Ja, es stimmt: Das Buch ist überteuert, das Coverbild einer kopflosen Frau bescheuert.*
Der Titel hat herzlich wenig mit dem Inhalt zu tun und es ist eine Schande, ein Stück Publikationskultur dem schnöden Mammon zu opfern. (Der Verlag verdient durch das "Card-Cover" ca. 1 Euro extra pro Buch.) Darum schnell zu den inneren Werten:
"Gemeindeschwester" Tiffany Weh hat in ihrem Revier alle Hände voll zu tun und beweist der Welt, dass Hexen harmlos und gütig sind und dass sie die richtige kluge Person am rechten Ort ist. Ach ja, dann war da auch noch diese Kopfseuche, der personifizíerte Hass, der es ausgerechnet auf die Jüngste abgesehen hat. Aber ein Hexe muss tun, was eine Hexe eben tun muss ...
Soweit die Handung in Kürze und bei oberflächlicher Betrachtung. Mit leichtem Hang zu Kitsch und Pathos schießt Pratchett damit auch nicht den Vogel ab. Aber allemal macht das Buch mehr Spaß als ein durchschnittliches und darum auch die gute Bewertung. Dass es dazu mehr zu sagen gibt, beweist die Länge des nachfolgenden Textes - den zu lesen keiner gezwungen wird :-)
Es ist eigentlich unmöglich, dieses Werk objektiv zu beurteilen. Zu viele Gefühle funken einem dazwischen. Wenn der Reigen der Scheibenwelt-Figuren noch ein letztes Mal vorüber zieht, um sich zu verneigen, denkt man an ein ganzes Schriftstellerleben, wischt sich eine Träne aus dem Augenwinkel und schnieft nur kopfschüttelnd: "Wow, wow, wow! - Hat er nun doch noch einmal den Bogen gekriegt."
[Für alle, die es noch nicht wissen: Prachett leidet seit nunmehr 5 Jahren an einer erblichen Alzheimererkrankung, die früh ausbricht und keine Hoffnung lässt. Wer neuere Fotos gesehen hat, kann nicht glauben, dass man in diesem Zustand noch Anfang und Ende einer Geschichte zusammenknüpfen kann - geschweige denn mit einem Spannungsbogen überbrücken.]
Das vorliegende Werk ist sicher nicht Pratchetts bestes, aber keineswegs sein wertlosestes oder belanglosestes. Es ragt auf andere Weise aus der langen Reihe seiner Bücher heraus, repräsentiert es doch die Summe aller Weisheit, die sich im Laufe eines Lebens angesammelt hat. Ich schließe nicht aus, dass noch einige Zeit lang halbgare Bücher, die in der Pipeline steckten, im Halbjahrestakt verlegt werden. Aber - was auch immer noch kommen mag - irgendwie kommt mir dieses Werk wie ein BEWUSST gestalteter Abschied vor. Das kann kein Zufall sein. (Man beachte das Nachwort.)
Deshalb sehe ich darin Pratchetts letzten Auftritt und eine Verbeugung vor seiner Leserschaft. Insofern halte ich es für gerechtfertigt, einen anderen Maßstab anzulegen. Dies ist kein Buch, das einfach neben anderen in der Buchhandlung steht. Es ist - bei allen möglichen Abstrichen - sein Vermächtnis. (Auch wenn große Teile wahrscheinlich seit längerem fertig waren.)
Ein letztes Mal erhebt er seine Stimme und ruft uns in Erinnerung, was ihm ein Lebtag lang am Herzen lag: Toleranz, selbstlose Hilfe, gesunder Menschenverstand, Chancengleichheit, Abkehr vom Mob und Verurteilung aller engstirnigen Hexenjagden - ob religiös oder anders motiviert.
Pratchetts größter Wurf war die Erfindung der Scheibenwelt selbst. Die Geschichten aus der Kreidewelt waren nie so beliebt und manche Leser schimpften sie schon "Kinderbücher für Pratchetts Enkelinnen". Sein handwerklich perfektester Roman war "Eine Insel"
Eine Insel: Roman - aber als Alterswerk nicht anerkannt, da auf einer Parallelerde spielend. Pratchett war sich bewusst, dass ihm die Zeit davonläuft und er wohl keinen kompletten Scheibenweltroman mehr zusammenbekommen würde. Deshalb hat er die Kreidewelt nun endgültig auf die Scheibe verlegt, um (in einer leicht chaotischen Handlung an vielen Schauplätzen) so vielen seiner Geschöpfe wie möglich noch einen Auftritt zu ermöglichen:
Und da marschieren sie auf: "Nanny" Ogg und "Oma" Wetterwachs, Eskarina Schmied und die Kelda, der Kleine Irre Arthur und Nobby, Kommandeur Mumm und Hauptmann Karotte und Feldwebelin Angua und selbst neue Charaktere kommen wie alte Bekannte daher. Viele weitere werden namentlich erwähnt und als Erinnerungen geweckt:
König Verence von Lancre nebst Magrat Knoblauch, Miss Tick, Annagramma, sogar das "Alte Steingesicht"; die UU samt Zauberern und magischem Abfall, Frl. Kratzgut, Brutha und die Omnianische Kirche ...
Die Zwerge dürfen noch ein letztes Mal einen Besen tunen. Und wenn man sich an diesen bunten Querschnitt erinnert, fallen einem vielleicht auch die restlichen 90% ein.
JA, auch der SCHNITTER mit der grollenden Stimme hat seinen Auftritt.
Im bzw. mit dem sterbenden Baron des Kreidelandes, der sich schon zu Lebzeiten sein Mamorgrab geschaffen hat, hat Pratchett sogar noch einen Cameo-Auftritt - soweit sich das in einem Buch machen lässt. Und der Autor, der sich für Sterbehilfe einsetzt, lässt den Baron schmerzfrei und lächelnd sterben und lässt ihn bezeichnenderweise vom Hexennachwuchs in eine andere Welt geleiten, mit Erinnerungen an eine glückliche Kindheit und eine friedvolle Herrschaftszeit.
Wie soll man in Anbetracht des Ganzen das Buch bloß objektiv beurteilen?
Ich habe dem Autor nicht nur viele Stunden voller Lesefreude zu verdanken; ich betrachte ihn auch als Lehrer, sowohl in der Kunst des Schreibens wie auch der des Menschseins**
Die Gründe, die mich bewogen haben, einen Punkt abzuziehen, sind unter "Kommentar" zu finden - sozusagen meine persönliche Fußnote damit der Text nicht noch länger wird.
Danke für alles, Sir Terence David John Pratchett!
* für solche Portraits wurde manch einer aus dem Fotozirkel geworfen
** mit Rückgrat