Vorab: Ich schreibe diese Rezension als interessierter Laie.
Im Buch werden die meisten heute bekannten Texte des frühen Christentums in deutscher Übersetzung vorgestellt. Sie sind nach ihrem vermuteten Entstehenszeitpunkt geordnet, und mit kurzen erläuternden Vorworten ergänzt. Das Buch umfasst sowohl die kanonischen Texte des Neuen Testaments, als auch alle bekannten Apokryphen, sowie Versuche der Rekonstruktion von unbekannten Texten (Logienquelle).
Die Übersetzung ist ungewöhnlich, und das wird im Vorwort gut begründet. Was die beste Art sei, biblische Texte zu übersetzen, darüber kann ich kein kompetentes Urteil abgeben. Ich finde diese Übersetzung aber gut lesbar und verständlich, und ein paar Punkte werden deutlicher als in einer Luther- oder Elberfelder Übersetzung. Natürlich fliessen in diese Art der Übersetzung auch Interpretationen ein, die hinterfragbar sind. Als laie bin ich aber dankbar darüber, da sonst einiges für mich aus Mangel an historischem Wissen gar nicht verständlich wäre. Sehr dankbar bin ich den Übersetzer_innen, daß sie den unklaren und problematischen Begriff "Unzucht" vermieden haben, der heute noch in Elberfelder- und Luther-Übersetzungen verwendet wird. Das macht die Texte nicht nur für die heutige Zeit lesbarer, es befreit sie auch von ideologischem Ballast der Kirchengeschichte.
Viele Annahmen sowohl in der Übersetzung, als auch in Datierung und Rekonstruktion der Texte dürften in der wissenschaftlichen Gemeinschaft kontrovers sein, was die Autor_innen so auch benennen. Der Zweck dieses Buches ist es aber vor allem, all diese Texte in einer lesbaren Form vorzustellen, so gut es nach dem Stand der Forschung heute eben geht, es wendet sich nicht an theologische/historische Quellenforscher_innen.
Und eben das macht den Reiz des Buches aus. In der Darstellung werden kanonischen Bibeltexten und Apokryphen gleichberechtigt nebeneinander gestellt (wenn auch das Vorwort von einem Vorrang der kanonischen Texte spricht). Und das ist gut so. Er ermöglicht es, einen Überblick zu gewinnen über die frühchristliche Literatur im 1. und 2. Jahrhundert, bevor die die Kanonisierung dem Neuen Testament seine (fast) unveränderliche Gestalt gegeben hatte, die heute das Dogma aller Kirchen darstellt.
Wer die Absicht hat, das Neue Testament wieder einmal zu lesen, wird diese Sammlung mit großem Gewinn lesen können. Die Darstellung macht es leicht, die Gesamtheit der Texte von vorne bis hinten durchzulesen, und das lohnt sich. Die Apokryphen eröffen einen neuen Blick auf Gedanken, die im frühen Christentum diskutiert wurden, und die in der Kirchengeschichte teilweise verloren gegangen sind. Die Frage "Was hat Jesus wirklich gemeint" wird man natürlich nicht beantworten können, wenn anscheinend nicht mal die Apostel sich darüber einig waren, um so weniger als Leser_in in der heutigen Zeit. Aber diese Zusammenstellung eröffnet doch viele Gedanken jenseits der Kanonisierung, und ermöglicht einen freien Blick auf die biblischen Texte, der unverstellt von kirchlicher Dogmatik ist.
Sehr lesenswert!