Der Spionage-Thriller
Der Mann, der niemals lebte von David Ignatius war nicht zuletzt dank der Action-reichen Verfilmung von Ridley Scott mit Russell Crowe und Leonardo DiCaprio ein Bestseller. »Das Netzwerk«, das erstmals auf deutsch erhältliche Frühwerk, schlägt in die gleiche Kerbe. Leider trifft es trotzdem nur daneben.
»Das Netzwerk« schrieb Ignatius bereits 1991. Er kehrt darin zurück ins Jahr 1979, zur Hochzeit des Kalten Krieges, als die CIA mit allen Mitteln die muslimischen Widerstandbewegungen im Nahen Osten im Kampf gegen die rote Gefahr aus Moskau unterstützte.
Zwischen den Zeilen lässt Ignatius ständig Kritik an der damaligen CIA-Aufbauarbeit durchscheinen, deren Ergebnis wir seit spätestens dem 11. September 2001 kennen. »Das Netzwerk« ist also, obwohl in der Vergangenheit angesiedelt, ein hochaktueller Roman. Denn wir wissen auch: An der strategischen Ausrichtung der US-Geheimdienste hat sich bis heute nichts geändert - sie flattert wie ein Fähnlein im Wind. Und manchmal hängt sie auch einfach nur durch.
So wie die Agenten in »Das Netzwerk«: Die quatschen sich ständig nur den Mund fusselig, lassen dabei in endlosen Tiraden Vergangenes Revue passieren oder planen mit nervtötender Bräsigkeit geheime Aktionen im Nahen Osten. Herrje, arbeiten so die Geheimdienste? Ja, blurbt George Tenet auf dem Buchumschlag von »Das Netzwerk«. Der Mann muss es wissen. Er ist der ehemalige Direktor der CIA. Er verrät: »CIA-Agenten bewundern Ignatius, weil er besser als jeder andere Schriftsteller die Feinheiten ihres Geschäfts versteht.«
Also gut, wenn Tenet das sagt, wird es wohl stimmen. Aber damit ist auch klar: Ein Agentenleben ist ungefähr so aufregend wie eine Fahrt mit der S-Bahn im Berliner Winter: zäh, kalt, öde ... Doch kein Problem: Wenn ein Roman vor dem Hintergrund realer Ereignisse spielt, deren Auswirkungen unser Leben noch heute tagtäglich berühren (wohl eher: beschneiden), hat ein Blick hinter die Kulissen jener Vorkommnisse durchaus seine Berechtigung, egal wie langweilig es dort zuging (oder zugeht).
Doch dummerweise gelingt es Ignatius nicht, wenigstens seine Figuren überzeugend zu zeichnen. Die Progatonisten sind blasse Schemen, holzschnittartig, fast schon klischeehaft. Da hilft es auch nicht, daß die Frauen und Männer gelegentlich das Verlangen verspüren, einander in den Arm zu nehmen, sich sogar verlieben, über Sex reden oder tatsächlich miteinander schlafen. Sorry, das alleine genügt nicht für einen glaubhaften Charakter. Somit hinterlässt »Das Netzwerk« mit seinem interessantem Hintergrund, aber einer öden Geschichte und noch faderen Figuren einen schalen Nachgeschmack. Schade.