Während der Winterszeit halten sich die meisten Männer von "Notre-Dame am See" in den Wäldern auf, um mit Holzschlagen für den Lebensunterhalt ihrer Familien zu sorgen. Gerade zu der Zeit taucht ein Fremder mit seinem knatternden Motorrad in dem eingeschneiten kleinen Nest auf, und als wäre dies allein nicht schon Sensation genug, sind es vor allem zwei Dinge, die bei manchen Einwohnern Besorgnis erregen: zum einen hat sich Serge, so heißt der ominöse Eindringling, bei der jungen Witwe Marie einquartiert, was natürlich gegen sämtliche Regeln der Sittsamkeit und des Anstands verstößt, zum anderen macht er sich mit seiner einnehmenden, zupackenden Art schnell im ganzen Dorf unentbehrlich. Der Tausendsassa ist von Beruf Tierarzt, versteht sich aber auch vortrefflich aufs Kochen und überrascht noch mit so manchem anderen.
Die Highlights dieses Bandes waren für mich die Schweineschlacht, bei der die Dorfbewohner zum ersten Mal mit einem von Serges vielfältigen Talenten konfrontiert werden, dann Heilig-Abend, wo er einem erlesenen Kreis seine Kochkünste vorführt und der Rest der Bewohner sich lediglich mit den verführerischen Düften begnügen muss, die aus Maries Haus strömen und die fröhliche, ausgelassene Schlittenpartie, bei der Jung und Alt mitmacht.
Laute, heitere und turbulente Szenen, an denen die Dörfler beteiligt sind, stehen immer wieder im Wechsel mit ruhigen Momenten trauter Zweisamkeit zwischen Marie und Serge, was für ein kurzweiliges, entspanntes Lesevergnügen sorgt. Farblich weicht Band 2 von seinem Vorgänger insofern ab, dass das Grün des Sommers nun mit einem Eisblau des Winters ausgetauscht wurde und dazwischen verströmen Brauntöne in allen Schattierungen Behaglichkeit und Wärme, wenn man es sich drinnen in den Holzhütten gemütlich macht.
Fazit: Auch der 2. Band der Reihe "Das Nest" entführt den Leser wieder in eine längst vergangene Zeit Anfang des 20. Jahrhunderts, wo die Uhren langsamer zu ticken schienen als heute. Er bezaubert und umhüllt einen mit Wohlbehagen. Ein Muss für alle, die ruhige und atmosphärisch dichte Erzählweisen lieben.