"Das Netz" umreißt ein atemberaubendes politisches und kulturkritisches Aufklärungsprogramm. Ausgangspunkt der Recherche, bei der der Zuschauer dem Regisseur begleitet, sind die zunächst rätselhaften Motive des sogenannten UNA-Bombers Ted Kaczinski. Dieser verübte in den 90er Jahren mehrere Attentate auf Vertreter von Universitäten und Fluggesellschaften.
Vor allem auf der Grundlage von Interviews erklärt der Film nicht nur die Entwicklung der ersten Computer und des Internets, sondern er zeigt auch auf, dass auch die Aussteigerbewegung der Hippies und die hippen Selbsterfahrungsexperimente mit LSD zu wesentlichen Teilen als Forschungsprogramm des US-Militärs konzipiert und von dort auch finanziert wurden. Nicht nur die avantgardistischen Künstler, die mit unterschiedlichen Formen der Entgrenzung von Medien und Bewusstsein experimentierten, sondern auch andere Protagonisten der Gegenkultur erscheinen so als Versuchskaninchen von Militär, CIA und US-Regierung. Allen voran auch Ted Kaczinski selbst, der einst offenkundig ohne Hinweis auf mögliche Nebenwirkungen an Drogenexperimente teilnahm.
So weit so spannend und überzeugend. Angesichts der Vernetzung der vordergründig weit auseinanderliegenden Lager wirkt der erste Teil des Films fast noch überraschend neutral - wenn man über die eher subtilen Signale der Sympathiesteuerung hinwegsieht wie etwa den auffällig netten und besorgten Ton, in dem die Briefe Kaczinskis verlesen werden. Die Sympathielenkung aber wird, und das gereicht dem Film wahrlich nicht zum Vorteil, im zweiten Teil deutlich aufdringlicher.
Eher im Hintergrund, dafür umso wirkungsvoller signalisiert der Sound kurz vor dem Interview mit Heinz von Foerster, dass hier ein wirklich Böser die Bühne des Films betritt. Besser wird der Film dadurch nicht. Und inhaltlich erscheinen die Botschaften kurz vor dieser Szene, in der Darstellung der so genannten Macy-Konferenzen, nicht mehr nur suggestiv, sondern ärgerlich manipulativ. Künstler, die sich mit Teilnehmern dieser Konferenzen unterhielten, werden zur "Boheme", die Konferenzen, die sich u.a. mit praktischen Konsequenzen aus Adornos Faschismustheorien beschäftigten, werden zu Entwicklern effizienter Herrschaftsmittel im kalten Krieg. Die Konferenzen selbst, die wohlgemerkt von einer privaten Stiftung getragen wurden, werden in einem Nebensatz kurzerhand zu Veranstaltungen des amerikanischen Militärs umgemünzt. Und die Präsentation von Foersters macht aus einem charmanten Wiener Gelehrten einen fast diabolisch anmutenden Greis, der irgendwie nicht zu wissen scheint, was er mit seinen Forschungen für eine unheilsame Entwicklung angestoßen hat.
Mit diesen Schwächen der Präsentation gehen inhaltliche Mängel einher. So beeindruckend der Aufweis von der Verbindung von militärischer Forschung, avancierter Kunst und Aussteigerkultur auch ist: die Finanzierung der Erforschung offener Systeme in Kybernetik und Psychologie durch Militär und CIA rechtfertigt nicht die Reduzierung dieser Forschung auf ein Herrschaftsinstrument. Flagrant wird das in der Polemik gegen die Thesen von Adorno und Levin: allein den pädagogischen Wunsch dieser von den Nazis vertriebenen Philosophen und Psychologen, dass man Menschen gegen totalitäre Ideen imprägnieren könne, deutet Dammbeck eindimensional als Ausdruck von Herrschaftswahn. Soll man totalitarismusanfällige Menschen besser gleich an die Wand stellen? Oder totalitäre Strukturen als unhintergehbare Geißel der Menschheit einfach akzeptieren?
Jenseits dieser Fragen scheint Dammbeck auch nicht zu registrieren, dass jede pädagogische Theorie auf die Veränderung von psychischen Eigenschaften abzielt. Die Frage, wie man "die Freiheit bei dem Zwange" der Erziehung fördern könne, beschäftigte schon Kant. Dammbecks Polemik nimmt von solchen logischen Schwierigkeiten einer jeden Pädagogik keine Notiz. Er enttarnt Herrschaftsinstrumente. Und als Antwort auf Herrschaft scheint er deutlich mehr Sympathie für einen Bombenleger zu hegen als für Leute wie Adorno oder Levin auf der einen Seite und Heinz von Foerster mit seinen luziden Kommentaren zur Nichtbeherrschbarkeit psychischer Systeme auf der anderen. Abgesehen davon, dass jemand, der so penibel auf manipulative Tendenzen der anderen verweist, sich mit Manipulationstechniken im eigenen Film etwas stärker hätte zurücknehmen können.
Am Ende sieht es dann so aus, als wäre der Bombenleger kaum mehr Täter, sondern vor allem Opfer und als wäre das Ausstiegsprogramm, das der Bombenleger in seinem "Manifest" propagiert, die einzig auch nur halbwegs nachvollziehbare Antwort auf den 'Wahnsinn der Systeme'. Als wenn Bombenlegen besser wäre als Pädagogik und als wenn die Verwirklichung des Traums vom einfachen Leben in der Pampa angesichts der schieren Größe der gegenwärtigen Weltbevölkerung für das Gros der Menschheit überhaupt nur denkbar wäre.
Aller Kritik zum Trotz: Der Film ist unbedingt sehenswert und präsentiert einen sehr originellen Blick auf den Ursprung von Entwicklungen, die für uns heute selbstverständlich scheinen: auf PC, auf Internet, auf intermediale Kunst, auf konstruktivistische Lerntheorien, auf soziologische Systemtheorie usw. usf. Das alles hätte Dammbeck aber auch leisten können ohne die Diabolisierung von Menschen und Entwicklungen, die weder in der Absicht noch in der Wirkung so einseitig negativ waren und sind, wie sie der Regisseur hier darstellt.