Mit Schrecken muss ich feststellen, dass die durchschnittliche Bewertung für "Das Muschelessen" von Birgit Vanderbeke bisher bei gerade mal zweieinhalb Sternen liegt. Neunzehn Rezensenten lehnen das Buch gar ganz ab.
Meine Entrüstung lässt bereits meine eigene Einstellung zu diesem Werk vermuten: Ich finde "Das Muschelessen" großartig. Ein wenig Toleranz wird vom Leser zu Beginn zwar schon erwartet, der langgezogene Schreibstil, die nie enden wollenden Sätze können anfangs vielleicht ermüdend wirken. Aber die einfache und scheinbar ungegliederte Sprache hat durchaus ihre Bedeutung. Es wird gezeigt, dass das ganze Buch eigentlich nur ein innerer Monolog der Protagonistin ist, die überraschend kühlen Reflexionen einer jungen Frau über ein an sich äußerst emotionales Thema. Allerdings ist Protagonistin nicht ganz richtig, ist doch der eigentliche Hauptcharakter des Werkes der Vater.
Die Idylle, das Ideal der Familie wird hier auf anfangs subtile und dann immer deutlichere Weise demaskiert, die Familie offenbart sich als Reich der Willkür eines Haustyrannen. Klassische Familienkonflikte, freilich arg überzeichnet, werden hier aufgerollt, der Konflikt zwischen dem, was sich angeblich und nach Meinung des Vaters gehört und dem, was sich die Frau und die beiden Kinder wünschen, dem Properen und dem Lebendigen, dem Rational-Analytischen und der freien Emotionalität.
Was mit dem Kochen von Muscheln für eine Familienfeier beginnt, entwickelt sich auf nahezu unfreiwillige Weise zum Strafgericht über einen Mann - das Urteil ist zum Schluss jedenfalls klar.
Wer vorurteilsfrei an diesen schmalen Band herangeht, der kann meiner Meinung nach nur gewinnen. Ich finde, dass "Das Muschelessen" die große Beachtung, die ihm zuteil wurde, voll und ganz verdient.