschreibung der höfischen Wirklichkeit? Vielleicht finden Sie eine Antwort. Das Lesen lohnt sich! --Anne Hauschild
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Copyright: Aus
Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)
Nibelungenlied
OT Der Nibelunge Not EZ um 1200OA 1757 (in Auszügen), 1782 (vollständig)Form Heldenepos Epoche Mittelalter
Das Nibelungenlied ist eines der bedeutendsten höfischen Heldenepen des deutschen Mittelalters. Es fasst Stoffe der Völkerwanderungszeit (4.6. Jahrhundert), die über Jahrhunderte mündlich überliefert und in ihrem historischen Gehalt bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt wurden, zu Bildern von der Pracht höfischen Lebens und Erzählungen blutiger Schlachten zusammen. Erzählt wird von Liebe und Tod, von Treue und gnadenloser Rache. Der düstere Gedanke, das alle Freude im Leid endet, durchzieht das Werk.
Aufbau: Das mehr als 2000 Vierzeilen-Strophen umfassende Nibelungenlied, dessen Verfasser unbekannt ist, besteht aus 39 »Aventiuren«, die sich in zwei Teile gliedern. Es beruht auf verschiedenen älteren Sagen. Teilstücke wie das Gudrunlied (Brünhild) und das Lied von Siegfried dem Drachentöter finden sich auch in der nordischen Liedsammlung der R Edda.
Inhalt: Am burgundischen Nibelungenhof herrscht König Gunther; die schöne Kriemhild ist seine Schwester. Siegfried, Königssohn aus Xanten und ein berühmter Held, kommt um sie zu werben. Hagen, ein Gefolgsmann Gunthers, erzählt von Siegfrieds Heldentaten, wie er den Nibelungenhort, einen gewaltigen Schatz, errang, die unsichtbar machende Tarnkappe gewann, einen Drachen tötete und sich durch das Bad in dessen Blut unverwundbar machte. Als Gunther auf Brautwerbung zu Königin Brünhild zieht, nimmt er Siegfried als Gefährten mit, dem er dafür Kriemhild als Braut verspricht. Die Königin will aber nur den ehelichen, der sie im Kampf bezwingt. Siegfried verhilft Gunther mit seiner Tarnkappe zum Sieg. Nach einer unerfreulichen Hochzeitsnacht, in der sich Brünhild ihres Gatten erfolgreich erwehrt, springt Siegfried abermals unerkannt ein, entwendet Brünhild dabei aber einen Gürtel, den er nach der Rückkehr Kriemhild schenkt.
Am burgundischen Hof kommt es zwischen Königstochter und neuer Königin zum Streit. Die gekränkte Kriemhild klärt Brünhild darüber auf, wer in Wahrheit ihr erster Mann gewesen ist, und zeigt den Gürtel als Beweis. Brünhild ist verzweifelt und bittet Hagen um Beistand. Dieser überzeugt Gunther von der Notwendigkeit, Siegfried zu töten, da er zu mächtig werde. Hagen bringt Kriemhild dazu, Siegfrieds einzige Schwachstelle auf seiner Kleidung zu markieren, denn dort, wo während des Bades im Drachenblut ein Blatt seine Haut bedeckte, ist auch der Held verwundbar. Hagen tötet Siegfried während einer Jagdpartie. Kriemhild erkennt, dass Hagen der Mörder war. Er raubt ihr den Hort, damit sie ihn nicht zur Rache nützen kann, und versenkt ihn im Rhein. Damit endet der erste Teil (Aventiuren 1 bis 19).
Im zweiten Teil (Aventiuren 2039) wirbt Etzel, König der Hunnen, um Kriemhild. Obwohl von Hagen vor den Folgen gewarnt, stimmt Gunther zu. Nun kann Kriemhild ihre Rache vollziehen. Sie lädt Bruder und Gefolgsmann zu sich ein. Auf dem Weg ins Hunnenland erfährt Hagen durch eine Prophezeiung, dass es eine Reise in den Untergang ist. Am Hof Etzels wird ein großes Fest gegeben. Dies nutzt Kriemhild zum ersten Angriff auf die Nibelungen durch von ihr bestochene Hunnen. Im Saal tötet Hagen den jungen Königssohn. Kriemhild lässt den Saal anzünden. Es kommt zu einem Gemetzel, das nur Hagen und Gunther überleben. Kriemhild fordert von Hagen den Hort zurück, er antwortet ihr, dass ihn der Eid binde, solange Gunther lebt. Daraufhin lässt sie ihren Bruder töten. Eben dies hat Hagen bezweckt, denn nun weiß nur noch er, wo der Hort versteckt ist. Voller Wut schlägt ihm Kriemhild den Kopf ab. Daraufhin wird sie von Hildebrant, dem alten Waffenmeister, getötet.
Wirkung: Bis zu seiner Wiederentdeckung und Übertragung ins Neuhochdeutsche durch den Schweizer Schriftsteller und Philosophen Johann Jakob Bodmer (16981783) war das Nibelungenlied verschollen. Danach erhielt es rasch den Rang eines deutschen Nationalepos. Die Romantiker begeisterten sich ebenso dafür wie der Komponist Richard Wagner (Zyklus Der Ring des Nibelungen, UA 186976). Die erste Adaption fürs Kino erfolgte bereits zu Stummfilmzeiten durch Fritz Lang (1924). Trotz vielfältiger ideologischer Vereinnahmung (»Nibelungentreue«) hat der Stoff nichts von seiner Faszination verloren und liegt in zahllosen Nacherzählungen, Dramatisierungen und Übersetzungen vor. P. R.
Literatur: W. Hansen, Die Spur des Sängers. Das Nibelungenlied und sein Dichter, 1987.