Jacques LeGoff ist einer der kompetentesten Mediavisten, wenn nicht
der herausragende Fachkenner des Mittelalters , den die Gegenwart kennt. Schon seit vielen Jahren bestimmt er durch seine Werke die Zunft und hat wesentlich dazu beigetragen, dass das Mittelalter als Epoche in den vergangenen Jahrzehnten einer gänzlichen Neubewertung unterzogen wurde und seinen Ruf als "finsteres" Mittelalter verlor.
Seine historischen Schriften, auch die klassischen Abhandlungen, sind auch für Laien verständlich zu lesen und es macht mit Jacques LeGoffs Büchern endlich wieder Freude, sich mit (alter) Geschichte zu befassen.
So ist es auch kein Wunder, dass er jetzt bei C.H. Beck in der Übersetzung von Ursula Vones-Liebenstern ein kleines, sehr ansprechend aufgemachtes Büchlein vorlegt mit dem Titel Das Mittelalter für Kinder". Unter Verwendung unzähliger Originalbilder und Zeichnungen aus den beschriebenen Jahrhunderten, die in einem detaillierten Bildnachweis im Anhang dokumentiert sind, behandelt er in der alten Form des Dialogs die wichtigsten Fragen. Zunächst einmal stellt er klar, dass sein Buch für jüngere, aber auch für ältere Leser gedacht ist. Und tatsächlich: nur wenige Fachleute werden all das, was LeGoff da einem imaginären Jugendlichen, den er sich als fragenden und kritisch nachfragenden Gesprächspartner gewählt hat, schon kennen und sich bei der Lektüre langweilen.
In einem ersten Kapitel klärt er mit seinem Dialogpartner zunächst einmal die Frage der zeitlichen Abgrenzung des Mittelalters. LeGoff lässt es beginnen mit dem Fall Roms und erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts mit den ersten Formen der Industrialisierung enden. Die weiteren Kapitelüberschriften zeigen den Umfang seines Ansatzes und geben einen Hinweis darauf, was dieses schöne, auch als Geschenk für Kinder und Jugendliche gut geeignete Buch bereithält:
- Ritter, edle Frauen und Unsere Liebe Frau
- Burgen und Kathedralen
- Die Menschen im Mittelalter
- Die Mächtigen: Kaiser, Papst und Könige
- Die Religion und die Einheit Europas
- Die Christenheit, die Ketzer, die Juden und die Kreuzzüge
- Die religiöse Bilderwelt des Mittelalters
- Die Kultur
"So gesehen", schließt er sein Buch, "war das Mittelalter sehr wohl jene Zeit, in der Europa erstmals in Erscheinung trat und sich ausbildete. Es ist heute an uns, Europa zu vollenden. Aber das Mittelalter hat Europa jene Bewegung hinterlassen, die auf Einheit und Vielfalt zielt; wir können uns nur davon inspirieren lassen."
Dieses Buch vermittelt die Erkenntnis, dass wir unsere heutige Gegenwart ohne die Kenntnis der Vergangenheit nicht meistern werden. Es ist pädagogisch und didaktisch gut aufgebaut und macht mit seinem ausführlichen Bildteil richtig Lust auf Geschichte.