Ich muss gleich zu Anfang zugeben, dass ich ueber das sog. "Monster von Florenz" zuvor bereits ein anderes Buch eines Autors gelesen hatte, der eine voellig andere Theorie - nicht weniger glaubwuerdig - vertritt als Giuttari, und von daher nicht voellig unvoreingenommen an dieses Buch herangegangen bin.
Leider hat Giuttari sich in seiner Verschwoerungstheorie ueber mehrere Mittaeter und angebliche Auftraggeber in hoechsten Kreisen dermassen festgebissen, dass seine Ermittlungen ueberwiegend seinem Wunschdenken zu folgen scheinen. Er hoert, was er hoeren will und sieht, was er sehen will, nur um seine Verschwoerungstheorie, die in der zweiten Haelfte des Buches ins Absurde abgleitet, zu "beweisen".
Er ueberzeugt zunaechst noch einigermassen damit, dass es moeglichweise Mitwisser und Zeugen gegeben hat, die aus vielfaeltigen Gruenden nicht hervorgetreten sind. Aber nun plaudern auf einmal alle moeglichen Leute - inklusive des Dorftrottels - ueber ihre spektakulaeren Beobachtungen und ihre angebliche Tatbeteiligung. Giuttari scheint dabei gar nicht auf die Idee zu kommen, dass er es hier mit der klassischen Geruechtekueche, Hoerensagen und wahrscheinlich falschen "Gestaendnissen" von Leuten zu tun hat, die sich dank ihres Geschwaetzes zum ersten Mal in ihrem Leben im Rampenlicht sehen. Weiss Giuttari nicht, dass dies die typischen Randerscheinungen spektakulaerer Verbrechen sind?
Sicher gibt es einige wenige Beispiele von Seriemoerdern, die Komplizen hatten. Aber dass eine ganze Gruppe von Menschen ueber Jahrzehnte hinweg grausame Morde an unbescholtenen jungen Leuten nicht nur deckt, sondern daran verwickelt ist? Das alleine erscheint schon sehr weit hergeholt, aber als Giuttari dann Beweise fuer einen angeblichen Satanskult zu entdecken glaubt, wird es absurd. Wenn es sich um einen Roman und nicht um tatsaechlich geschehene Morde handeln wuerde, koennte man fast lachen.
Wie fast alle Verschwoerungstheoretiker glaubt auch Giuttari sich von hoechster Stelle in seinen Ermittlungen behindert und verfolgt. Diese angeblichen Behinderungen sehen aber fuer den kritischen Leser eher nach ganz normaler Schlamperei und Gleichgueltigkeit aus. Vielleicht wurde auch von staatlicher Seite - nicht ohne Grund - versucht, Giuttari mit seinen obsessiven Theorien in seine Schranken zu verweisen. Nachdem er einen wahrscheinlich voellig harmlosen und unbeteiligten Arzt, der offenbar Selbstmord begangen hat, als Auftraggeber der Serienmorde verdaechtigt und dessen Praxis posthum nach Leichenteilen durchsuchen laesst, schlaegt er definitiv ueber die Straenge. Gleichzeitig unterstellt er der Familie dieses Arztes, an der Verschwoerung beteiligt und die Leiche des Arztes heimlich ausgetauscht zu haben. All das waere in einem Kriminalroman oder einem Film zu unglaubwuerdig, wirkt aber als "Ermittlunsergebnis" einfach nur noch abwegig.
Kritisieren muss man an Giuttari auch sein ausgepraegtes Ego, dem er mit dem Fall des "Monsters von Florenz" wohl ein Denkmal zu setzen hoffte. Er kommt einfach nicht darueber hinweg, dass ihm mit seiner Verschwoerungstheorie nicht der grosse Durchbruch gelungen ist. Der teilweise laecherliche Pathos und die laienhafte Dramatik des Buches moegen wohl auch an der etwas unbeholfenen, hoelzernen Uebersetzung liegen.
Warum also trotzdem zwei Sterne? Trotz aller Kritikpunkte ist das Buch ueber weite Strecken sehr spannend zu lesen. Wer selbst einen Hang zu Verschwoerungstheorien hat, findet bei Giuttari echte Seelenverwandtschaft.