Es gibt viele Journalisten, die unter ihrem Beruf zu leiden haben. Der Druck des Tagesgeschäfts zwingt sie zu einem ständigen Themenwechsel und erlaubt es oft nicht inne zu halten, länger zu reflektieren, all das Recherchierte über erweiterte Schlagzeilen hinaus zu vertiefen. Die je unterschiedliche Betroffenheit sucht und findet jedoch ihren vielfältigen Ausdruck, der von einer deformacion professionelle bis zu einer Monographie reichen kann. Vor allem dann, wenn die in Erfahrung gebrachte Wirklichkeit einen totalen Anspruch stellt.
Tom Matzek war als Mitarbeiter der Zeitgeschichtsredaktion des ORF dem Unfassbaren auf der Spur. In der Aufarbeitung nationalsozialistischer Verbrechen wollte ihn die Geschichte eines einzigen Gebäudes auch nach Redaktionsschluss nicht entlassen: Schloss Hartheim in Oberösterreich.
Der schmucke Renaissancebau wenige Kilometer von Linz entfernt, der schon vor hundert Jahren vom Orden der Barmherzigen Schwestern als Heil- und Pflegeanstalt für Behinderte geführt wurde, sollte im Dritten Reich zum mörderischen Zentrum eines praktizierten Rassenwahns bestimmt werden. Von Mai 1940 bis Dezember 1944 wurden dort, von SS-Ärzten geleitet, über 30.000 Menschen ermordet, vergast, verbrannt. Lebensunwerte Ballastexistenzen, Erbkranke, rassisch Minderwertige", die auf Führers geheiß in verschleierten Zügen und Bussen aus der Ostmark, dem süddeutschen Raum, Sudetenland, Südtirol und Slowenien in das 200-Seelendorf verschleppt und im Schloss getötet wurden. Die `weißen Götter` Dr. Renno, Dr. Lonauer und viele andere waren ihre Mörder.
Von Sekundärliteratur sicher geführt, gelingt es Tom Matzek ein umfangreiches Bild dieses grausamen Ortes nach zu zeichnen und die historischen Hintergründe und Motivlagen dieser tausendfachen Mordtaten auszuleuchten. Mehr noch: in über zwanzig Interviews schafft es der Autor - wohl zur letzten Möglichkeit - auch bisher verschwiegene Zeitzeugen sprechen und uns wissen zu lassen, dass in diesem kleinen Ort nicht nur Angst und Terror herrschten, sondern auch Widerstand geleistet wurde. Die ortsansässigen Antifaschisten Leopold Hilgarth und Ignaz Schuhmann opferten dafür gar ihr Leben.
Auch wenn Matzek phasenweise zu Redundanzen, in manchen Erklärungsversuchen zu Psychologismen neigt, ist es ein wertvolles Buch geworden. Nach den Arbeiten von Brigitte Kepplinger, Walter Kohl, Gerhardt Marckhgott und Florian Zehethofer reiht es sich ein in die historischen Aufarbeitungen der NS-Euthanasie in Oberösterreich, die ein oft erwünschtes und gefordertes Verschweigen verhinderten.